Missbrauch und TränendrüseFilmkritik: „Raum“

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Alle Fotos: Universal Pictures Germany

Für ihre Rolle in Raum als Entführungsopfer erhielt Brie Larson bei der Oscar-Verleihung 2016 den Preis als beste Hauptdarstellerin. Ist diese Auszeichnung auch Garant für Qualität? Alexander Buchholz hat sich den Film angesehen.

Wer – wie ich – schon nach ca. zehn, vielleicht 20 Minuten aus Raum ausgestiegen ist und sich dazu entschlossen hat, das Schicksal der Protagonisten herzlich uninteressant zu finden, konnte sich gepflegt die Zeit damit vertreiben, zu erörtern, wieviel spannender der Film geworden wäre, hätte man die Figur des Kidnappers in den Mittelpunkt gestellt – mit all seinen Nöten und Sorgen. Was muss das für ein bemerkenswerter Aufwand sein, erst ein Teenagermädchen und dann auch noch ihren Sohn in einer Gartenhütte sicher und von den Nachbarn unbemerkt eingesperrt zu halten? Womit hat er eigentlich die Wände so schalldicht ausgekleidet? Wie hat er die Herausforderung gemeistert, plötzlich Hebamme spielen müssen? Etwa genauso souverän wie Alf in dieser legendären Weihnachtsepisode? Und was würde so ein Unterfangen eigentlich kosten, summa summarum?

Raum ist leider nicht der Film, der Auskunft darüber geben möchte, wie Mann so ein Projekt stemmen kann – da hilft nur der Klick aufs YouTube-Tutorial. Nein, Raum beschränkt sich darauf, tränenerstickter, aufgeregter Mist zu sein. Ein „Weepie“ – und trotz des eigentlich spannenden Themas kein besonders originelles.

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Let’s get ready to weep!

Lenny Abrahamsons Film ist eine Adaption von Emma Donoghues Roman, welcher wiederum von dem Fall Josef Fritzl getriggert worden sein will. Film und Roman erzählen die Geschichte von der Entführung eines Mädchens namens Joy (Brie Larson) durch die Augen ihres fünfjährigen Kindes, mit dem sie das titelgebende Gefängnis teilt. Jack (Jacob Tremblay) ist der Sohn von Joys Vergewaltiger und Gefängniswärter, den der Junge „Old Nick“ nennt. Der Film beginnt mit der Skizze einer Familienidylle auf engstem Raum, die nach und nach ihre Ungereimtheiten offenbart. Joy erzählt ihrem Sohn Märchen, um ihm die wahre Natur seiner nur wenige Quadratmeter großen Welt zu verschleiern – bis zu dem Zeitpunkt, als sie den Mut für einen erneuten Ausbruchsversuch sammelt und Jack zu ihrem Komplizen macht. Die Flucht gelingt und Jack bekommt die Chance, eine viel größere Welt zu entdecken. Und nein, ich habe hier rein gar nichts gespoilert! Das – und überhaupt alle anderen wesentlichen Plot Points – verrät bereits der US-Trailer. Mehr ist da nicht. Das war’s. Das ist der Film!

Obszön einfach

Als geübter Melodram-Gucker entscheidet man sich ja sehr bewußt, ob man mit einer Geschichte mitgehen will, ob man sich von ihr rühren oder gar manipulieren lassen will oder eben nicht. Ein Gros der Filmkritiker – das zeigt der Blick auf das Tomatometer oder in die vielen pitschnassen Gesichter nach der Pressevorführung von Raum – hat die Frage danach, ob der Film seine endlose Vereinigungsfantasie mitreißend erzählt, mit einem donnernden „FUCK, YEAH!“ beantwortet. Ich schätze, was mir Raum so verschlossen hat, ist, wie obszön einfach es sich der Film macht, beim Publikum Emotionen abzurufen. Es ist geradezu übergriffig, wie aggressiv Raum einen zum Weinen bringen will. Dabei kennt Raum schlicht keine Widersprüche, kein Trauma, das sich nicht mit einem niedlichen Kind, einem fluffigen Hündchen und viel Mutterliebe übertünchen ließe. Nach ihrer geglückten Flucht dreht sich Raum um das Nachbeben – um den Medienrummel, die Zerrüttungen, die Joys Verschwinden zwischen ihren Eltern ausgelöst hat, um Joys Depressionen, die dann in einen Suizidversuch münden – was uns gefiltert durch Jacks Augen erzählt wird. Seine Figur ist kaum mehr als ein Gimmick; ein Hilfsmittel, um eine Geschichte, in der sich Abgründe auftun, verspielt erzählen zu können. Raum kapituliert schlicht und einfach vor der Monstrosität seines Themas und gehorcht dem Zwang, ein inspirierendes Drama über die unendliche Kraft der Liebe sein zu müssen. So behandelt der Film sein Publikum genau so, wie Joy ihren noch unmündigen Jungen erzieht: von oben herab, im Befehlston, aus blanker Hilflosigkeit. Raum ist nicht mehr als ein putziges Missbrauchsdrama. Klatscht das doch bitte auf euer Filmplakat, gerne in Marker Felt, falls ich mir den Font aussuchen darf.

Raum
IRL, CAN 2015
Regie: Lenny Abrahamson
Drehbuch: Emma Donoghue
Darsteller: Brie Larson, Jacob Tremblay, Joan Allen, William H. Macy, Sean Bridgers, Tom McCamus
Kamera: Danny Cohen
Musik: Stephen Rennick
Laufzeit: 118 min
seit dem 17.3.2016 im Kino

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