„Wenn ich arbeiten dürfte, würde ich das sofort machen“In Berlin wollen geflüchtete Journalisten zurück in ihren Job

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Sie kommen aus Ägypten, dem Irak, Iran, Syrien und Afghanistan: Junge Frauen und Männer, die in ihren Heimatländern als Journalisten gearbeitet haben und in Deutschland weitermachen wollen in dem Beruf, den sie erlernt haben und lieben. Doch so einfach ist das alles gar nicht.

Deutsche Medien? Sind darauf eingestellt, dass in deutscher Sprache geschrieben und gesendet wird. Bis auf wenige Ausnahmen. Und es gibt immer mehr Online-Portale, die ihre eigenen Regeln haben. Auch ganz wichtig: Journalisten brauchen Kontakte zu all diesen Medienmenschen, die Aufträge erteilen und ihre Artikel drucken oder Radiobeiträge senden. Für Menschen, die aus anderen Kulturen kommen, ist das ein Riesenproblem.

Doch es gibt Unterstützung, zum Beispiel von der Evangelischen Journalistenschule in Berlin: „Amal, Berlin!“ heißt das Fortbildungsprojekt, an dem aktuell zehn Männer und Frauen aus arabischen Ländern teilnehmen. Amal ist arabisch und bedeutet Hoffnung. An einem Montag im November präsentieren sie ihre ersten Arbeiten zum Thema „Multikulturelles und -religiöses Berlin“. Reportagen sind es. Dazu haben die Journalisten Kirchen, Synagogen und einen Bahai-Tempel besucht, sind durch die Kieze gelaufen, haben mit Zugewanderten gesprochen, Fotos und Interviews gemacht. Heute präsentieren sie ihre Eindrücke, Erlebnisse und Erfahrungen. Die Autorin dieses Beitrags ist dabei und kann zuschauen, wie arabische Kolleginnen und Kollegen so arbeiten, welche Schwerpunkte sie setzen. Auf dem großen Konferenztisch lagert die Technik: Laptops, Fotoapparate, Smartphones, Kabel, Akkus. Die Journalisten – manche sind erst ein paar Monate in Berlin, andere schon zwei, drei Jahre – erzählen, was sie erlebt haben auf ihren Wegen durch das multikulturelle Berlin. „Kirchen gibt es ja genug“, lacht Rahmani Noorullah. Der 46-Jährige kam vor drei Jahren mit seiner Familie aus Afghanistan nach Deutschland. Er spricht nicht nur arabisch, sondern auch Farsi und Pashtu. Seit kurzem auch ein bisschen deutsch.

Trouble mit den Taliban

Rahmani hat in Kabul vor allem aktuelle Reportagen für Fernsehsender produziert. „Aber Journalisten haben in meiner Heimat keine Freiheit in ihren Berichterstattungen. Alles wird kontrolliert und zensiert, es gibt eben keine Meinungsfreiheit“, erzählt er und klingt immer noch wütend. Als der Journalist auch noch Probleme mit den Taliban bekam, floh er mit der Familie nach Deutschland. Über die Fluchtwege, das Elend, die Ängste will der Mann nicht sprechen. Aber er ist froh, dass die Familie jetzt ein unbefristetes Bleiberecht in Deutschland hat. Und dann zeigt Rahmani Handy-Fotos von seinen vier Kindern und seiner Frau. Er strahlt: „Wir haben es geschafft“, sagt er. Rahmani hat schon ein bisschen für deutsche Medien gearbeitet. Jetzt hofft er, durch das Training an der Journalistenschule bald mehr Aufträge zu bekommen.

Genauso wie Mahmad Abdi: Der junge Mann aus Damaskus hat auch schon als Journalist in Syrien gearbeitet. Seit anderthalb Jahren lebt er als anerkannter Flüchtling in Berlin. „Und zwar in einer eigenen Wohnung und mit Bleiberecht“, sagt er und erzählt, dass er auch für deutsche Online-Portale und die Deutsche Welle gearbeitet habe als er noch in Syrien war. Für seine Reportage in der Journalistenschule hat er sich auf den Weg zu einer christlichen Gemeinde in Berlin-Wannsee gemacht. „Ich hab ja nicht gewusst, dass es Unterschiede zwischen katholischen und evangelischen Christen gibt, aber ich habe es erklärt bekommen“. Mahmad spricht schon sehr gut Deutsch und hofft jetzt, mal einen Beitrag in einer deutschen Zeitung absetzen zu können oder eine Einladung für ein Praktikum zu bekommen.

„Was einigen noch fehlt, sind genügend deutsche Sprachkenntnisse“.

Julia Gerlach, Journalistin und Mitbegründerin von „Amal, Berlin!“ berichtet vom großen Engagement der Workshop-Teilnehmer.
„Was einigen noch fehlt, sind genügend deutsche Sprachkenntnisse“, sagt sie. „Außerdem müssen alle die Vorgaben, die es im deutschen Journalismus nun mal gibt, kennen lernen“. Optimistisch ist sie dennoch. Einige Kooperationen mit Berliner Medien hat sie schon auf den Weg gebracht. Im Anschluss an diesen ersten Workshop soll eine mobile Plattform für Nachrichten aus der deutschen Politik entstehen, abrufbar auf Arabisch und Farsi. „Das Ganze könnte eine Art Lokalzeitung für Arabisch und Farsi sprechende Flüchtlinge werden“. Außerdem fördere „Amal, Berlin!“ die Integration geflüchteter Journalisten auf ganz praktische Weise. „Durch die gestellten Aufgaben, etwa die Reportagen, erweitern die Journalisten ihr gelerntes Handwerk. In persönlichen Begegnungen lernen sie Menschen in Berlin kennen, deren Kultur und Alltag“.

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Spätzle schaben, erklärt auf Arabisch: die Kochseite im „Al Ard“-Magazin

Fadi Mustafa

Fadi Mustafa, der Mitbegründer von „Al Ard“

Julia Gerlach setzt auf Vernetzung. Zum Beispiel mit dem arabisch-deutschen Print-Magazin „Al Ard“, auf Deutsch „Die Welt“. Eine mediale Neuschöpfung in der Hauptstadt, die sich vor allem an Flüchtlinge aus dem arabischen Raum wendet. Ein Nachrichtenmagazin, das von arabischen und deutschen Autoren – nicht alle sind Journalisten – herausgegeben wird. In einer Auflage von immerhin 20.000 Exemplaren. Das Besondere: Alle Beiträge sind auf Deutsch und Arabisch zu lesen. Kostenlos verteilt wird es an Menschen, die neu in der Stadt sind, in Turnhallen oder Heimen leben und Riesenprobleme haben, ihren Alltag zu organisieren. Fadi Mustafa, der Geschäftsführer des Magazins, hat selbst Fluchterfahrung und weiß, wie es ist, wenn eine Familie keine Ahnung davon hat, wie das funktioniert mit der Suche nach einer Kita, wie man einen Arzttermin organisiert oder einen Wohnberechtigungsschein beantragt. „Es ist wichtig, dass die Flüchtlinge diese Infos erstmal in ihrer Muttersprache checken können“, sagt Fadi.

Kein Wunder, dass „Al Ard“ ein Renner ist. Aber nicht nur Infos, die den Alltag erleichtern, gibt es im Magazin. Ein deutschsprachiger Lehrer erzählt ausführlich vom Lernen der Kinder in den Willkommensklassen, eine Doppelseite widmet sich dem Thema „Arabische Klänge“ und würdigt die Tradition, thematisiert aber auch die Verbindungen zu europäischer Musik. „Wichtig ist uns, dass geflüchtete Menschen selbst zu Wort kommen“, sagt Fadi. Und diese sparen dann auch nicht mit ihrer Kritik an all dem Willkommens-Rummel. So schreibt Dana aus Syrien: „Ich habe ziemlich schnell die deutsche Sprache gelernt. Aber ich wünsche mir, dass für mich und meine zwei Kinder Wohnraum geschaffen wird. Denn wir leben schon fast ein Jahr im Heim.“ Und Afram aus Damaskus sagt: „In meiner Heimat arbeiten wir 14 oder 15 Stunden am Tag. Das ist normal. Hier im Heim nur herumsitzen, das macht mich unglücklich. Wenn ich arbeiten dürfte, würde ich das sofort machen.“

Brücken bauen

Und was essen Araber und Deutsche so am liebsten? Auch das ist Thema im Magazin. Klar, Falafel und Spätzle sind die kulinarischen Highlights. Im „Al Ard“ gibt’s die Rezepte auf in arabischer und deutscher Sprache, umrahmt von wunderschönen Fotos. Bisher arbeiten alle Autoren, Fotografen und Verteiler ehrenamtlich. „Aber das wird sich ändern,“ sagt Fadi. Der Geschäftsführer setzt auf Werbepartner und auf Crowdfunding. Eine Online-Spendenaktion hatte es ermöglicht, dass die erste Ausgabe erscheinen konnte. Mitte Dezember erscheint wieder ein „Al Ard“. Diesmal soll auch das Weihnachtsfest ein Thema sein. „Wir wollen ja Brücken bauen und die Kinder in Berlin sind ja längst mit Weihnachten verbandelt,“ sagt Fadi.

„Amal, Berlin“ und „Al Ard“ – zwei Projekte, die Mut machen. Mehr erst mal nicht. Denn die Aussichten, dass geflüchtete Journalisten jetzt so richtig loslegen können in deutschen Medien, seien nicht sehr gut, erklären Julia Gerlach und Fadi Mustafa. Grund: Nicht nur fehlende Sprachkenntnisse seien Schuld daran, sondern oft auch ungeklärte Aufenthaltsfragen. Julia Gerlach setzt erst einmal auf die geplante Online-Plattform mit gesellschaftspolitischen Themen: „Die Leute sind unglaublich motiviert weiterzumachen, sie werden selbst Themenschwerpunkte setzen. Und das ist schon sehr viel.“ Findet auch Fadi Mustafa, der schon länger in Berlin lebt und vornehmlich als Grafikdesigner arbeitet: „Dranbleiben, und nicht aufgeben“ lautet seine Devise.

Mehr Informationen zu „Amal, Berlin!“ gibt es hier, zu „Al Ard“ hier.

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