Was ist eigentlich Plattform-Kapitalismus?Understanding Digital Capitalism II | Teil 2

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In Staffel I dieser Reihe haben wir uns schon einmal mit einer Firma beschäftigt, deren zentrales Geschäftsmodell eigentlich kurios ist: mit frei verfügbaren Informationen Geld verdienen. Die Rede ist natürlich von Google.

Yahoo und Google

Kaum zu glauben, aber es gab mal eine Zeit, in der die Yahoo-Suche verbreiteter war als Google. Wie konnte es dazu kommen, dass Google Yahoo den Rang abzulaufen vermochte, obwohl sie vier Jahre später angetreten waren – eine halbe Ewigkeit in der rasant sich entwickelnden Web-Ökonomie der späten 90er-Jahre?

Das Web-Portal Yahoo war als Liste von Webinhalten konzipiert, die von Hand in eine Datenbank eingepflegt wurden. Mitarbeiter sortierten und klassifizierten neu aufzunehmende Webseiten nach Kategorien in einer Baumstruktur. Eine Art systematischer Katalog entstand, wie man ihn aus der Bibliothek kennt (Soziologie/20. Jahrhundert/Marxismus/Deutschland/Lukacs) oder wie Plattenläden ihre Platten sortieren: nach Genres, Subgenres, Land, Bandname etc.

Yahoo Screenshot UDC II/2

Yahoo

Google Screenshot UDC II/2

Google

Skalierbarkeit

Da um die Jahrtausendwende das Internet boomte, sowohl die Anzahl der Internet-Nutzer als auch die Anzahl veröffentlichter Webseiten exponentiell anwuchs, wurden die Wartezeiten bei Yahoo immer länger. Es konnte noch so viel Personal eingestellt werden: Der Yahoo-Katalog hinkte der Entwicklung hinterher, war nicht mehr aktuell. Das Modell einer durch Angestellte gepflegten hierarchischen Datenbank war nicht skalierbar.
Ganz anders Google. Hier erfand man den Page-Rank-Algorithmus, der automatisch die Relevanz von Seiten bestimmt, indem Links von und zu diesen Seiten registriert und bewertet werden. In die Suchergebnisse fließen also die Aktivitäten sowohl der Webseiten-Ersteller (über die von diesen gesetzten Links) als auch die der Nutzer (über die von diesen getroffenen Entscheidungen) ein. Je mehr Beteiligte, desto besser werden die Ergebnisse. Ein Feedback-Loop entsteht, der beide Seiten der Netzwerknutzung immer besser aufeinander abstimmt. Und ein exponentiell wachsendes Netzwerk stellt für Algorithmen kein Problem dar: Googles Modell eines Algorithmus, der die Netzwerkaktivität- und -struktur auswertet, ist hervorragend skalierbar.

Nicht nur skaliert der Algorithmus besser, er ist auch viel billiger als menschliche Arbeitskraft – die eigentliche Arbeit machen in Googles Modell nicht Angestellte der Firma, sondern das Publikum, die Kunden und Nutzer selbst – die dafür keinerlei Bezahlung erhalten.

Rise Of The Platforms

Google war der Vorreiter, inzwischen gibt es eine ganze Reihe von Unternehmen, die in ganz unterschiedlichen Branchen den gleichen Trick wiederholen: aus Nichts bzw. der Vermittlung auf einer Plattform viel Geld verdienen und natürlich immer auch die Welt zu einem „better place“ machen. Dez Blanchfield von IBM hat kürzlich unter dem Titel „Die digitale Disruption ist schon da“ eine Reihe an Firmen aufgezählt, die die Plattform-Ökonomie ausmachen:

airbnb logo

Der weltgrößte Anbieter von Übernachtungen besitzt keinerlei Immobilien
AirBnB listet rund zwei Millionen Inserate in 192 Länder und hat seit 2008 ca. zehn Millionen Übernachtungen vermittelt. AirBnB ist nur für die Vermittlung privater temporärer Wohnräume da, verfügt über keine eigenen Immobilien. Aus der Idee, privaten Wohnraum über das Internet für Urlauber zu vermitteln, ist ein Weltkonzern geworden, der die Hotelbranche herausfordert.

Alibaba Logo

Der umsatzstärkste Großhändler der Welt verfügt über keinerlei Warenbestand
Das hierzulande wenig bekannte chinesische Unternehmen Alibaba ist zum umsatzstärksten Großhändler der Welt geworden. Alibaba sammelt nur die Angebote von anderen Firmen und verfügt über keinerlei eigenen Warenbestand. Am chinesischen „Singles Day“, dem 11. November 2015, erzielte Alibaba rekordverdächtige acht Milliarden US-Dollar Umsatz: bis 10 Uhr morgens.

WeChat WhatsApp Logo

Die weltgrößten Anbieter von Telefondienstleistungen besitzen keine eigene Telekommunikations-Infrastruktur
WhatsApp und WeChat vereinen 214 Milliarden Minuten Telefongespräche und Videokonferenzen auf sich, bei jährlichen Wachstumsraten um die 40%. Diese jungen Telekommunikationsunternehmen verfügen über keine eigene Infrastruktur und doch gelingt es ihnen, das Geschäftsmodell der Telefongesellschaften zu gefährden, indem sie Telefongespräche und Nachrichten in das Internet verlagern: als service over IP.

Society One logo JPG

Die weltweit am stärksten wachsende Bank verfügt über keinerlei flüssige Geldmittel
Die in Australien ansässige PeerToPeer-Kreditvermittlungsplattform Society One bringt auf ihrer Plattform Anbieter und Empfänger von Kleinkrediten zusammen. Seit 2013 wurden so Kredite in Höhe von über 100 Millionen Dollar vermittelt. Die Bank ist jedoch gar keine Bank, sondern lediglich eine Vermittlungsplattform, die über keinerlei Geldmittel, Rücklagen oder sonstige Wertbestände verfügt.

Google Apple Logo

Die weltweit dominierenden Software-Anbieter für mobile Endgeräte stellen die Software nicht selbst her
Apple und Google sind mehr oder weniger die alleinigen Software-Anbieter für Mobilgeräte. Mit den App-Stores, die mit den jeweiligen Betriebssystemen gekoppelt sind, vereinen sie über zwei Millionen einzelne Programme auf sich. Seit Einführung des Apple Stores wurden alleine dort 25 Milliarden Downloads getätigt. Die überwiegende Mehrheit dieser Programme wird von anderen hergestellt, die die Plattformen Android und iOS zur Vermarktung benutzen (Die Reihe wird sich in 14 Tagen genauer mit dem Ökosystem App-Stores beschäftigen).

Was ist eigentlich eine Plattform?

Der englische Begriff platform kommt aus der Software-Entwicklung und bedeutet zunächst die technische Basis einer Anwendung, also Hardware oder ein Betriebssystem, die eine spezifisch abgestimmte Softwareentwicklung nach sich zieht. Die Metapher einer Grund-Technologie, auf der dann bestimmte Dienste aufbauen, ist aus dieser Ecke entlehnt.

Plattformen sind zunächst proprietäre Anwendungen oder Online-Angebote, die meist kostenlos eine Dienstleistung anbieten. Die Plattformen stellen eine virtuelle Infrastruktur zur Verfügung bzw. vermitteln zwischen Dritten. Durch den Netzwerkeffekt erzielen sie rasch eine Monopolstellung. Sie sind selbst nicht für die Inhalte verantwortlich, beherrschen aber die Form. Alle Plattformen behalten sich vor, jederzeit die Regeln des Spiels zu ändern. Experimente mit Bezahlmodellen, Änderungen der Privatsphäre-Einstellungen sind an der Tagesordnung. Ihnen gegenüber stehen Einzelne, die keinerlei Einfluss auf das Gesamtsystem haben. Das nennt man dann Plattform-Kapitalismus.

Sirenen

Jaron Lanier nennt diese Plattformen „Siren Servers“ – angelehnt an die Sirenen in der Odyssee, die mit kostenlosen Services locken, am Ende aber den Angelockten auf ewig an sich binden, ihn niemals mehr aus der Umklammerung loslassen. Vendor-Lock-In heißt das in der BWL, die Abhängigkeit von einem einmal gewählten Anbieter. Die Sirenen waren erfolgreich, sobald ein Wechsel nicht mehr möglich ist. Aus Mangel an Alternativen, weil ein Wechsel zu kostspielig wäre oder schlicht weil alle bei diesem oder jenem Anbieter sind: Microsoft, Google, Facebook.

„Wir vermitteln doch nur!“

Die Plattformen produzieren selbst nichts, stellen nur eine virtuelle Begegnungsstätte dar. Ihr einziger Besitz sind Daten und Algorithmen. Sie finanzieren sich über Gebühren, Werbung oder Nutzerdaten. Durch den Netzwerkeffekt erzielen sie rasch eine Monopolstellung. Oft wirken sie sich disruptiv auf bestehende Branchen aus. Weil sie schnell und günstig einen privaten, viel weiter gefassten Markt bedienen oder diesen erst kreieren. Sie stoßen oft in unbekanntes und damit nicht reguliertes Terrain vor, setzen damit eigene Standards oder umgehen bestehende gesetzliche Regelungen. Frühkapitalistische Arbeitsverhältnisse sind die Folge, z.B. bei der Vermittlung von privaten Fahrten wie bei Uber oder bei der Vermittlung von Mikro-Jobs auf Click-work-Plattformen wie Amazons mechanical turk.

Bewertungssysteme, die wiederum durch die Nutzer der Plattform selbst genährt werden, ersetzen Standards und Regeln. Sie erzielen ihren Zweck durch eine Art disziplinierenden Feedback-Loop: Wer braucht noch staatliche Gütesiegel, Arbeitsrecht oder Bauvorschriften, wenn wir den Over-all score aller User-Bewertungen konsultieren können?

Monopoly

Der Netzwerkeffekt, der zur Herausbildung von Monopolen führt, ist auch ökonomisch spürbar. Einer aktuellen Untersuchung zufolge entfallen etwa 70 Prozent des Umsatzes von 300 Milliarden Dollar, den alle börsennotierten US-Internetfirmen zuletzt gemacht haben, auf gerade einmal fünf Firmen. 57 Prozent der Erlöse flossen allein in die Kassen von Amazon und Alphabet.

Fünf Internetplattformen vereinen 70 % Infografik UDC 2

Quelle: USA Today

Wenn Google ein Call-Center wäre

Der Plattform-Kapitalismus kommt ohne Arbeiter aus: Bei Facebook, Pinterest und Google gibt es niemanden, der Beiträge erstellt, Fotos hochlädt oder Suchanfragen bearbeitet. Das wäre auch gar nicht möglich! Wenn z.B. die Suchanfragen bei Google wie in einem Callcenter von Menschen bearbeite werden würden, wieviel Personal müsste Google einstellen? Nehmen wir an, die Bearbeitung einer Suchanfrage dauerte eine Minute, müssten, um die ca. 4,6 Milliarden Anfragen zu bearbeiten, zehn Millionen Googles vor den Bildschirmen sitzen.

Jaron Lanier: Who Owns the Future? London 2013. Deutsch: Wem gehört die Zukunft? Hamburg 2013
Sangeet Paul Choudary, Marshall W. Van Alstyne, Geoffrey G. Parker: Platform Revolution: How Networked Markets are Transforming the Economy, New York 2016
Sascha Lobo: S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine: Auf dem Weg in die Dumpinghölle
USA Today: 5 companies grab 70% of your online dollars

Zur Übersicht aller bisherigen Texte der Reihe »Understanding Digital Capitalism«.

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