Jeremy Rifkin und die Null-Grenzkosten-SingularitätUnderstanding Digital Capitalism | Teil 13

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Google, Facebook, Wikipedia, Airbnb – ist das noch Kapitalismus? Oder schon Post-Kapitalismus? Digitale Technologien haben in den letzten 25 Jahren eine Im-Kern-immer-noch-aber-eigentlich-schon-was-anderes-Situation hervorgerufen. Extreme Produktivitätssteigerungen verändern die Arbeitswelt grundlegend, die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit wird unscharf, und klassische Arbeitsbiografien werden zum Auslaufmodell.

Ist das schon Post-Kapitalismus?

Die Verwertung digitaler Güter und Dienstleistungen, das Erzielen eines Preises am Markt wird immer schwieriger. Marktwirtschaft fußt auf Besitz und Verknappung – beides ist für digitale Informationen kaum mehr zu realisieren. Außerdem ist eine Sphäre von Informationsproduktion und -teilung, die sich der kapitalistischen Logik entzieht, entstanden: „Das bedeutendste Informations-Produkt –Wikipedia wird von Freiwilligen umsonst betrieben. Enzyklopädien sind aus dem Markt verschwunden und der Werbeindustrie gehen geschätzte drei Milliarden US-Dollar Gewinn pro Jahr dadurch verloren“, schreibt etwa der britische Journalist Paul Mason.

Jeremy Rifkin ist vielleicht der interessanteste Vertreter einer ganzen Palette an Postkapitalismus-Theoretikern. Für einen Amerikaner sehr links, kann er auf eine lange Liste an Veröffentlichungen zurückblicken. Nach dem eher esoterisch angehauchten „Die empathische Zivilisation“ von 2010 ist nun jüngst sein Buch „Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft“ erschienen, indem er das Auftauchen einer neuen Gesellschaftsordnung beschreibt, die er Collaborative Commons (Kollaboratives Gemeingut) nennt:

„Je mehr Güter und Dienstleistungen, die das Wirtschaftsleben unserer Gesellschaft ausmachen, sich in Richtung Nahezu-null- Grenzkosten bewegen und fast kostenlos zu haben sind, desto mehr wird sich der kapitalistische Markt in schmale Nischen zurückziehen, in denen Unternehmen, die Profit abwerfen, nur am Rande der Wirtschaft überleben.“

Rifkin zufolge wird der Kapitalismus abgelöst durch ein neues Gesellschaftsmodell, das sich heute bereits entwickelt. Drunter macht er’s nicht, der Mann für große Utopien!

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Jeremy Rifkin | Bild: Stephan Röhl via Wikimedia

Jeremy Rifkin wuchs im Süden von Chicago auf, studierte Ökonomie und engagierte sich viele Jahre lang als Aktivist gegen den Vietnam-Krieg. In der von ihm mit begründeten „Citizens Commission“ untersuchte er Vorwürfe über Kriegsverbrechen und organisierte Gegenveranstaltungen zur 200-Jahr-Feier der amerikanischen Unabhängigkeit. Als Publizist und Redner sehr erfolgreich, ist er heute Berater der Europäischen Union und vieler Staatschefs weltweit, er präsidiert der Foundation on Economic Trends in Washington D.C.

The End Of The Arbeit As We Know It

Im Jahr 1995 erschien Jeremy Rifkins Buch „The End of Work“ im New Yorker Putnam Verlag, herausgegeben von Prof. Bert Rürup (der mit der Rente). Mit diesem Buch wurde er auch in Deutschland bekannt. Rifkin vermag wie kaum ein anderer Ökonom oder Publizist Bestseller zu schreiben, die im Kern linksmarxistisch sind und dabei trotzdem von Staatschefs und Wirtschaftsbossen hofiert zu werden.
In „Das Ende der Arbeit“ knüpft Rifkin an einen verschütteten Strang bei Karl Marx an, der Kritik an der Arbeit überhaupt. Der Gedanken, dass die historische Produktivitätsrevolution, die der kapitalistische Einsatz von Technologie hervorbringt, konsequent zu Ende gedacht in einem Kommunismus der Automation und des Müßiggangs mündet, also die Vorstellung, dass Arbeit überhaupt in letzter Konsequenz abgeschafft wird, findet sich schon bei Marx.

Diese Vorstellung widerspricht dem Marx und insbesondere dem Marxismus, wie wir ihn kennen. Ging es nicht um die Befreiung der Proletarier vom kapitalistischen Joch, der Befreiung der Arbeiter als Arbeiter? Ging es nicht um die Enteignung der Produktionsmittel, um das geplante Weiter-Arbeiten ohne parasitäre Kapitalisten?

Der Marxismus der Arbeiterbewegung wollte den Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit stets dergestalt auflösen, dass der eine Part abgeschafft, und der andere verallgemeinert wird – nicht sehr dialektisch. Dieser Marxismus war es auch, der die Diktatur des Proletariats, die Arbeitspflicht in der real existierenden Tristesse und all die leninistischen Verirrungen des 20. Jahrhunderts zur Folge hatte.
Rifkin lässt diesen Arbeiterbewegungs-Marxismus – der letztlich die Arbeit selbst zu einem Fetisch gemacht hatte, zu einer quasi-religiösen Formel für die Verwirklichung des Menschen – eindeutig hinter sich. Er erweist sich als Kritiker der Arbeit überhaupt und als Theoretiker seiner historischen Überwindung.

Rifkin beschreibt die Veränderungen in der globalen Ökonomie, die seit den 70er Jahren durch die Einführung von Computern und Netzwerken zur Kommunikation und Produktion eingetreten sind – er nennt diese Entwicklung wahlweise „Mikroelektronische Revolution“ oder auch „Dritte Industrielle Revolution“ nach der Dampfmaschine und dem Automobil. Die Folgen der extremen Produktivitätsschübe beschreibt er als „Informationsgesellschaft ohne Arbeit“, die das Ende des Traums von der Vollbeschäftigung, das Entstehen einer Sockelarbeitslosigkeit und schließlich zu einem Ende der Arbeitswelt als zentraler Mittelpunkt des erwachsenen Lebens überhaupt führt.

Die Grenzkosten-Anomalie oder: Du sollst nicht durch Null teilen!

In seinem neusten Buch „Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft“ beschreibt Jeremy Rifkin die schrittweise Ablösung des Kapitalismus durch „ein neues Paradigma“, man könnte auch sagen: durch eine neue Gesellschaftsordnung. Rifkin zufolge entsteht diese neue Form gerade parallel zur konventionellen Marktwirtschaft und „eröffnet die Möglichkeit, radikal produktiver zu werden, die Einkommensungerechtigkeit zu überwinden, die globale Ökonomie zu demokratisieren und eine ökologisch nachhaltige Gesellschaft zu schaffen.“

Verantwortlich für das Entstehen dieser neuen Form ist Rifkin zufolge ein Mechanismus, der dem Kapitalismus inhärent ist und den er als Null-Grenzkosten-Phänomen bezeichnet (Als Grenzkosten bezeichnet man in der BWL die Kosten für die Produktion einer weiteren Einheit eines Produkts oder Services):

„Privatunternehmen sind ständig bemüht, neue Technologien einzusetzen, und dadurch die Produktivität zu erhöhen, die Grenzkosten in der Produktion von Waren und Dienstleistungen zu minimieren, die Preise zu senken, Kunden zu gewinnen und ausreichenden Gewinn für ihre Investoren sichern zu können.“

Was passiert nun, wenn die Produktivitätsfortschritte so drastisch sind, dass die Grenzkosten gegen Null gehen? Rifkin zufolge führt die Digitalisierung in vielen Bereichen zu genau diesem Fall „extremer Produktivität“, bei dem die Grenzkosten für Information, Dienstleistungen und sogar materielle Güter gegen Null gehen, nahezu kostenlos und im Überfluss vorhanden sind und sich damit letztlich der marktwirtschaftlichen Logik entziehen.

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Bei materiellen Gütern treten sowohl fixe Kosten für Entwicklung und Produktionsanlagen als auch variable Kosten auf, die in direktem Zusammenhang mit der Herstellung des einzelnen Exemplars stehen. Die Herstellung von Einzelstücken (z.B. einer Gitarre) oder Dienstleistungen (z.B. Webdesign) sind charakterisiert durch niedrige Fixkosten und hohe variable Kosten. Die Herstellung des x-ten Exemplars verlangt ähnliche hohen Einsatz wie beim ersten Exemplar: Die Grenzkosten bleiben nahezu konstant.

Bei Informationsgütern (z.B. einer Musik-CD) fallen zunächst hohe Anfangsinvestitionen an (Infrastruktur, Produktion des Albums, Honorare, Pressung etc.). Die Kosten für die erste CD übersteigen die Kosten für jedes weitere Exemplar (Plastikscheiben und Druck) um ein Vielfaches, die einzelne CD kostet laut Linde ca. € 0,50 pro Kopie. Bei hohen Stückzahlen fallen die Grenzkosten und nähern sich sehr niedrigen Werten an. Bei digitalen Gütern (z.B. Musikdownloads, Software, E-Books) verschiebt sich dieses Verhältnis noch weiter zu sehr hohen Fixkosten und sehr niedrigen variablen Kosten. Die Grenzkosten fallen bei hohen Stückzahlen entsprechend ins Bodenlose.

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Bei Informationsgütern dominieren die Fixkosten die variablen Kosten. Sind die Anfangsinvestitionen einmal eingespielt, gleicht der weitere Vertrieb einer Lizenz zum Gelddrucken. In der One-Copy-Economy wird gar nur ein Original produziert, die Herstellung der Kopien bzw. Exemplare geschieht auf Seiten des Endnutzers und vermittelt über die Internet-Infrastruktur.

Schafft zwei, drei, viele Internets!

Alle Branchen, die mit Informationsgütern handeln, haben in der Vergangenheit mit dem Null-Grenzkosten-Phänomen zu kämpfen gehabt, allen voran die Musikindustrie, aber auch die Verlage und die Filmindustrie. Für Rifkin ist nun die entscheidende Frage, ob sich die Null-Grenzkosten-Anomalie auch jenseits der Informationsverarbeitung, also in der handfesten Produktion materieller Wirtschaft manifestiert. Wird der disruptive Effekt, den die allgemein verfügbaren Güter zu null Grenzkosten auf den jeweiligen Wirtschaftszweig haben, auch andere Branchen treffen?

Durch die Energiewende entstehen immer mehr Prosumer, die sowohl Energie konsumieren als auch produzieren. Ein bidirektionales Modell löst das alte ab, bei dem einige wenige Konzerne fossile Energie an Endverbraucher lieferten. Rifkin stellt einen „exponentiellen Fall der Produktionskosten für erneuerbare Energien“ als Folge davon fest. Null Grenzkosten bei Strom – die Firewall zwischen digitaler Ökonomie und der Welt physischer Waren ist durchbrochen.

Somit sind im Energiesektor ähnliche Entwicklungen absehbar, wie in der Musikindustrie. Der Begriff Prosumer wurde ursprünglich für auf Social-Media Plattformen wie YouTube Aktive geprägt – Energie wird jetzt auch zum user generated content! Schaut man sich an, wie schwer sich die deutschen Energieriesen mit der Energiewende tun – der Anteil erneuerbarer Energien liegt bei nur 7 % - wird der Vergleich dieser zentralisierten Energie-Lieferanten mit Universal oder MGM plausibler.

Auch im Bereich Transport und Logistik sieht Rifkin ein Graswurzel-Internet entstehen, das die dritte Säule seines „Meta-Internet der Dinge“ bildet: Das Internet der Kommunikation verschmilzt mit dem flügge werdenden Internet der erneuerbaren Energien und dem im Anfangsstadium befindlichen Internet der Logistik und des Transports. Dergestalt wird ein Super-Internet der Dinge entstehen, welches die Plattform für die Dritte Industrielle Revolution darstellt, die wiederum die globale Ökonomie noch in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts fundamental verändern wird.

Neben Information werden also auch Energie und Logistik a) miteinander verschmelzen, b) auf Internet-Protokollen basieren und c) zu nahe null Grenzkosten verfügbar sein.

Paradigma-Wechsel-Dich

Das sind doch gute Aussichten – der Kapitalismus gebiert seinen eigenen Nachfolger, die Collaborative Commons. Diesmal aber friedlich nebenher, nicht mehr antagonistisch wie noch zu Marx' Zeiten. Paradigmenwechsel hört sich gleich rationaler und weniger gewaltsam an als Revolution. Thomas S. Kuhns Theorie des Paradigmenwechsels in der Wissenschaft übertragen auf gesellschaftliche Verhältnisse? Ob sich der Kapitalismus so einfach durch ein überzeugenderes Paradigma verdrängen lässt, bleibt abzuwarten.

„Bis 2030 werden schätzungsweise 100 Billionen Sensoren Menschen und ihre Umgebung weltweit intelligent vernetzt haben. Zum ersten Mal in der Geschichte, wird die gesamte Menschheit direkt miteinander kollaborieren können und eine demokratische Wirtschaft hervorbringen.“ Da ist er wieder, der Dreisprung Technik (Sensoren), inhärente Logik (Kollaboration), gesellschaftliche Auswirkungen (Demokratie). Auf der Strecke bleiben Kontingenz, Formen und reale Machtverhältnisse.

Das Null-Grenzkosten-Kalkül ist eine mathematische Singularität (geteilt durch Null), und als solche vielleicht nur eine Variante der Idee der Singularitarians, die durch die exponentielle technologische Entwicklung ein Durchbrechen der Schallmauer menschlicher Entwicklung voraussehen und einen „Übergang zum Biosphärenbewusstsein mit einer Ausweitung unserer Empathie auf die ganze Menschheit als unsere Familie und auf unsere Mitgeschöpfe als evolutionäre Großfamilie“ voraussagen (Rifkin zitiert nach Staun).

Rifkins Null-Grenzkosten-Kalkül ist die vielleicht interessanteste Variante eines Exponentialism, also der Versuche, den Niedergang des Kapitalismus mathematisch auszudrücken. Hat nicht Karl Marx selbst mit der These vom (durch technologischen Fortschritt vorangetrieben) tendenziellen Fall der Profitrate die Blaupause geliefert für alle folgenden Singularismen? Mal sehen, was rauskommt, wenn durch Null geteilt wird …

Jeremy Rifkin: Das Ende der Arbeit, Frankfurt, 1997
Frank Linde: Ökonomische Besonderheiten von Informationsgütern Köln, 2010
Jeremy Rifkin: Die empathische Zivilisation. Wege zu einem globalen Bewusstsein. Berlin/New York 2010
Jeremy Rifkin, Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft: Das Internet der Dinge, kollaboratives Gemeingut und der Rückzug des Kapitalismus, Frankfurt 2014.
Jeremy Rifkin: The Zero Marginal Cost Society and the End of GDP, 30.08.2014
Harald Staun: Ökonom Jeremy Rifkin. Das Ende des Kapitalismus,13.09.2014
Jeremy Rifkin: Digital Europe: The Rise of the Internet of Things 2015 - 2020, Kongressunterlagen, 2015
Paul Mason, The End of Capitalism Has Begun, 17.07.2015

Zur Übersicht aller Texte der Reihe »Understanding Digital Capitalism«.

Timo Daum arbeitet als Dozent in den Bereichen Online, Medien und Digitale Ökonomie. Zum Thema Understanding Digital Capitalism fand vor einiger Zeit eine Veranstaltungsreihe in Berlin statt.

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