Leseliste 27. November 2016 – andere Medien, andere ThemenAkademo-Prekariat, Serena Williams, teures Wasser und Trump mit Barthes verstehen

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Man kann nicht alle interessanten Texte finden, die die ganze Woche über publiziert werden, geschweige denn lesen. Immer sonntags stellt die Redaktion an dieser Stelle vier bemerkenswerte Artikel vor, die über unsere Displays geflimmert sind und dabei zum Glück abgespeichert wurden.

hoersaal

photo credit: Alexander Rentsch TU Berlin #XI via photopin (license)

Akademisches Prekariat

Uni-Abschluss machen, Stelle bekommen, Doktorarbeit schreiben, bisschen Dozieren, Habil schreiben, C4-Gehalt aufs Konto? 2016 ist der akademische Betrieb in Deutschland fucking far from that. Befristete Stellen, (mies bezahlte) Honorarverträge, Pitchen mit vielen Mitbewerbern um Gastdozentenstellen und Co. sind an der Hochschul-Tagesordnung. Freelancen, Quasi-Soloselbständigkeit und permanente Selbstvermarktung ebenso. Letzteres im Kleinen wie im Großen: Um an Töpfe und Gelder zu kommen, müssen sich Forschungsarbeiten, Studien und KPI (z.B. Absolventenzahlen) der Hochschulen besonders gut rausgeputzt darstellen. Aus Sicht des anonymen Autors hilft nur der Protest, aber statt bissiger Tiger sind die Betroffenen nur zahme Bettvorleger.

„Die Folgen für die Wissenschaft sind paradox. Statt der angestrebten Exzellenz hat der Wettbewerb ein Arbeitsumfeld geschaffen, in dem Wissenschaft simuliert wird.“

Der Muff der Exzellenz

Serena Williams

Das aktuelle Cover von The Fader.

Serena Williams

Serena Williams gehört zum Tennis wie der grüne Rasen zu Wimbledon. Wo sie spielt, sitzen gern auch mal Jay-Z, Beyoncé und andere Celebritys im Publikum, die diesem Ballsport sonst eher fern bleiben. Serena Williams ist mehr als nur Tennisprofi. The Fader widmet ihr die aktuelle Titelstory. Im langen Interview spricht sie über den Weg zum Erfolg, afrikanische Wurzeln und Hautfarbe, ihren Körper und ihre Rolle als Vorbild.

„A New York Times article last year quoted one German pro who said she chose not to build Serena-like muscles because she deemed it ‚unfeminine.‘ Reading that commentary is doubly hilarious if you also happen to listen to rap, where Serena Williams’s body is the source of objectification, sure, but objectification that makes her the unattainable standard of beauty as identified by the likes of Kanye West (‚My psychic told me she’ll have an ass like Serena‘), 2 Chainz (‚I had a dream I seen Serena playin’ tennis naked‘) and her rumored former flame Drake, who rapped ‚I mean you kinda like that girl that’s in the U.S. Open‘ five years before cheering her on from her box at the tournament.“

How Serena Williams Became The G.O.A.T.

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Foto: kndynt2099 IMG_8424 1 via photopin (license)

Sprudelnder Schindluder

Der Kampf ist verloren, zumindest für den Moment. In Flaschen abgefülltes und im Supermarkt, am Kiosk oder im Restaurant verkauftes Wasser ist Quatsch. Eigentlich wissen wir das alle: zu teuer, oft von schlechterer Qualität als das aus der Leitung. Dazu kommen Plastikverpackung und der katastrophale ökologische Fußabdruck ob oft langer Transportwege. All das ist uns egal, die Absätze steigen stetig, die Marketing-Maschine rollt, immer neue abstruse Produkte werden kreiert, jeder Nische ihr eigenes Wohlfühlprodukt: mit Elektrolyten oder ohne. Sophie Elmhirst widmet sich im Guardian einer Industrie, die Anfang des 20. Jahrhunderts fast verschwunden wäre, als die Zufügung von Chlor den Krankheitserreger des Trinkwassers erfolgreich zu leibe rückte. Doch dann kam in den 1970er-Jahren Perrier und verzauberte die USA mit einer mysteriös anmutenden Werbekampagne. Niederste Instinkte mit Langzeitwirkung. Alle machten es nach, alle gewannen. Weltweit. Elmhirst nimmt nicht den Umweltschutz in den Blick, die Verteilungskämpfe und die Macht der Großkonzerne, es geht ihr vielmehr um die immer skurrileren Auswüchse einer boomenden Industrie.

„Experts can only see growth steadily increasing in the bottled water market, at 5-6% across the industry over the next five years.“

Liquid Assets

trump

Foto: d_pham Trump via photopin (license)

Wie Trump wirklich spricht

Eine Mauer gegen Mexiko. Harte Hand gegen illegale Einwanderer. Und natürlich jede Menge postfaktische Trumpeleien: Das ist der uns (medial) präsentierte Rhetorik-Mix des zukünftigen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Christian Parenti hört in den Reden Trumps jedoch noch eine ganz andere, womöglich tiefer gehende Ebene der Adressierung seiner Fans, wie man sie wohl nennen kann: Empathie, emotionale Intelligenz, Charisma, Verletzlichkeit. Anders als die blutleere Hillary Clinton seien seine Botschaften mehrdeutig oder genauer: böten mehr Deutungsebenen an. Eine Mauer an der Grenze zu Mexiko, das könne sich auch als gigantisches Job-Programm verstehen. Parenti fährt den großen Poststrukturalisten Roland Barthes auf. Um den Postfaktisten Trump zu dechiffrieren, um zu verstehen, warum er gewählt wurde. Interessanter Zugang.

„What was it that the voters saw in Trump? The mainstream media version of Trump was as a crazy and brutal pig — not entirely untrue. The words 'huge' and 'tremendous' were leitmotifs in mocking Trump’s limited vocabulary. But his stump speech lexicon also included 'loyalty' 'win' 'pledge' 'beautiful' and 'love' — lots and lots of 'love'.“

Listening to Trump

Wochenend-WalkmanDiesmal mit Avalon Emerson, Svalbard und John Cale

„Wenn ich arbeiten dürfte, würde ich das sofort machen“In Berlin wollen geflüchtete Journalisten zurück in ihren Job