Bürgerkrieg im SuperheldenlandFilmkritik: „The First Avenger: Civil War“

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Alle Fotos: Film Frame..© Marvel 2016

Der dritte Teil der Avengers-Reihe stellt die Frage nach der Rechtmäßigkeit der Taten der Superhelden-Truppe. In Ansätzen zumindest. Alexander Buchholz hat sich das neue Werk aus dem Hause Marvel angeschaut.

In Ang Lees Hulk (USA 2003) gibt es eine Sequenz, die mich damals für den Film direkt eingenommen hat. Da bietet das Militär alles auf, was es hat, um dem grünen Randalierer beizukommen und nichts funktioniert. Da der Hulk nun einmal unzerstörbar ist, absorbiert er einfach alles, was auf ihn geworfen wird. Egal ob Panzer, Düsenjets oder Raketen direkt aus dem Weltall: Alles macht ihn nur noch wütender – und stärker. Wenn mich mein Gedächtnis nicht trübt, schicken sie ihm sogar eine Atombombe hinterher, aber vielleicht assoziiere ich mir das nur herbei wegen der Wüstenszenerie.
Ang Lees Film ist eher eine Außenseitererzählung als eine Heldengeschichte. Bruce Banner aka Hulk kämpft nicht für das Gute, sondern nur für sein blankes Überleben bzw. für seine eigene Genesung. Seine Gegner sind sein Vater, die US-amerikanischen Streitkräfte und die vereinigte Wissenschaftsgemeinde – das sind überhaupt die Allerschlimmsten, dieses missgünstige, neidische Pack. Eine antimilitaristische, anarchistische Ader durchzieht den Film. Man kann es durchaus ein wenig kindisch finden, wenn der Hulk sich einen Panzer schnappt, um einen anderen damit zu Klump zu hauen oder er das Kanonenrohr so verbiegt, dass es dem Panzerfahrer im Gesicht steckt. Aber wie erwachsen kann ein Film schon sein, dessen Hauptfigur Shorts trägt? Und grün ist? Ich sage:

Im Angesicht revolutionärer Waffentechnologie ganz unreif einen gehörigen Tobsuchtsanfall zu bekommen, ist die einzig vernünftige und nachvollziehbare Reaktion.

Scarlett

Was treibt eigentlich Paul Verhoeven?

In The First Avenger: Civil War gibt es nun eine kurze Szene, die mich nachhaltig angewidert hat: Da versuchen Captain America (Chris Evans), Falcon (Anthony Mackie) und die kleine Schwester von den Olsen-Zwillingen (Elizabeth) die Bösen daran zu hindern, eine Biowaffe zu stehlen. Falcon hat keine Superkräfte, hat aber offensichtlich Raketen irgendwo in seiner Soldatenuniform versteckt. Außerdem hat er einen Touchscreen am Handgelenk, mit denen er diese Raketen steuern kann. Einmal die App antippen, schon bläst’s die armen Schweine zur Hölle. Geübt und grimmig und schnell wie ein Fünfjähriger mit Smartphone ist er im Feinde auslöschen. Er schaut sich nicht mal um, wenn die Sprengkörper einschlagen. Warum postest du die qualmenden Überreste nicht noch schnell bei Instagram? Später wird dann noch Crossbones, der Anführer der Gang (Frank Grillo), in einem Energieball eingeschlossen und in die Luft gesprengt. Okay. Gut. Wenn ihr unbedingt sowas machen wollt in eurem PG-13-Blockbuster – bitte schön. Aber dann zeigt uns das doch auch ganz genau: Dann will ich auch sehen, wie es ihm das Fleisch von den Knochen reißt und seinen Augäpfel aus dem Schädel springen. Was treibt eigentlich Paul Verhoeven so dieser Tage?

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Das ist also unsere Heldentruppe: Eine höchst effiziente und professionelle Eliteeinheit, die kaum weniger unbesiegbar ist als der Hulk persönlich. Aber in Form gebracht, organisiert, hervorragend ausgestattet mit todbringendem Werkzeug und mit einem einenden Ziel vor Augen. Staatstragender kann’s kaum werden. Unkritisch Allmachtsfantasien abrufen und Hypersouveränität abfeiern: Das ist es im Wesentlichen, was Civil War anzubieten hat.
Na toll, jetzt hab ich schlechte Laune. Hilft nur eskapistische Unterhaltung aus dem Hause Marvel bzw. von Disney, dem Mutterkonzern, dem jetzt neben Pixar und Lucasfilm offenbar alles gehört, was Geld scheißen kann. Das große Mittelstück des Films, wenn sich die Avengers gegenseitig bekämpfen, macht natürlich schon einiges her. Ist lustig. Sind alle sehr ironisch. Machen witzige Sprüche. Alles Prima. Hm. Das Kino sah nach der Vorstellung übrigens wieder echt schlimm aus, wen’s interessiert.

Wie wird sowas eigentlich gemacht?

Muss ich mich eigentlich derartig über eine Szene aufregen, die keine drei Sekunden dauert? Ja. Ja, irgendwie schon. Nicht, dass ich mich der Film nicht amüsiert hätte. Die Actionsequenzen sind wirklich atemberaubend, um mal ein grässliches Klischee zu bemühen. Die sind so gut, dass ich nicht blassesten Schimmer habe, wie man eine solche Sequenz eigentlich schreibt, filmt und dann auch noch schneidet. Da sind Profis am Werk! Handwerklich ist alles aus einem Guss. Seine Story erzählt Civil War auch recht ordentlich. Das ist kein dummer Film. Keiner dieser Marvel-Filme ist wirklich dumm. Ein wenig gedankenlos vielleicht. Wie auch Batman v Superman – Dawn of Justice, DCs Konkurrenzprodukt, thematisiert der dritte Avengers-Film die Rechtmäßigkeit der Taten unser Superheldentruppe. Der Disput zwischen Iron Man und Captain America um die Frage, ob man als Superheld unter die Obhut der Regierung gestellt werden sollte oder nicht, führt zu dem titelgebenden Bürgerkrieg. Das klingt ja erst einmal, als würde sich der Film tatsächlich unbequemen Fragen stellen. „Der Konflikt zwischen beiden Lagern wird die Diskussion unter den Fans und Zuschauern in Gang bringen“, lässt das Presseheftchen Scarlett Johansson behaupten. Aber tatsächlich ist dieses Dilemma ähnlich hohl wie in Batman v Superman. Dass sich die Avengers gegenseitig an die Kehle gehen, beruht lediglich auf einem Missverständnis, da keiner von denen mal kurz inne hält und erkennt, dass da jemand (Daniel Brühl) mit ihnen spielt. So wie sich Batman und Superman kurz mal zanken, um sich dann doch gegen Lex Luthor zu verbünden, werden die unzähligen Nachfolger von Civil War vermutlich nur noch davon erzählen, wie die Avengers gegen das ultimative Böse in Form von Hydra, den Nazis des Marvel-Universums, zu Felde ziehen.

In Disneys Formelkino gibt es nicht wirklich Schattierungen von Grau, sondern doch nur Schwarz und Weiß.

Robert Downey

Am gewinnbringendsten kann man sich Civil War als Showcase für seine überqualifizierten Darsteller anschauen. Die haben alle bereits in weit besseren Filmen mitgespielt. Ihr wollt Robert Downey Jr.? Dann sei Kiss Kiss Bang Bang herzlichst empfohlen. Das war Chris Evans unter dem Bart in Snowpiercer? Na bitte, Alternativprogramm! Scarlett Johansson soll ja in Under the Skin super gewesen sein. Jeremy Renner kann nur stoisch? Nein, stimmt nicht. Der ist schlicht großartig in der vierten Staffel von Louie, der besten TV-Serie überhaupt. Paul Rudd ist laut der IMDb in Moment of Truth: Stalking Back (deutscher Titel: Sexuell belästigt) genial. Klingt doch auch ganz vielversprechend. Und Paul Verhoeven? Der ist im Mai mit Elle im Wettbewerb um die Goldene Palme in Cannes. Das ist doch mal eine gute Nachricht.

The First Avenger: Civil War
USA 2016
Regie: Anthony Russo & Joe Russo
Drehbuch: Christopher Markus & Stephen McFeely, basierend auf dem Comic von Mark Millar
Darsteller: Chris Evans, Robert Downey Jr., Scarlett Johansson, Sebastian Stan, Anthony Mackie, Jeremy Renner, Don Cheadle, Daniel Brühl, Elizabeth Olsen
Kamera: Trent Opaloch
Schnitt: Jeffrey Ford, Matthew Schmidt
Musik: Henry Jackman
Laufzeit: 147 min
seit dem 28. April im Kino

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