Woher kommt der Sexappeal?Netflix - die meistgehypte Videothek der Welt

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Foto: Netflix

Mitte September feierte der Video-on-Demand Anbieter Netflix seinen Deutschlandstart mit einer großen Party in der Komischen Oper Berlin. Seitdem sind die Meinungen darüber gespalten, ob auch der deutsche Ableger dem Hype um das amerikanische Unternehmen gerecht wird. Rabea Tanneberger hat sich für Das Filter umgehört.

Die Netflix-Eröffnungsparty in der Komischen Oper Berlin ließ keine Zweifel aufkommen: Reed Hastings, Mitbegründer und CEO von Netflix, weiß, wie man Geld ausgibt. Es war ein Event, das selbst für die angestellten Hostessen einzigartig war. Und nicht nur allein wegen der Gästeliste, auf der die Stars von Orange is the New Black, Kult-Regisseur Robert Rodriguez und Hollywood-Schauspielerin Famke Janssen („X-Men“, „Taken“) standen, sondern auch aufgrund der Tatsache, dass sie ganz im Stil der Netflix-Original-Serie „OITNB" mit ungekämmten Haaren und in orangefarbenen Overalls servieren durften. In einer nachgebauten Kulisse der Gefängnis-Kantine gab es außerdem ein Horsd’œuvre für die Gäste, von denen viele das legere Motto vorausgeahnt haben mussten, da sie der Veranstaltung in Jeans und Hoodies beiwohnten. Deutschlands Skepsis gegenüber dem Netflix-Hype hing spürbar in der Luft. So spazierte Reed Hastings die erste Stunde des Abends dann auch nahezu unbemerkt durch die Menge der Gäste und auch Famke Janssen und Laura Prepon („That ’70s Show“, „How I Met Your Mother“) genossen die Party ebenso ungestört und Selfie-Anfragen-frei wie ihre berühmten Kollegen, die den VIP-Bereich gar nicht erst verließen.

Woher kommt der Sexappeal?

Seit seinem Launch am Dienstag vor einer Woche wird das amerikanische Unternehmen Netflix beharrlich mit anderen Anbietern wie Maxdome, Watchever oder Amazon Prime verglichen. Die Skepsis ist groß. Immer wieder hört man, Netflix zeige vor allem Krimishows und Til Schweiger-Filme. Die spärliche Filmauswahl und der fehlende Offline-Modus sind weitere beliebte Kritikpunkte. Nichtsdestotrotz ist Netflix seit Monaten in aller Munde. Woher also kommt der Sexappeal des Unternehmens, das, wenn man es ehrlich betrachtet, letztlich doch nur eine Online-Videothek unter vielen ist?

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Die OITNB-Girls Foto: Netflix

Einerseits lässt sich das deutsche Unverständnis für den Netflix-Hype sicherlich daran festmachen, dass die US-Version ein deutlich größeres Angebot hat. Zusätzlich ist Deutschland durch Anbieter wie Maxdome und Watchever in Sachen Streaming schon an einen gewissen Standard gewöhnt. Während Netflix in Amerika zum Synonym für das Heimkino im Allgemeinen geworden ist, würde in Deutschland niemand auf die Idee kommen, „Ich gucke heute Abend Watchever“ zu sagen.

Obwohl Netflix vor allem eine Online-Videothek ist, ist der Verleih von Inhalten zumindest in Deutschland noch nicht die große Stärke des Unternehmens. Dafür ist das Angebot einfach noch zu übersichtlich. In mancher Hinsicht besser als die Konkurrenz (aktuelle Serien, Untertitel, Personalisierung des Kontos), in anderer Hinsicht schlechter (wenig aktuelle Filme, kaum Auswahl an Klassikern), ist Netflix unter den Video-on-Demand-Seiten momentan sicherlich noch kein „Must-Have“. Neben dem guten Marketing des Unternehmens und dem eingängigen Namen gibt es jedoch noch einen wichtigen anderen Aspekt, durch den sich Netflix von seinen Konkurrenten abhebt: Der VoD-Anbieter hat seinen Kultstatus im großen Maße seinen innovativen Eigenproduktionen zu verdanken.

Hollywood macht vor allem Kino für kleine Jungs

Erst vor Kurzem offenbarte der von James Toback und Alec Baldwin produzierte Dokumentarfilm über die Tücken des Filmgeschäfts, „Seduced and Abandoned“, mit wie viel Aufwand es heutzutage verbunden ist, die Finanzierung eines Films zu sichern. Und nicht nur das: Wenn es Geld gibt, dann ist dies meistens an Bedingungen geknüpft, die ein Projekt bis zur Unkenntlichkeit verwässern können. Eli Roth, Produzent der Netflix-Original-Serie „Hemlock Grove“, äußerte sich bei unserem Gespräch am nächsten Tag so: „Wenn in Hollywood etwas schief geht, rollen Köpfe. Ein Flop kostet dich mit fast hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit deinen Job.“ Die Folge davon, wie Famke Janssen mit trockener Resignation hinzufügt: Hollywood macht vor allem Kino „für kleine Jungs“ – seichte Actionfilme, Abenteuerfilme und Soft-Horror. Seit 2012 versucht Netflix nun, dieser kreativen Angststarre der Film- und Fernsehbranche entgegenzuwirken und bietet Autoren, Produzenten und Schauspielern die Dinge, die nicht nur in der amerikanischen Medienlandschaft Mangelware sind: ein ausreichendes Budget und kreative Freiheit. Vor Netflix, meint Robert Rodriguez, der aus Frustrationen 2013 zusätzlich seinen eigenen TV-Sender „El Rey“ auf die Beine stellte, bedeutete für das Fernsehen zu arbeiten „a lot of effort for a lot of maybes“.

Auch wenn die Originalserien von Netflix nicht durchgehend perfekte Endprodukte sind, so sieht man ihnen doch die kreative Freiheit an, die das Unternehmen ihren Machern lässt: „House of Cards“ beeindruckt so mit herausragender Kinematographie, „Orange is the New Black“ vereint eine längst überfällige dreidimensionale Darstellung weiblicher Figuren mit exzeptioneller Narration, „Hemlock Grove“ bringt in einem interessanten Hybrid aus „Twilight“ und „Twin Peaks“ den Body-Horror ins Fernsehen und „From Dusk till Dawn“ verarbeitet das Erbe von Tarantino und Rodriguez in einer spannenden Fantasy-Gangster-Geschichte. So unterschiedlich die Netflix-Original-Serien auch sind, so vereint sie doch, im wahrsten Sinne des Wortes, ihr „originaler“ Stil.

Til Schweiger ist nicht Kevin Spacey

Beim Deutschland-Launch hat Netflix nun jedoch den Fehler begangen, Til Schweiger als den deutschen Kevin Spacey zu identifizieren und zu glauben, wir würden seine Filme gern über unsere Netflix-Startseite verstreut sehen. Eine fatale Fehleinschätzung, die man dem Unternehmen, wie ich finde, aber nachsehen kann. Ob sich Netflix als Online-Videothek auch für deutsche User lohnt, kommt letztlich, wie bei jedem VoD-Anbieter, auf die persönlichen Vorlieben an. Wer lieber Filme als Serien guckt, ist im Moment bei einem anderen Anbieter wahrscheinlich besser aufgehoben. Als Produktionsfirma hat Netflix jedoch unbestreitbar dazu beizutragen, eine Lücke zu füllen, die auch in Deutschland (und vor allem in Deutschland!) seit Jahrzehnten klafft: gutes Mainstream-Fernsehen. Oder gutes Fernsehen, Punkt!

Ob und mit wem sich Netflix auch eine deutsche Original-Serie vorstellen könnte, steht momentan noch in den Sternen. Ich persönlich bin aber davon überzeugt, dass wir uns noch eine Menge guten Content von Netflix erhoffen können. Darauf lässt schon der allgemeine Enthusiasmus schließen, der aus den persönlichen Gesprächen mit Rodriguez, Janssen, Roth und den „Orange“-Darstellerinnen herauszuhören war. Selten wurde von einem Geldgeber mit so viel Begeisterung gesprochen. Außerdem: Wenn Netflix so weiter macht und seiner Linie treu bleibt, erwartet uns demnächst wahrscheinlich bald ein von Woody Allen produziertes Polit-Werwolf-Drama mit Robert Downey Jr. und Jennifer Lawrence. Wer würde das nicht sehen wollen?

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Eli Roth und Famke Janssen Foto: Netflix

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