Review: iPhone 6 & iPhone 6 PlusDer Tod des einarmigen Banditen

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Schon bemerkt? Es gibt zwei neue Telefone mit dem Apfel.

Mama Apple konnte es nicht mehr ertragen.

Was hatte sie aber auch dazu bewogen, ihr kleines iPhone in diesen internationalen Kindergarten zu stecken. Mit den Samsungs, den Huaweis, HTCs, den Lenovos und Nokias, allesamt größer als ihr kleiner Darling, auch nicht gerade zimperlich, aggro sowieso. Die dürfen iPhone nicht länger mobben, am Ende springt ihm noch das Display bei der ganzen Aufregung. Also hängt sich Mama Apple ans Telefon, fährt in Gegenden, in denen sie noch nie war, lässt sich Tinkturen ansetzen, tanzt drei Mal um den Kessel, wedelt mit einem Palmen-Zweig und schiebt das Geld über den Tisch. Der Sud ist fertig, jetzt muss der Kleine das nur noch runterwürgen. Und lernen, mit dem Schlagring umzugehen. Schluss mit lustig.

Apples neue Telefone sind auf die Größe gewachsen, über die man sich in Cupertino bis vor kurzem noch gerne lustig gemacht hat. Und nun geht das Kuddelmuddel von vorne los.

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Sieben Jahre iPhone-Geschichte: v.l.n.r.: das erste iPhone, das 4s, 5, 5s, 5c, 6 und 6 Plus

Apple hat 2007 mit dem ersten iPhone das Smartphone erfunden. Stimmt natürlich nicht, aber eigentlich doch. Alles andere davor - Touchscreen oder nicht - waren entweder Iterationen rund um das klassische Handy oder aber verunglückte Anpassungen von Betriebssystemen, die niemand zu gebrauchen wusste. Wäre das iPhone also Detroit-Techno, dann die gemeinsame 12" von Juan Atkins, Kevin Saunderson und Derrick May, das Produkt der Originators. Aber seitdem ist viel passiert und die Innovators, die zweite Generation von Produzenten, haben in kurzer Zeit sehr viel nachgeholt, aufgeholt und zum Teil auch überholt. Das hat sich Apple sehr lange angeschaut und vor allem drauf geschissen. Aus guten Gründen, vor allem aber auch, weil die Verkaufsargumente in der Android-Konkurrenz lange Zeit dominiert waren von Hinter-dem-Komma-Unterschieden in der Prozessorgeschwindigkeit und das passte nicht in das Kuschel-Marketing aus Cupertino.

Und wenn man sich doch darauf einließ, dann wie 2010 mit einem Quantensprung in der Display-Technik. Aber weil auch das kein Voodoo war und ist, gab es die unterschiedlichsten Varianten von HD-Displays bald auch anderswo. Und mehr noch: Samsung und Co. zogen diese Displays auf immer größere Leinwände und verkauften das Mini-Kino als das neue große Ding. Das kam gut an, nicht nur in Asien, wo LTE selbst in der U-Bahn Schallgeschwindigkeit hat und das Smartphone längst zum Fernseh-Ersatz für Pendler geworden war. Das Mehr an Screen gehört seitdem zum guten Ton. Jetzt auch bei Apple. Das kann man auf zweierlei Art kommentieren: 1.) Apple ist eingebrochen und gibt der Konkurrenz nach. Oder 2.) whatever. Ich tendiere eher zu letzterem. Stimmen tut beides.

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„Die Psychologie hinter dem Wunsch nach großen Displays für die Hosentasche ist verwirrend, muss aber nicht mehr analysiert werden.“

Die neuen iPhones also sind groß. Vor allem größer als bisher. Das „normale“ hat einen 4,7“-Bildschirm. Das ist so ungefähr der Android-Standard anno 2012. Das andere, die Plus-Variante, kommt mit einem 5,5"-Display. Das ist für bisherige iPhone-Nutzer ein echter Schocker, unter Android jedoch eher so oberes Mittelfeld, was den aktuellen Gerätepark angeht. Ein Telefon für eine ganz spezielle Kundschaft und damit meine ich nicht die asiatischen LTE-Pendler. Was sind das für Menschen, die sich gerne kleine Tablets ans Ohr halten, bzw. die ein größtmögliches Display für die Handtasche wollen und dann nur über Ohrhörer oder (yikes!) Headsets telefonieren? Sind das alles Angeber? Protzer, die auch sonst alles eine Nummer größer brauchen und im SUV zum Supermarkt fahren? Die Psychologie hinter dem Wunsch nach großen Displays für die Hosentasche ist verwirrend, muss aber nicht mehr analysiert werden. Die Menschen wollen das, die Marktwirtschaft regelt den Rest. Das kann man finden wie man will. Darüber nachzudenken hilft eh nicht. Fest steht: Apple gibt ein Killer-Feature auf, und zwar die Einhandbedienung. Trotz Software-Anpassungen lässt sich auch das kleinere iPhone 6 so gut wie nur noch mit beiden Händen steuern. Der einarmige Bandit ist tot.

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„Stealthbomer sind out, sanfte Kurvigkeit in.“

Seit die Telefone stetig wachsen, um die größeren Displays unterzubringen, stellen sich ganz andere Fragen. Welche Materialen verwendet man am besten, was für ein Design stellt so gut es geht sicher, dass sich die Teile noch gut in der Hand halten lassen, einem nicht sofort entgleiten. Wo ist der Schwerpunkt des Geräts, wie rund oder eckig dürfen die Kanten sein? Apple stellt das Design seiner iPhones alle zwei Jahre um, so auch 2014. Die letzten beiden Jahre war das Motto: Stealthbomber. Klar und kantig, ein slickes Rechteck aus Metall, direkt aus der Forschungsabteilung der DARPA. Funktional, viel Understatement, so reduziert, dass sie eigentlich gar nicht existierten. Das galt vor allem für die dunkle Variante. Eine Art fleckenlose Camouflage. Nun, zwei Jahre später, ist kurvig das neue eckig. Sehr elegant abgerundet und handschmeichlerisch, ultradünn und immer noch konkurrenzlos leicht. Apples neue Liebe zur sanften Kurve betrifft nicht nur das Chassis als solches, sondern auch die Art und Weise, wie das Display mit dem Gehäuse verbunden ist. Ein kaum merkliches Gefälle an den Rändern macht den Übergang von Glas zu Metall extremst smooth. Es gibt wenige Telefone, die mit so viel Liebe zum Detail designt und gefertigt werden. Schockierend an dieser Tatsache sind vor allem zwei Dinge. Dass man das auch 2014 immer noch erwähnen muss - auch wenn die Mitbewerber Stück für Stück aufschließen - und auch, dass das überhaupt Thema ist. Dass unser Leben mittlerweile so Display-dominiert ist, dass man allen Ernstes seitenlange Abhandlungen über das Design von Geräten lesen kann, mit denen man früher nur kurz Oma angerufen hat.

iPhone 6

  • 4,7“-Display
  • 1334 x 750 Pixel, 326 ppi
  • A8 Chip, M8 Koprozessor
  • 8-MP-Kamera, LED-Blitz
  • 129 Gramm
  • 6,9 Millimeter tief
  • 16/64/128 GB
  • 699/799/899 €
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iPhone 6 Plus

  • 5,5“-Display
  • 1920 x 1080 Pixel, 401 ppi
  • A8 Chip, M8 Koprozessor
  • 8-MP-Kamera, LED-Blitz, OIS
  • 172 Gramm
  • 7,1 Millimeter tief
  • 16/64/128 GB
  • 799/899/999 €
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iPhone 6 Plus vs Berliner Fernsehturm

Bei iPhones ging es in den vergangenen Jahren vor allem um zwei Dinge: das Display und die Kamera. Die Prozessoren entwickelt Apple schon seit jeher allein und muss schon deshalb nicht mit Megahertz etc. protzen. So ist auch 2014 wieder alles neu und genauso egal. Es funktioniert so, wie man es erwartet, auch wenn der neue Chip schneller, effizienter und natürlich auch kleiner geworden ist. Das Display und die Kamera also. Und hier liegen dann auch, neben der schieren Größe, faktische Unterschiede. 2010 führte Apple mit dem iPhone 4 das Retina Display ein. Mehr Pixel, als das menschliche Auge als solche erkennen kann. Das Resultat: gestochen scharfer Text. Seitdem brüsten sich die Hersteller von Telefonen mit so und so vielen ppi auf ihren Displays. Das ist geek für die so genannte Pixeldichte. Und tatsächlich hat Apple die Pole-Position in diesem Rennen schon lange wieder verloren.

Die gute Nachricht dabei: Es. Ist. Vollkommen. Egal. Pixel sind die eine Sache. Die Qualität der Displays die andere. Und hier legt Apple auf beiden neuen iPhones eine Punktlandung hin. Die Screens sind so scharf, haben so viel Farbintensität, die Inhalte sind so nah bei einem, dass es überhaupt nicht mehr um Laborwerte und Spec-Sheets geht. Das sind die besten Displays, die jemals in einem Telefon verbaut wurden. Da ist es dann auch egal, sich nur im iPhone 6 Plus ein Display mit voller HD-Auflösung findet. Auf diesem Niveau macht das überhaupt keinen Unterschied. Bei der Kamera gibt sich Apple fast schon konservativ, zumindest was das Totschlagargument Megapixel angeht. Es bleibt bei 8. Das hat in in den vergangenen Jahren schon nicht gestört, im Gegenteil: Im iPhone steckt schon seit langem die beste Allround-Kamera überhaupt in einem Handy. Dank neuer Technik wird das Gute hier noch besser. Mit einem schnelleren Autofokus, besserer Gesichtserkennung, manueller Belichtungskontrolle auf dem Display gelingen hervorragende Bilder. Im großen iPhone steckt außerdem ein optischer Bildstabilisator, der bei schlechten Lichtverhältnissen noch bessere Ergebnisse verspricht. Warum der nur in der Phablet-Variante verbaut ist, bleibt vollkommen unklar. Macht diese Technik den Kohl fett? Seht selbst.

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Kein Unterschied erkennbar: links - iPhone 6, recht - iPhone 6 Plus

Viel besser sind die unfassbar tollen Zeitlupen-Videos, die sich mit den iPhones jetzt machen lassen. Bei 240fps bleibt hier kein Detail außen vor. Die Bildqualität ist exakt doppelt so gut wie auf dem 2013er-Telefon. Neu dazugekommen in der Kamera sind auch Zeitraffer-Videos. Das Tolle an diesen Features ist, dass Apple beweist, dass man überhaupt nicht zwingend an diesem Schneller-Höher-Weiter-Wettbewerb teilnehmen muss, wenn man die Verzahnung aus Hard- und Software im Griff hat.

Zeitlupe des iPhone 6

„Weniger Brüllattacken dank iOS 8.“

Zurück zum Alltag. Denn da gehören beide iPhones ja hin, wenn man sie ergattert hat, sich vielleicht sogar in die Schlange vor die Läden gestellt, reserviert oder vorbestellt hat. Wie machen sich die beiden 6er also? Die „reguläre“ Version ganz hervorragend. Hosentaschenkompatibel, mehr Display mit mehr Pixeln und mehr Farbe, neue und bessere Kamera, alles in einem beherrscharen Formfaktor. Dazu kommt die neue Software, iOS 8. Die ist aktuell zwar stellenweise noch ein bisschen zickig, was sich zum Beispiel merklich auf die Akkulaufzeit auswirkt, aber auch viele Verbesserungen mit sich bringt, die man sich als iPhone-Nutzer schon seit Jahren wünscht. Ich meine nicht Apples neues Bezahlsystem, das außerhalb der USA noch gar keinen Starttermin hat. Ich meine auch nicht die Gesundheits-Initiative, die neue App, die Fitness-Daten von Trackern und Programmen von Drittanbietern aggregiert und mit den auf dem Telefon gesammelten Daten vergleicht.

Ich meine die anderen Apps. Die, die nicht von Apple sind und sich zwar auf dem iPhone nutzen ließen, jedoch nicht tief genug in Systems integriert waren. Nicht integriert werden durften, Apple wollte das nicht. Newsreader à la Pocket zum Beispiel ließen sich bis dato nur umständlich direkt vom Telefon aus befüllen. Ein Garant für regelmäßige Brüllattacken, weil auch der Widerstand gegen die Integration nicht konsistent war. Hier musste man einen Link per Mail an die App schicken, dort per Pseudo-Lesezeichen: eine Katastrophe. Das ist meine Geschichte. Menschen, die viele Fotos machen und dann bearbeiten, können die gleiche Story erzählen. All das ändert sich mit iOS 8, die Zubringer sind gebaut, die Schnittstellen freigegeben und frei ist auch genau das richtige Stichwort. Da kann man freudig in die Hände klatschen, die eigentliche Frage muss aber lauten: Warum zur Hölle erst jetzt?!

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Der Formfaktor also. Apple denkt an die, die auf Biegen und Brechen das Telefon nur mit einer Hand bedienen wollen. Das scheint mir aber reichlich halbherzig, funktioniert aber an jeder Stelle des OS und in jeder App.

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Der Formfaktor ist aber auch das, was beim iPhone 6 Plus dann doch allen beteiligten deutlich entglitten ist. Es geht dabei nicht um die Screen-Größe per se, sondern um die Bauweise. Das Megaphone ist mit 7,1 Millimetern zwar immer noch unfassbar dünn, dafür aber auch unfassbar groß. Das Verhältnis stimmt nicht. Dann doch lieber etwas dicker und dafür kompakter. Das können andere Hersteller einfach besser. Zum Vergleich: Das Telefon auf der rechten Seite ist das Ascend Mate 7 von Huawei, kommt Ende Oktober in den Handel und hat ein noch größeres, ein 6“-Display, ist ein bisschen dicker als das iPhone, hat aber die gleichen Ausmaße.

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Kein Fail, zumindest an meinen Vorstellungen eines Telefons vorbeigeplant. Als kleines iPad auf der Couch macht sich das Plus hingegen ganz gut, zumal Apple auch hier die Software in die Hand genommen hat, bei einigen Apps eine zweigeteilte und auf dem Homescreen eine spezielle horizontale Ansicht bietet.

Was bleibt? Mama Apple hat alles fast alles richtig gemacht. Die Konkurrenz beobachtet, abgewartet und dann in typischer Manier reagiert. Wer zehn Millionen Telefone an einem Wochenende verkauft, scheint auf der richtigen Spur. Jetzt sind die Absperrgitter vor den Geschäften weggeräumt, China produziert und produziert und die Technik-Bubble pumpt sich für die nächste Gelegenheit wieder neu auf. Unterdessen ziehen die großen Displays in Cupertino ein. Ob es eine gute Idee war, das iPhone 6 Plus in diesem Design auf den Markt zu bringen, wird sich zeigen. Wie gut es sich verkauft, verrät Apple eh nicht. Ich orakle: im Verhältnis zum kleineren Modell nicht besonders gut. Aber wer orakelt, braucht eine große Kristallkugel. Ich bin also besser still.

iPhone 6 Review closer

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