Kapitalismus as a Service: General Intellect at WorkUnderstanding Digital Capitalism | Teil 17 (das letzte Kapitel)

Understanding Digital Capitalism Teil 17 Start

Die Reihe Understanding Digital Capitalism geht zu Ende. Mit einem Resümee und dem Versuch, zu erklären, wieso der Kapitalismus trotz Internet, Google und Napster immer noch da ist.

Adieu Fordismus

Das dominierende sozio-ökonomische Modell des 20. Jahrhunderts wird abgelöst durch etwas Neues. Der Fordismus hatte das kapitalistische Glücksversprechen von Autonomie und Mobilität in seinem iconic product kondensiert: dem Automobil. Der new deal des Fordismus, nach eben diesem Produkt (Fords Model T) benannt, basierte auf großzügiger staatlicher Infrastruktur-Förderung und Konsumgüterproduktion am Fließband. Der american way of life schien allen offen zu stehen: das Häuschen im Grünen, das Familienautomobil in der Garage und der Urlaub im Sommer waren auch für die Arbeiter erschwinglich. Aus lauter Dankbarkeit darüber waren diese nur allzu bereit auf die Revolution zu verzichten: ein sozialdemokratischer Traum.

Digitaler Kapitalismus: Everything over IP

Der digitale Kapitalismus löst das dominierende sozio-ökonomische Modell des 20. Jahrhunderts ab. Der Austausch digitaler Informationen wird zum zentralen Gegenstand der Ökonomie. Alle Branchen werden durch Digitalisierung und Vernetzung grundlegend verändert. Der Austausch digitaler Informationen über Netzwerke wird zum zentralen Paradigma der Ökonomie. Das Internet mit seiner Infrastruktur, seinen Protokollen, Diensten und Anwendungen wird zur core infrastructure des 21. Jahrhunderts (Yochai Benkler). Alle Kommunikationsmedien (TV, Radio, Festnetz- und Mobil-Telefonie) werden auf Internet-Technologie umgestellt oder sind es bereits. Das Internet wird zur Meta-Infrastruktur, über die sämtliche Informationen der Welt laufen: everything over IP.

Rollende Smartphones

Selbst bei VW ist diese Erkenntnis angekommen, Internetfähigkeit wird zur wichtigsten Produkt-Eigenschaft überhaupt:

„Bis Ende dieses Jahrzehnts werden wir alle unsere Autos zum rollenden Smartphone gemacht haben.“ (Martin Winterkorn, Keynote-Rede auf der Volkswagen Group Night IAA 16.09.2015)

Wenige Tage vor dem Bekanntwerden der Diesel-Manipulationen des VW-Konzerns formuliert, offenbart diese Äußerung zweierlei: der Vergleich mit einem völlig anderen Produkt, eine totale Verunsicherung, was die Attraktivität des eigenen anbelangt. Zudem eine Anbiederung an die Millenniums-Generation, die Auto fahren und Auto besitzen immer weniger wichtig findet. Zwischen 2007 und 2011 ist laut einer Studie der US-amerikanischen AAA foundation for traffic safety die Anzahl gekaufter Autos von Angehörigen der Altersgruppe von 18 bis 34 um fast 30% gefallen.

NULL-NULL-NULL

Digitale Information (Software, Nachrichten, Unterhaltung etc.) kann ohne nennenswerten Aufwand beliebig oft, in gleichbleibender Qualität und ohne nennenswerte Kosten unendlich oft dupliziert werden. Die Grenzkosten – die Kosten, eine weitere Einheit einer gegebenen Ware herzustellen, wenn die Fixkosten nicht berücksichtigt werden (kurz: die Kopierkosten) gehen bei digitalen Informationsgütern gegen Null. Es gehört zur grundlegenden Paradoxie unserer Zeit, dass ein Kommunismus der Bits und Bytes, eine economy of abundance (Jeremy Rifkin) einhergeht mit einer nach wie vor privatwirtschaftlichen Organisation. Die Verknappung von Waren und der private Besitz scheinen keine notwendige Voraussetzung für kapitalistisches Wirtschaften mehr zu sein.

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Digital Natives

Amazon, Google (jetzt Alphabet), eBay und Facebook – die „Digital Natives“ unter den kapitalistischen Weltfirmen, die „Ruling Class of the Digital World“ (Nenad Romic), – sind in wenigen Jahren zur Weltmacht aufgestiegen. Dabei sind ihre Unternehmensziele und Geschäftsmodelle aus betriebswirtschaftlicher Sicht höchst wunderlich: Google etwa tritt mit dem erklärten Ziel an, die Informationen der Welt allen kostenlos und immer und überall zur Verfügung zu stellen, eine geradezu kommunistische Zielvorgabe!

Netzwerk-Monopole

Neue Monopole entstehen, die den Zugang zu diesen Null-Grenzkosten-Waren und Diensten organisieren. Die Sirenen-Server (Lanier) nutzen den Netzwerkeffekt für eine Monopolbildung unbekannten Ausmaßes: the winner takes it all. Vom Netzwerkeffekt spricht man, wenn der Nutzen einer Applikation oder eines Dienstes mit der Nutzeranzahl steigt. Beispiele sind das Internet selbst – je mehr Server vernetzt sind, desto besser funktioniert es und kann sogar einzelne Ausfälle oder Engpässe ausgleichen. Kommunikationsplattformen entfalten erst dann ihr Potenzial, wenn tendenziell alle daran teilnehmen.

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Netzwerkeffekt

General Intellect

Der Wert einer Ware in der kapitalistischen Produktion ist laut Marx bestimmt durch den individuellen Anteil „gesellschaftlich notwendiger Arbeit“, die darin enthalten ist. Der Arbeiter bearbeitet den Gegenstand und wertet ihn dadurch auf. Die Ware erzielt am Markt einen Preis, der im Schnitt diesen Wert realisiert. Das Kapital erzielt einen Mehrwert aus der Ausbeutung der Ware Arbeitskraft, mit anderen Worten: Es ist profitabel.

Was geschieht nun, wenn dieses individuelle Arbeitsquantum, das in die einzelne Ware einfließt, immer geringer wird, gar vernachlässigbar? In seinem Spätwerk beschreibt Marx ein Zukunfts-Szenario, in dem der individuelle Arbeits-Beitrag zum Wert der Waren unbedeutend und allgemeines Wissen unmittelbar produktiv wird:

„Die Natur baut keine Maschinen, keine Lokomotiven, Eisenbahnen, electric telegraphs, selfacting mules etc. Sie sind von der menschlichen Hand geschaffene Organe des menschlichen Hirns; vergegenständlichte Wissenskraft.

Die Entwicklung des capital fixe zeigt an, bis zu welchem Grade das allgemeine gesellschaftliche Wissen, knowledge, zur unmittelbaren Produktivkraft geworden ist und daher die Bedingungen des gesellschaftlichen Lebensprozesses selbst unter die Kontrolle des general intellect gekommen und ihm gemäß umgeschaffen sind.“ (Maschinenfragment des Manuskriptes Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie (1857–1859))

Marx zufolge tritt hier eine innere Schranke des Kapitalismus zutage: Er kann keinen Mehrwert aus individueller Arbeit mehr abschöpfen, das Kapital kann keinen Profit mehr realisieren und muss daran zugrunde gehen. Die Summe menschlicher Geistesanstrengungen wird zum unmittelbaren Motor der weiteren Geschichte – das Programm des Kommunismus.

General Intellect at Work

Genau das erleben wir heute, wenn z.B. Google eine Milliarde Suchanfragen pro Tag abarbeitet. Der Algorithmus ist einmal geschrieben worden, danach kann er unendlich produktiv werden als prozessierendes allgemeines Wissen. Der General Intellect als unmittelbare Produktivkraft ist da!

Wie schaffen die Softwarefirmen, die Giganten und die Plattformen des Digitalen Kapitalismus trotzdem Geld zu verdienen? Indem sie das eigentlich schon öffentliche Wissen, knowledge, creative commons, wiederum privatisieren und kontrollieren, und uns die Nutzung desselben gegen Gebühren zur Verfügung zu stellen. Obwohl also die Informationen der Welt zum Greifen nahe sind wie die Luft zum Atmen, wird uns deren Nutzung als Dienstleistung angeboten, wofür wir dann auch noch dankbar sind.
Die Plattformen haben es geschafft, Monopole zu errichten, Standards festzulegen und durchzusetzen. Sie schaffen – flankiert von Gesetzgebung und erfolgreicher Lobbyarbeit – walled gardens (privatisierte Bereiche), in denen sie den Usern als neuem Plattform-Proletariat das Geld aus der Tasche ziehen.

Kapitalismus as a Service

Werden Software und IT-Infrastrukturen von Unternehmen und Organisationen ausgelagert und von externen Dienstleistern betrieben, spricht man von „Software as a service“ oder „Infrastructure as a service“. Der Verkauf von knappen Waren an zukünftige Besitzer wird zunehmend abgelöst durch gebührenpflichtigen oder durch User-Daten querfinanzierten Zugang zu einem Service. Immer mehr Lebensaspekte werden als Service, on demand, organisiert: Information und Kultur, Transport, Wohnen.

Die in den Grundrissen formulierte kommunistische Utopie, der globale Siegeszug des General Intellect ist tatsächlich dabei, realisiert zu werden – allerdings unter kapitalistischen Vorzeichen.

Alan Badiou sagt dazu, alle bisherige Kapitalismuskritik habe sich zu sehr auf Eigentum und Staat konzentriert. Jetzt haben wir es mit einem Kapitalismus zu tun, der ohne beide auskommt. In dem private Firmen staatliche und überstaatliche Aufgaben übernehmen, der Staat immer weiter zurücktritt und in dem Besitz und Verknappung von Gütern keine unbedingte Voraussetzung für sein Überleben mehr sind: Kapitalismus as a service.

Literatur und Quellen

Darren Ross: Millennials Don't Care About Owning Cars, And Car Makers Can't Figure Out Why
Yochai Benkler: The Wealth of Networks, Yale, benkler.org
Karl Marx: Grundrisse („Maschinenfragment“) MEW Bd. 42, S. 602
Nick Dyer-Witheford: Cyber-Marxism. Cycles and Circuits of Struggle in High-Technology Capitalism, Chicago 1999
Wolfgang Fritz Haug: „General Intellect“ und Massenintellektualität, in: Das Argument 235, Juni 2000, Seite 183-203
Alan Badiou: The Meaning of Sarkozy, Verso 2008
Slavoj Žižek: First as Tragedy Then as Farce, Verso, 2009
Thomas Piketty: Das Kapital im 21. Jahrhundert, München 2013

Zur Übersicht aller Texte der Reihe »Understanding Digital Capitalism«.

Unser Autor wird am 23. November einen öffentlichen Vortrag an der Humboldt-Uni mit dem Titel „Kritik der Californischen Ideologie - Mythos Silicon Valley’“ halten. Das Ganze findet im Rahmen des Projektturoriums „California Dreaming - Theorien des Postfordismus“ an der Philosophischen Fakultät I statt.

Timo Daum arbeitet als Dozent in den Bereichen Online, Medien und Digitale Ökonomie. Zum Thema Understanding Digital Capitalism fand vor einiger Zeit eine Veranstaltungsreihe in Berlin statt. Wir möchten uns herzlich an dieser Stelle bei dem Autor für seine kluge, lesenswerte und aufklärende Arbeit bedanken.

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