Richard Linklater | Jeff NicholsKonträre Chronisten des amerikanischen Südstaatenalltags

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Foto: Lionsgate

Die Regisseure Richard Linklater („Dazed & Confused", „Before Sunrise“) und Jeff Nichols („Shotgun Stories“, „Take Shelter“) gehören zu den absoluten Lieblingen der amerikanischen Indie-Szene. Linklaters letzter Film „Boyhood“ begeisterte 2014 das Berlinale-Publikum. Nichols „Mud“ mit Matthew McConaughey lief 2012 im Wettbewerb von Cannes. Beide Filme sind Coming-of-Age-Geschichten, die in den amerikanischen Südstaaten spielen: „Boyhood“ in Texas, „Mud“ im benachbarten Bundesstaat Arkansas. Unser Autor Daniel Moersener hat beide Filme gesehen und festgestellt, dass diese trotz aller Gemeinsamkeiten gravierende Unterschiede aufweisen.

2014 pilgerte das Arthouse-Publikum massenhaft in Richard Linklaters Film „Boyhood“. Die Kritiken fielen durchweg positiv aus: Ein wunderschöner, unamerikanischer Film über die Kindheit und das Leben. Ja, das Leben, die Liebe, die Familie, die Teenagerzeit, das sind Bilder und Begriffe, die „Boyhood“ großspurig für sich beansprucht. Was der Film tatsächlich abliefert, ist allerdings so naiv und bieder wie narzisstisch und reaktionär. Dass es auch anders geht, beweist Südstaaten-Experte Jeff Nichols mit „Mud“ (2012). Seinem Film über Vater-Sohn-Konflikte und einen gesuchten Mörder am Arkansas River blieb ein Kinostart in Deutschland leider versagt. So verwandt die Coming-of-Age-Thematik von „Boyhood“ und „Mud“ auch ist, so grundverschieden sind die beiden Filme in ihrer Perspektive. Während Jeff Nichols’ sich freimütig zu Mark Twain und zum Genre, zur Notwendigkeit des Vaters, zu Familienfehden und Rache bekennt, versteigt sich Linklaters Film in eine esoterische Lebensphilosophie und vulgären Antiautoritarismus. Nebenbei versucht er ganz bewusst den typischen europäischen Arthouse-Spießer mitzunehmen und ihn in all dem zu bestätigen, was man schon immer über die Amis wusste.

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Foto: Lionsgate

Von amerikanischen Vätern und ihren Söhnen

„Boyhood“ geht ganz bewusst den verqueren Spagat ein, einerseits eine Wohlfühlgeschichte ohne nennenswerte Konflikte zu erzählen und andererseits die permanent wehleidige Außenseiterposition von Protagonist Mason einzunehmen, dem der Durchschnittsamerikaner bzw. der autoritäre Vater das Leben schwer machen will.
Die Probleme von Mason und seiner Mutter sind merkwürdigerweise niemals dort zu finden, wo sie eigentlich verortet sind. Wie Masons Mutter es vom texanischen Vorort und aus der finanziellen Not in den Psychologielehrstuhl schafft, ist für Linklater nicht weiter erzählenswert. Dass Masons Vater (Ethan Hawke) selten da ist, wenn seine Kinder ihn brauchen, bleibt folgenlos. All jene, die sich bei Mason tatsächlich als Vaterfigur versuchen, sind dumme Amis, die Mason wahlweise einen Fünfzigerjahre-Army-Haarschnitt verpassen, eine Shotgun schenken oder ihn ungerecht behandeln, weil sie im Irakkrieg waren. Falls sich der leibliche Vater erbarmt, mit dem Sohn Zeit zu verbringen, wird mit einem nichtsnutzigen Hippie-Freund rumgehangen oder Wahlwerbung für Obama gemacht. Wenn man vermutet, dass der schmierige Kumpel von Masons Vater sich womöglich an Masons Schwester vergehen möchte, geschieht selbstverständlich nichts. So sehen sie aus, die Good Americans. Der Rest: Kleingeister.

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Foto: Universal Pictures

„Mud“ erzählt ebenfalls von einer Kindheit im Süden der USA und dem Wunsch nach Identifikation mit einer Vaterfigur. Ellis’ Familie wohnt am Arkansas River, einem Nebenarm des Mississippi. Die Familie lebt vom Fischen, die Ehe der Eltern droht zu zerbrechen, Ellis’ erste Liebe verleugnet ihn. Eines Nachmittags durchkreuzen Ellis und sein bester Freund mit einem Motorboot die verzweigten Wasserläufe der Gegend. Dort begegnen sie Matthew McConaughey alias Mud, der sich auf einer abgeschiedenen Insel versteckt. Für die Jungen, die dem Fremden heimlich Essen und Ausrüstung zukommen lassen, wird die Bekanntschaft mit Mud zu einem Abenteuerspiel mit Vaterersatz.
Nichols Film setzt nicht nur auf Mark Twainsche Entdeckungsmetaphern - den sagenumwobenen Mississippi, Bootsreisen stromabwärts und geheimnisvolle Fremde -, er lässt in das Spiel der Jungen bald harte Genrerealität einbrechen. Mud hat nämlich den Zorn eines gewalttätigen Familienpatriarchen auf sich geladen, dessen Handlanger nun versuchen, ihn aufzuspüren. Auch der Alltag von Ellis und seinem Freund Neckbone ist ein widriger: Da gibt es Faustschläge für Ellis’ Erzfeind und Wasserlöcher voller Giftschlangen.
Beide Filme stellen ihren Protagonisten am Ende Melodram-typisch eine mögliche neue Freundin zur Seite, die Jungen werden fortan nicht mehr dieselben sein. Dass Masons Weg kein umkehrbarer ist, will „Boyhood“ aber nicht wahrhaben, er lässt Mason über die Schönheit des Moments und die Ewigkeit schwafeln. Linklater weigert sich konsequent wirkliche Aushandlungen oder Neuanfänge zu wagen und verschließt die Augen vor den Prüfungen, die dem Protagonisten noch bevorstehen — Mason zieht sich mit Gleichgesinnten in eine unwirkliche Berglandschaft zurück. „Mud“ hingegen erzählt eine gegenteilige Entwicklung, die Vertreibung aus dem mythischen Mississippi-Reich ohne Rücksicht auf Verluste. Die Flusslandschaft muss Ellis wie seine Kindheit endgültig hinter sich lassen. Das Heim der Familie zerbricht buchstäblich, der Vater verlässt die Familie und man zieht in eine Stadtsiedlung.

Huckleberry Finn als Urbild

In „Mud“ bleibt keine einzige Vater-Sohn-Beziehung unangetastet und unerschüttert. Der vaterlose Neckbone lebt bei seinem Onkel, auch McConaugheys Figur hat keinen leiblichen Vater mehr. Sein Ziehvater, ein Army-Veteran, ist gesellschaftlich genauso entmachtet wie Ellis’ Vater, dessen Fischerei knapp fürs Leben reicht. Die Auflösung von Vaterautorität und klassischer Familie beobachtete Max Horkheimer schon in den späten 1940er Jahren mit Unbehagen: Wo die Vaterautorität unter wirtschaftlichem Druck schrumpft, wird sich ihm die Nachfolgegeneration umso bereitwilliger unterwerfen. Trotzdem verabschieden sich Ellis und sein Vater als ebenbürtige Männer voneinander. Der Film spendiert ihnen eine Rettung, die auch an den Ufern des Mississippi nicht mehr selbstverständlich ist. Der vaterlose Huckleberry Finn ist gewissermaßen Urbild für Ellis, Neckbone und auch Mud. Weil „Mud“ aber diese Situation konsequent auf ganz reale Probleme zurückführt, hinter jedem mythischen Zeichen weltliche Machtansprüche erkennt, ist er der leibhaftigere Film von beiden, gerade weil er sich mit dem abgesteckten Rahmen des Genres begnügt. Er funktioniert gleichermaßen als Mississippi-Erzählung, Rachestory und Jugenddrama. Familie registriert er dabei als schützende Enklave und zugleich strenges Regiment mit harten Regeln und Riten. „Boyhood“ produziert in Form und Inhalt große Worthülsen für die Arthouse-Diät und verteufelt die Vaterautorität per se: Er propagiert eine konfliktscheue Generation von Narzissten. Man darf „Boyhood“ daher gerne etwas stiefväterlich behandeln.

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