Review: iPhone SEDinge Design müssen – Teil 23

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Neuer Wein in alten Schläuchen? Für das neue iPhone SE legt Apple ein Design wieder auf, das bei vielen Fans und Nutzern als absoluter Klassiker gilt. Und zudem eine Zielgruppe bedient, die mit immer größer werdenden Smartphones nichts anfangen kann, sich aber trotzdem aktuelle Hardware in ihrem Telefon wünscht. Das iPhone SE ist größer als man denkt.

Wir schreiben den 12. September 2012. Es ist 19 Uhr und das zu diesem Zeitpunkt noch aktuelle iPhone hat ein 3,5" großes Display.

Fünf Smartphone-Generationen hatte Apple bis zu diesem Zeitpunkt mit einem Screen dieser Größe ausgestattet – nicht mehr wirklich zeitgemäß. Die Bildschirme der Android-Konkurrenz wachsen zu diesem Zeitpunkt bereits stetig, die Käufer sind begeistert. Ein paar Minuten nach 19 Uhr sieht die Apple-Welt anders aus. Das iPhone 5 kommt erstmals mit einem größeren 4"-Display daher. Evolution, Revolution oder Verrat? Die Meinungen waren schon damals gespalten. Zwei Jahre lang setzte Apple auf das 5er-Design, kantig und kompakt, griffig und doch edel. Mit elegant glänzend geschliffenen Rändern, dem vielleicht besten Mono-Lautsprecher, den ein Smartphone jemals hatte, vor allem jedoch trotz größeren Bildschirms noch in voller Hosentaschen-Kompatibilität. Viele Menschen halten das iPhone 5 und 5s für die bestaussehenden Apple-Handys aller Zeiten. Man sieht sie noch überall im Straßenbild. Einerseits, weil viele zum Glück nicht so bekloppt sind und sich jedes Jahr ein neues Telefon kaufen (vernünftig!), andererseits, weil der Formfaktor das Maximale ist, was man einem Smartphone zugestehen will.

Größer muss nicht. Größer geht aber, dachte sich Apple und ließ das iPhone anno 2014 erneut wachsen, auf diesem Stand befinden wir uns nach wie vor. Das im Vergleich putzige 5s blieb zwar im Programm, verstaubte technisch mit der Zeit jedoch zusehends. Auch das war und ist für viele Nutzer kein größeres Problem, aber während man darauf wartet, dass sich Apps öffnen, man das Ruckeln und Zuckeln auf dem Homescreen beobachtet und sich über die im Vergleich mit aktuellen Telefonen eher nicht so guten Fotos ärgert, verdichten sich Begehrlichkeiten zu einem klar formulierten Wunsch: Kann mir jemand bitte moderne Technik in mein kleines Taschentelefon einbauen? Genau das hat Apple nun getan. Hallo, iPhone SE.

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Siamesische Zwillinge

Es gibt zwar äußerliche Unterschiede zwischen dem iPhone 5(s) und dem neuen SE, um die zu finden braucht man aber a) eine Lupe und darf b) nicht farbenblind sein. Apple hat dem Mobilfunk-Kastenwagen einen minimalen optischen Feinschliff verpasst, bzw. auf eben diesen Schliff verzichtet. Die Kanten des Rahmens sind beim Neuling matt, bei der alten Generation glänzend. Dass das überhaupt jemandem aufgefallen ist, ist skurril genug. Leicht anders glänzt auch das Apple-Logo auf der Rückseite. Wird niemand bemerken, kommt ja eh ein Case drum. Ist das appliziert, fällt auch der größte visuelle Unterschied unter schützendes Leder bzw. Silikon: Das SE gibt es auch in roségold. Das sieht tatsächlich irre gut aus und nein, ich hätte nie zu träumen gewagt, dass mir genau dieser Satz mal über die Lippen kommen würde. Wovon ich in den letzten Jahren aber immer wieder geträumt habe, ist das Design.

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Sieht nicht nur irre gut aus, sondern fühlt sich noch irrer an, liegt irrsinnig gut in der Hand, flutscht nicht aus derselben, lässt sich auch problemlos mit einer Hand bedienen. Alle Icons, alle Knöpfe sind sofort und komfortabel einhändig erreichbar. Linke Hand: Du hast Pause, bleib in der Hosentasche oder wo auch immer, lauf nur nicht zu weit weg, ich brauch’ dich noch. Irgendetwas hatte Apple mit diesem Design 2012 richtig gemacht. Und es ist gut, dass es im SE genauso weiterlebt, wie es sich Johny Ive einst ausgedacht hatte. Einige Vertreter der gerne motzenden Tech-Presse waren schnell dabei, das iPhone SE zu verlachen, sich über Dinge wie den breiten Rahmen rund um das Display lustig zu machen: Das sei ja nicht mehr zeitgemäß, geradezu Verarsche, ein Affront der eigenen Firmenkultur gegenüber. Ist natürlich Quatsch. Denn ein Klassiker ist nur ein Klassiker, wenn sich sein Äußeres nicht verändert. Und im Inneren ist fast alles neu und auf dem aktuellen Stand.

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Gleichen sich bis ins letzte Detail: iPhone SE (oben) und iPhone 5S (unten)

Vorwärts immer, rückwärts nimmer

Wenn Smartphone-Hersteller „Mini“-Varianten ihrer Geräte lancieren, dann leidet in der Regel die verbaute Technik darunter. Das ist Meckern auf hohem Niveau, aber es muss erlaubt sein, sich schmollend in die Endkunden-Ecke zu stellen. Warum zum Teufel bekomme ich einen langsameren Prozessor, weniger hiervon und noch weniger davon, wenn ich kein großes Telefon will? Ist doch blöd! Manno! Viele Firmen machen das so. Und werden gute Gründe dafür haben. Ein Prozessor braucht Platz, der in einem kleineren Chassis vielleicht einfach nicht zur Verfügung steht. So ein Chip wird auch verdammt warm, und wenn diese Hitze nirgendwo hin entfleuchen kann, macht es irgendwann boom und das ist ja auch keine Lösung. Für das iPhone SE hat sich Apple anders entschieden.

Ein paar kleine Zickigkeiten kann sich Cupertino auch beim SE nicht verkneifen.

Das Telefon hat den gleichen Prozessor wie die aktuelle 6s-Generation, die gleiche 12-Megapixel-Kamera, den gleichen LED-Blitz, die gleichen 2 GB RAM. Das ist aus Kunden-Sicht natürlich sehr zu begrüßen (kein Ruckeln, kein Zuckeln), aber auch strategisch nachvollziehbar. Das iPhone SE wird so, wie es jetzt frisch in den Läden liegt, für mindestens zwei Jahre so bleiben wie es ist. Um das Telefon also zukunftssicher zu machen, braucht Apple Hardware, die mit der Software der kommenden 24 Monate Schritt halten kann. Alles andere wäre keine gute Entscheidung gewesen. In Cupertino ist man 2013 damit schon mal ordentlich auf die Nase gefallen, mit dem Modell 5c, einem Plastikbomber (kein Vorwurf, war sehr sexy, nur eben aus Kunststoff), das als „Einsteiger-Gerät“ gedacht, dafür allerdings viel zu teuer war und zum Zeitpunkt der Veröffentlichung schon ein Jahr alte Hardware nutzte. So einen Fehler macht Apple nicht zweimal.

Ein paar kleine Zickigkeiten kann sich Cupertino aber auch beim SE nicht verkneifen. Der Fingerabdrucksensor ist – genau wie bei den aktuellen iPads – nicht auf dem letzten Stand (sprich: Das Entsperren dauert 2 Millisekunden länger – Skandal!). Und die Selfie-Kamera fristet bei schlappen 1,2 Megapixeln ein nicht gerade hochauflösendes Dasein. Das ist schon eher ein tatsächliches Problem. Und schließlich ist da noch das Display. Das ist zwar natürlich auf Retina-Auflösung, bietet aber nicht den gleichen hohen Kontrast, wie man ihn bei den aktuellen Flaggschiffen findet. 3D Touch ist auch nicht mit dabei. Davon abgesehen jedoch bekommt man im iPhone SE alles, was auch im 6s/Plus am Start ist: 4K-Videos, Live Fotos, schnelles LTE, NFC für Apple Pay, Hey Siri und und und. Und zwar ab 489 Euro. Damit ist das iPhone SE das preisgünstigste Smartphone, das Apple bislang auf den Markt gebracht hat. Für das 6s muss man 745 Euro auf den Tisch legen. Ein Schnäppchen ist der überarbeitete Klassiker damit immer noch nicht, gerade und vor allem im Vergleich mit der Android-Konkurrenz. Mit Apple-Maßstäben gemessen, geht der Preis aber in Ordnung.

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Sind so kleine Hände ...

Der Umstieg von groß auf kleiner gestaltet sich erstaunlich einfach. Zwar fühlt es sich irgendwie weird an, 0.7" weniger Display zur Verfügung zu haben, mehr Fehler beim Tippen von E-Mails zum Beispiel schleichen sich jedoch nicht ein. Es liegt eben alles ein bisschen näher bei einander. Ob das iPhone SE nun für einen persönlich passt, ist eher eine Entscheidung zwischen Gewohnheiten und Bequemlichkeit. Erstere ändern sich stetig und haben vor allem mit unserem Medienkonsum zu tun. Ohne die alte Konvergenz-Peitsche rausholen zu wollen, muss ich gestehen, dass ich auf 4" lieber nicht mehr Videos anschauen, Texte lesen und Webseiten checken möchte. Aber hey: that’s just me. Was ich hingegen nicht aufgeben will, ist das Gefühl, mit dem SE unterwegs zu sein. So klein, so praktisch, so leicht, so cute. Gibt es das Wort „schmachtschwärm“ eigentlich? Ich schätze, jetzt schon.

Apple wird zwar nicht müde, regelmäßig stolz mitzuteilen, wie viele iPhones pro Quartal weltweit verkauft werden, auf welche Geräte sich diese Zahl jedoch prozentual verteilt, bleibt ein Geheimnis. Anders beim SE: 30 Millionen Telefonen dieser Größe habe man 2015 abgesetzt. Das kleine 4"-Smartphone ist also immer noch ein beachtliches Thema und spült brav und verlässlich Geld in Apples Kassen. Dieser Trend wird sich mit dem neuen SE nur noch verstärken. Aus guten Gründen: Für viele User dürfte das SE genau das richtige Telefon sein, der genau richtige Kompromiss zwischen Größe, Preis und gebotenen Features. Andere werden den Weg zurück zum kleinen Display nicht bestreiten. Klassiker hin oder her: Das bedient nicht deren täglichen Bedürfnisse. Oldtimer schaut man zwar auch gerne an, erfreut sich am Design und bewundert, was damals in Sachen Zukunft so möglich war – steigt dann aber doch lieber in ein SUV. Das ist auch einfach besser gefedert.

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Leseliste: 10. April 2016 – andere Medien, andere ThemenDie Pünktlichkeit Berliner Busse, Fotos am Nullpunkt, Reichtum durch Feiern und ein Fischgespräch

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