Lächeln, nicken, bloß nicht ausrastenWarum „Insecure“ die beste TV-Serie 2017 ist

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Fotos: HBO

David Lynchs Surrealismus hin, „Stranger Things“’ Meta-Pastichen her: Die Serie des Jahres war Issa Raes „Insecure“, die 2017 auf HBO in ihre zweite Staffel ging. Dafür gibt es genau zwei Gründe. Erstens: Rae injiziert dem Millennials-Dealing-With-Shit-Genre wieder jenen Charakter, der nach dem Ende von Josh Thomas' „Please Like Me“ fehlte und den Lena Dunhams „Sex In The City“-Adaption nicht über mehr als drei Episoden transportieren konnte. Und der zweite Grund? Kommt später.

Dringlicher noch als Please Like Me politisiert Rae das Comedy-Format, indem sie subtil die Missstände nicht frontal, sondern formal in ihre Gesamterzählung einbettet. Insecure reiht sich in Serien ein, die sich einem brachialen Realismus verpflichtet haben. Selten wird der vom Unbewussten durchbrochen, dann aber heftig. Die Tagträumereien, Sex- und gelegentlichen Gewaltfantasien der Protagonistin Issa werden auf eine Art markiert, wie es dereinst Six Feet Under in die HBO-Welt eingeführt hatte: Kurz herrscht zügelloses Chaos, dann wird wieder hart auf die Ausgangssituation, soll heißen den Boden der Tatsachen geschnitten. All diese momentanen Ausraster finden aber natürlich nicht wirklich statt und Issa schluckt wie dereinst die Mitglieder des Fisher-Clans stattdessen den Frust herunter, lächelt und nickt. Unbehagen füllt den Raum, bis irgendjemand das Zimmer verlässt. Das Fiktive wird nicht für sich stehen gelassen, sondern als solches herausgestellt. Konflikte werden nicht aufgelöst, sondern nur immer wieder aufgeschoben oder komplett verdrängt.

„Insecure“ zeichnet ein ausdifferenziertes Bild der prekären Lebensrealität einer Endzwanzigerin im heutigen Los Angeles.“

„What the hell? What are you doing here?“, schmettert sie ihrem Freund aus College-Tagen, Daniel, entgegen, als der im Badezimmerspiegel auftaucht. „I don't know“, antwortet der. „It's your fantasy.“ Die Realität ist hingegen der depressive Sitzsack von Boyfriend, der seit Jahren über seine erste App nachdenkt und nicht vom Fleck kommt. Daniel ist dagegen ein Macher, Musikproduzent für unter anderem Ty Dollar $ign.

Nicht nur das Verlangen, sondern auch die heiße Wut wird auf die Wartebank verschoben. Statt wirklich gegen die dümmlichen Mikroaggressionen ihrer weißen KollegInnen zu reagieren, tut Issa das, was sie meistens tut: lächeln und nicken, bis irgendwer das Zimmer verlässt. Insecure zeichnet nicht nur ein ausdifferenziertes Bild der prekären Lebensrealität einer Endzwanzigerin im heutigen Los Angeles, sondern trifft damit auch eine Aussage über die Erfahrungswelt junger Schwarzer in einem Alltag voller unmotivierter Polizeikontrollen und weißer männlicher Kollegen, die für denselben Job ein Vielfaches verdienen.

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Voll in der Repräsentationsfalle

Anders als beispielsweise in Fresh Off The Boat oder Black-ish wird hier keine Mittelschichtsszenerie als Hintergrund komödiantisch-formelhafter Sitcom-Episoden aus dem Leben nicht-weißer Familien genommen, in denen der Ernst der Lage immer nur dem Ausnahmefall gleich kommt. Auch ist die Serie kein Großstadtpendant zu Dear White People, dessen Charaktere lediglich AgentInnen großer sozialpolitischer Diskurse sind. Insecure ist real und steckt damit voll in der Repräsentationsfalle.

Anstatt das allerdings wie Aziz Anzari mit Master Of None in einer von impressionistischen Bildern unterlegten Romantik und viel surrealistischem Slapstick-Humor aufzulösen oder wie Donald Glover in Atlanta sarkastisch gegen die Wand fahren zu lassen, macht Rae den Weißbrotanteil ihres Publikums buchstäblich zum Spiegel: Die zweite Art Affektabfuhr, die in Insecure dominiert, sind die kurzen, hart geschnitten Rap-Einlagen der Protagonistin vor dem Badezimmerspiegel. Issa lächelt nicht, sie nickt nicht. Sie schreit uns an und fletscht die Zähne. Aber eben nur weil sie weiß, dass in Wirklichkeit niemand zuhört.

Die Lust an der Angst

Als schwarzer Frau sind Rae beziehungsweise Issa lediglich zwei Möglichkeiten gegeben, ihre Wut über Misshandlungen – ob sexistischer oder rassistischer Natur – zu sublimieren. In einem Video riet der Performance-Künstler Hennessey Youngman 2010 seinem schwarzen Publikum dazu, an die white guilt des Kunstbetriebs zu appellieren: „As a nigga artist, you kinda gotta be angry, you know, not like punchin' crackers in the face, but you (...) have to have this angry nigga exterior.“ Das exerziert Issa vorm Spiegel, damit aber auch in der diegetischen Isolationshaft.

„Fear Of A Dark Planet ist insbesondere im Jahr 2017 noch der liebste weiße Zeitvertreib.“

Die Schriftstellerin Claudia Rankine nahm Youngmans These in ihrem 2014 erstveröffentlichten, in diesem Jahr auf Deutsch erschienenen Lyrikband Citizen auf. Sie nennt das, was der Performance-Künstler vorstellt, „commodified anger“ und hält dem eine andere Form von Wut entgegen: „the anger built up through experience and the quotidian struggles against dehumanization every brown or black person lives simply because of skin color.“ Als schwarze Künstlerin kann sich Rae nicht erlauben, die Trennschärfe zwischen Fiktion und Realität zu übergehen und zoomt deswegen umso eindringlicher rein.

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Rankine nimmt Youngman ernst und tatsächlich ist das angebracht: Sein Ratschlag ist kein satirischer, sondern entblößt die Mechanismen der Angstlust, mit der das weiße Publikum schwarzer Kunst begegnet und die es als Effekt von ihr jederzeit erwartet. Die Fear Of A Black Planet ist insbesondere im Jahr 2017 noch der liebste weiße Zeitvertreib. Rae problematisiert genau das, indem sie auf repräsentativer Ebene ihren „actual anger“ herunterschluckt und den „commodified anger“ in Tagträumereien oder Raps ableitet. Die Alternative, sich gegen die herrschenden Zustände aufzulehnen, bleibt weder Issa noch ihrer besten Freundin Molly vergönnt, die als Anwältin in einer fast ausschließlich weißen Kanzlei nur in denen Verbündete findet, die ebenfalls nicht ins Bild passen: der schwarze Kollege, die schwarze Sekretärin, die asiatische Kollegin und die ältere Frau, die nach Chicago zwangsversetzt wird. Das ist deswegen so frappant, weil es eine Realität abbildet, anstatt sie zur Persiflage hochzujazzen.

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Insecure kann damit de facto keine Universalität für sich beanspruchen, nicht für eine ganze oder zumindest irgendeine Generation sprechen, wie das Lena Dunhams Charakter Hannah Horvath immer gerne wollte und ob der begeisterten Kritik angeblich auch getan hat. Das Privileg, das etwa ein Film wie Richard Linklaters Boyhood für sich beanspruchen konnte, nämlich eine im Kern menschliche statt lediglich identitäre und in sozialpolitische Kontexte eingebettete Geschichte zu erzählen, ist ihr nicht vergönnt. Das Symbolische existiert in Insecure ebenso wenig wie die Serie ein naturalistisches Prinzip für sich beanspruchen kann. Denn das Elend beim Namen zu nennen hieße nur wieder, der rassifizierten Konsumlogik zu folgen. Raes Realismus nimmt damit auf subtilere Art Konfrontationskurs auf als Justin Simiens in diesem Jahr auf Netflix angelaufene Serie Dear White People, welcher der Appell ans Publikum trotz aller Differenziertheit seiner Erzählstränge bereits in den Titel eingeschrieben ist.

Lukeskywalken über die Hater

Vor allem aber repräsentiert Rae aus der Repräsentationsfalle heraus schwarze KünstlerInnen. Kein Buch, das sie liest, das nicht lang genug in die Kamera gehalten würde – es könnte ja jemand den Titel mitschreiben wollen. Vor allem aber ist da – und das ist der zweite Grund, warum Insecure in diesem Jahr alles abgeräumt hat – die Musik. Nachdem für die erste Staffel Solange Knowles als Beraterin herangeholt wurde, wird der Soundtrack in der zweiten noch um einiges besser. Von Trap und Jersey Club über Kelelas „LMK“ hin zu SZA sowie zig grundsoliden Frank-Ocean-Klonen und mittendrin dem echten Frank Ocean macht Rae eine Palette zeitgenössischer schwarzer Musik auf, die lediglich an einer Stelle grandios verunfallt: Während einer Busfahrt läuft Miguels „Sky Walker“ im Hintergrund, derweil Issa im fahlen Fahrzeuglicht in mürrische Gesichter blickt.

„Sky Walker“ ist ein Song, der mit seinem happy-go-lucky Cloud-Rap-Beat allein schon stilistisch zwei Jahre hinterher scheint und dessen Yolo-Lyrics im Jahr 2017 ungefähr so angemessen daher kommt wie ein Anruf beim Bumsen. Miguel rät uns, das Leben zu genießen, noch mal einen durchzuziehen und bloß nicht zu lange zu warten – wir könnten sonst was verpassen. Zwischendurch hüpft noch Travi$ Scott für einen sinnbefreiten Feature-Part auf den Beat, auch er hat nur das Beste zu berichten: Er feiert gerade seinen „Jordan moment“ und die Kette blitzt vor Eis, während Miguel über seine Haters lukeskywalkt. Polizeikontrollen, Beinaheüberdosen – ja, lol, na und.

Wo die erste Staffel von Insecure seinem Publikum noch mit Kendrick Lamars Durchhalteparole „Alright“ Hoffnung einimpfte, steht „Sky Walker“ im strengen Kontrast zu Issas Lebensrealität: Ihr Ex-Freund Lawrence will sie nicht und der sich mittlerweile aus dem Badezimmerspiegel zur Affäre realisierte Daniel reagiert auf ihren textuellen booty call zuerst mit drei hüpfenden Punkten und lässt es dann bleiben. Die Liebe ist verloren, der Gelegenheitsfick macht sich rar. „Good things come to those that wait up / But don't wait to jump in too long“, my ass.

Miguels neoliberale Erbauungslyrik nimmt einerseits eine Good-Guy-chauvinistische Perspektive ein. „I know she vegan but she want that steak tonight” heißt es live und im Video fotografiert der Sänger eine schlafende Frau, als wäre das eine romantische Geste und nicht komplett übercreepy. Das steht nicht nur im krassen Gegensatz zu den eigentlich politischen Absichten des Sängers, der mit seinem neuen Album „War and Leisure“ (!) Pop als eine Art diskursives Trägersignal verwenden will.

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„Sky Walker“ spricht losgelöst von diesen hehren Absichten im Kontext der Szene aber vor allem von derselben Ebene der Fiktion herab, wo Issas angestaute Wut mit ihrem unerfüllten Verlangen auf bessere Zeiten warten muss. Zeiten, die in diesem Leben vielleicht weder für Issa noch für Rae kommen werden. „You can’t even dream now”, stellte Miguel resigniert in einem gemeinsamen Gespräch mit Nady Tolokonnikova von Pussy Riot fest. “„Sky Walker” versucht, zu träumen und das Ergebnis ist ein bittersüßer Albtraum: Eine konsequentere Hymne auf die Alternativlosigkeit schwarzer Lebensrealitäten war in diesem Jahr nicht zu hören.

Insecure bildet auf der anderen Seite eine der brutalsten Wahrheiten des zeitgenössischen TV-Betriebs ab. Weil jeder Traum darin nur jenes Verlangen nach Konfrontationen zum Ausdruck bringt, das in der Realität unterdrückt werden muss. Die Flucht in surreale Narrative oder die Readymade-Referenzhölle der Achtziger Jahre können sie nur jene leisten, die sonst herzlich wenige Probleme haben.

Insecure läuft in Deutschland auf Sky.

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