Kritik der Kalifornischen Ideologie IUnderstanding Digital Capitalism | Teil 7

Kalifornische Ideologie

Das neoklassische Modell der Marktwirtschaft, geprägt von den berühmt-berüchtigten „Chicago Boys" um Milton Friedman, geht in einem Satz so: Je mehr der Staat sich raus und seine Klappe hält, umso besser. Dass diese Ideologie auch mit dem Hippie- und Bohème-Flair unter der kalifornischen Sonne erstaunlich gut zusammenpasst, zeigt Timo Daum im neuesten Kapitel über den „digitalen Kapitalismus.“

Vor ziemlich genau 20 Jahren erschien im britischen Mute-Magazin ein Text, der eine bis heute gültige Analyse und Kritik der Vorstellungswelt des Silicon Valley liefert: „The Californian Ideology“. Die beiden britischen Medientheoretiker Richard Barbrook und Andy Cameron beginnen ihren mittlerweile legendären Essay so:

„At the end of the twentieth century, the long predicted convergence of the media, computing and telecommunications into hypermedia is finally happening. Once again, capitalism's relentless drive to diversify and intensify the creative powers of human labour is on the verge of qualitatively transforming the way in which we work, play and live together.“

Ihr Artikel stammt aus den Zeiten des ersten Booms des Digitalen Kapitalismus, den man nach dessen „Überproduktionskrise“ (Marx) als „Dotcom-Blase“ bezeichnete. Die „Big Four of the Digital World“ – Amazon, Ebay, Facebook, Google – existierten zum Zeitpunkt des Erscheinens des Textes noch gar nicht. Und doch liest sich ihre britisch-marxistische Kritik des „Silicon Valley belief systems“ auch heute noch überraschend frisch:

„The Californian Ideology promiscuously combines the free-wheeling spirit of the hippies and the entrepreneurial zeal of the yuppies. This amalgamation of opposites has been achieved through a profound faith in the emancipatory potential of the new information technologies. In the digital utopia, everybody will be both hip and rich.“

Die gegenkulturelle Bohème San Franciscos trifft auf die Silicon Valley High-Tech-Industrie.

Laissez-faire-Kapitalismus

Was ist aus der Kalifornischen Ideologie geworden – dieser einzigartigen Mischung aus dem Glauben an die innovative Unternehmerpersönlichkeit, an die heilsame Wirkung des freien Marktes, an die Lösbarkeit der Probleme /der Herausforderungen der Menschheit durch Informations-Technologien Technikbegeisterung und Elementen alternativer Gegenkulturen? Demokratie, freier Markt und Individualismus sind Kernelemente der Kalifornischen Ideologie. Darin unterscheiden sie sich allerdings nicht vom US-amerikanischen Mainstream: Tiefes Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen und radikale Befürwortung freier Märkte, gepaart mit blindem Vertrauen in die innovative Kraft von Unternehmer-Persönlichkeiten, sind gängige Vorstellungen. „Throughout the centuries there were men who took first steps down new roads armed with nothing but their own vision“.
Dieses Zitat bringt das Selbstbild der Silicon-Valley-Entrepreneure auf den Punkt. Es findet sich in Ayn Rands Roman „The Fountainhead“ aus dem Jahre 1943, eines der meistgelesenen Bücher in den USA. Ayn Rand ist eine in Deutschland weitgehend unbekannte, in den USA aber Kultstatus genießende Autorin. Insbesondere in ihrem Hauptwerk „Atlas Shrugged“ entwirft sie einen moralphilosophisch begründeten, entfesselten „Kapitalismus der Schaffenden“. Sie gilt als Urheberin eines radikalen Objektivismus und vertritt eine radikale Form des Egoismus: Erfindergeist und Tüchtigkeit sind die höchsten Tugenden, strikter Laissez-faire-Kapitalismus daher die einzig legitime Staatsform.

Atlas Shrugged

Kultbuch in den USA: „Atlas Shrugged“ von Ayn Rand

My philosophy, in essence, is the concept of man as a heroic being, with his own happiness as the moral purpose of his life, with productive achievement as his noblest activity, and reason as his only absolute. (Atlas Shrugged)

Ideologie in Reinform

Für europäische Verhältnisse mag das ausgesprochen brutal klingen, und es verwundert erst recht, dass eine große Mehrheit des kleinbürgerlichen Amerika von Ayn Rands Ideen beseelt ist – ausgerechnet nach der Finanzkrise ist das Interesse an ihren Werken wiedererstarkt! Wenn einfache Leute gegen Obamas Krankenversicherung wettern, von der sie selbst zuallererst und unmittelbar profitieren würden, wenn das arme weiße Main-Street-Amerika Steuersenkungen für Reiche fordert, dann ist das laut Slavoj Žižek Ideologie in Reinform. In seinem Buch „First as Tragedy, then as Farce“ schreibt er:

„So how is it that people are literally acting counter to their own interests? From the standard perspective of the enlightened and rational pursuit of personal interest, the inconsistency of this ideological stance is obvious: the populist conservatives are literally voting themselves into economic ruin“

Žižek zufolge ist dieses nur möglich durch eine Übersetzung oder Neu-Codierung des Gegensatzes zwischen der armen arbeitenden Bevölkerung und den Großunternehmen (dem Kapital) in einen Gegensatz zwischen dem hart arbeitenden christlichen Amerika und den dekadenten Ostküsten-Liberalen.

Die Auserwählten

Zurück nach Kalifornien: Auch hier ist ein Randscher Fundamental-Liberalismus am Werk, jedoch in seiner Cyberspace-Variante. In Kalifornien endet geografisch das Ziel der „Manifest Destiny“, einer amerikanischen Doktrin des 19. Jahrhunderts, die eine gottgewollte Expansion nach Westen benennt und die Sonderstellung der USA als „greatest country in the world“ begründet. Diese ideologische Begleitmusik des Großen Trecks gen Westen lebt heute in der Theorie des „American Exceptionalism“ weiter – der Überzeugung, dass den USA eine Sonderstellung zusteht in der entwickelten Welt, dass sie eine Mission für „freedom and democracy“ habe, die sie technologisch und moralisch über den Rest der Welt erhebt. Diese konservative Theorie erlebt in der Tea-Party-Bewegung eine Renaissance und wird ähnlich wie der Kreationismus und christliche Werte erbittert gegen liberale Kritik verteidigt. Selbst Präsident Obama kommt um eine Positionierung in dieser Frage nicht herum.

Das Silicon Valley hat sich eine ganze eigene Variante dieser Phantasie des Auserwähltseins gegeben: „Governments of the Industrial World, you weary giants of flesh and steel, I come from Cyberspace, the new home of mind“. So beginnt John P. Barlows „Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace“, die im selben Jahr wie Barbrooks und Camerons Kritik erschienen ist. Hier ist aus der geografischen Grenzüberschreitung eine ins Nirwana der digitalen Kommunikation geworden: das Internet als frei schwebende Sphäre, entkoppelt von der Realität, außerhalb von Raum und Zeit, losgelöst von traditionellen Mächten, Regeln und Strukturen. John Perry Barlow ist ein Internet-Aktivist und Bürgerrechtler, Mitgründer der „Electronic Frontier Foundation“ (in etwa der US-amerikanische Chaos Computer Club) und ehemaliger Songtexter von Grateful Dead. Der charismatische Barlow genießt Kultstatus im Silicon Valley und gilt als Begründer des Technolibertarismus. Nochmal Barbrook und Cameron über die „Ideologen der Westküste“:

„Above all, they are passionate advocates of what appears to be an impeccably libertarian form of politics – they want information technologies to be used to create a new 'Jeffersonian democracy' where all individuals will be able to express themselves freely within cyberspace.“

Whole Earth Catalog

Der „Whole Earth Catalog“. Quelle: Wikimedia

Laut Barbrook und Cameron liegen die kulturellen Wurzeln der Kalifornischen Ideologie bei den Kalifornischen Hippies der 60er Jahre: Aus Anti-Establishment, Drogenerfahrungen, sexueller Befreiung, Toleranz erwächst das typische Laissez-faire der Westküste. Zwischen 1968 und 1972 erschienen mehrere Ausgaben des „Whole Earth Catalog“, eines Sammelsuriums von Literatur, praktischen Tipps und Informationen der Kalifornischen Gegenkultur. Herausgeber war Stewart Brand, der später den Begriff „Personal Computer“ geprägt hat. Der „Whole Earth Catalog“ wirkte als Katalysator und Verbindungsglied zwischen verschiedensten Strömungen der Hippies bis hin zu Technologie-Freaks. Er enthielt, was wir heute „user generated content“ nennen, was seine Bedeutung als das Graswurzel-Medium eines links-aktivistischen Undergrounds begründete.

„Er prägt seit den späten 1960er-Jahren mehr als jede andere Abbildung die populäre Vorstellung vom Zeitalter des »Systems Erde« und der Globalisierung, von der weltumspannenden Netzwerkgesellschaft bis hin zur heutigen Klimadiskussion.“ (HKW: Das Anthropozän-Projekt)

Apple-Gründer Steve Jobs bezeichnete ihn als eine seiner wichtigsten Inspirationsquellen („Stay hungry, stay foolish“) und als „analogen Vorläufer von Google“. Jobs trat stets bescheiden im schwarzen Rolli auf, hörte Bob Dylan, hatte einen Sommer im Ashram verbracht, baute gleichzeitig eine Weltfirma auf, ließ in Shenzhen bei Foxconn unter miserablen Arbeitsbedingungen produzieren, beutete staatlich finanzierte Forschungsergebnisse aus und vermied mit allerlei Tricks, Steuern zu zahlen. Somit kann er als Personifizierung des Amalgams zwischen Kalifornischen Hippies und Randschen Techno-Unternehmerpersönlichkeit gelten.

Hippies, die in Privatjets kommen

Hier kommen sie alle einmal im Jahr zusammen, die Alt-Hippies aus der „Bay Area“ und die CEOs aus dem Silicon Valley: Das in der Wüste von Nevada stattfindende „Burning Man Festival“ ist eine aus der Zeit gefallene Reminiszenz an das Kalifornien der Blumenkinder-Zeit. Ideale von Nachhaltigkeit, Selbstverwirklichung, freier Liebe, Gesetzlosigkeit und alternativer Ökonomie werden durch eine logistische Maschinerie als Illusion aufrechterhalten. Tatsächlich erinnert das Festival im Wüstensand an eine Mad-Max-Dystopie: Die Co2-Bilanz ist katastrophal, die Besucher kommen in Privatjets, die Zugriffsmöglichkeiten der Polizei sind umfassend und das Publikum ist alles andere als divers.

Und doch wird etwa Googles Motto „Don’t Be Evil!“, der Versuch, Menschheitsaufgaben zu lösen und die Welt mit „guten Produkten“ zu beglücken, nur vor dem Hintergrund von „Whole Earth Catalog“ und „Burning Man“ verständlich: Tue Gutes mit gutem Karma und guten Tools und verdiene dabei einen Haufen Geld: That’s the spirit! Nochmal Barlow:

„We will create a civilization of the Mind in Cyberspace. May it be more humane and fair than the world your governments have made before.“

Man darf skeptisch sein…

Im zweiten Teil „Summer of Code“, der am 15. Juni erscheint, geht es um die dritte wichtige Zutat zum kalifornischen Ideologie-Mix: Technozentrismus.

Links und Quellen:

Ayn Rand: The Fountainhead. Plume Books, 2005

John Perry Barlow: A Declaration of the Independence of Cyberspace.

Richard Barbrook, Andy Cameron: "The Californian Ideology". Science as Culture 6.1 (1996): 44-72.

Slavoy Žižek: First as Tragedy, then as Farce. Verso, 2009

Haus der Kulturen der Welt: Das Anthropozän-Projekt. Kulturelle Grundlagenforschung mit den Mitteln der Kunst und der Wissenschaft 2013/2014

Zur Übersicht aller Texte der Reihe »Understanding Digital Capitalism«.

Timo Daum arbeitet als Dozent in den Bereichen Online, Medien und Digitale Ökonomie. Zum Thema Understanding Digital Capitalism fand vor einiger Zeit eine Veranstaltungsreihe in Berlin statt.

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