Wochenend-WalkmanDiesmal mit Romare, Mirko und Mono

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Drei Alben, drei Tipps, drei Meinungen. In unserer samstäglichen Filter-Kolumne wirft die Redaktion Musik in die Runde, die erwähnenswert ist. Weil sie neu ist, plötzlich wieder relevant, gerade entdeckt oder nie vergessen. Und im Zweifelsfall einfach ein kurzweiliger Zeitvertreib ist.

Romare Love Songs Part 2 Cover WW19112016

Romare – Love Songs: Part Two

Ji-Hun: 2013 erschien von Romare die EP „Love Songs: Part One“ auf dem Label Black Acre. Nun erscheint auf Ninja Tune der Nachfolger und es ist ein ganzes Album geworden. Eine interessante Strategie. Erschienen in der Zwischenzeit doch diverse andere Releases von Archie Fairhurst aus London wie das gefeierte Debütalbum „Projections“ von 2015. Man stelle sich vor, „User Your Illusion I“ von Guns N’Roses wäre auch auch nur eine EP gewesen. Wie dem auch sei. „Love Songs: Part Two“ ist zehn Tracks lang und ist ein ganz eigener Soundhybrid aus R’n’B, klassischem House, Beats, UK Garage und afrikanischen Elementen. Angenehm auffallend die Reduktion und der Minimalismus, die fast programmatisch auftreten. Keine Bigroom-Blaffereien, die man sonst von Producern aus UK in dieser Schnittstelle auch mal gerne findet. Dafür schimmert das rostig-rauhe Ninja-Tune-Erbe immer wieder durch. Klangliche Fortschrittsverweigerung und ein guter, vertraut wirkender, aber dennoch progressiver Entwurf und in seiner Gesamtheit eines der interessantesten House-Alben dieses Herbsts, an dem auch Ricardo Villalobos bestimmt seine Freude hätte.

Mirko LP1-WW19112016

Mirko – LP1

Thaddeus: Mirko Vogel ist niemand, der bislang die Öffentlichkeit gesucht hat. Der gebürtige Hamburger arbeitet jedoch schon seit rund 20 Jahren mit Musik und für die Musik, vor allem als Techniker und Programmierer. Lange Zeit war er mit der australischen Band „Cut Copy“ unterwegs und hielt deren Live-Sound zusammen. Doch irgendwann reicht es. Da hält das australische Exil nicht mehr das, was es verspricht, da muss die eigene Stimme raus. Heute erscheint sein erstes Album. Erdacht und verfeinert in seiner neuen Heimat London, ist „LP1“ ein so beeindruckendes wie stilles Werk. Mit weichen Pinseln fügt Vogel seine ambienten Stücke ganz vorsichtig zusammen, legt sich dabei nie wirklich fest, in welche Richtung die Tracks denn nun final gehen sollen, sondern bietet vielmehr oft genug alternierende Möglichkeiten an. Vogel ist wie der Meister beim alten Rollenspiel „Das schwarze Auge“, er ist der mit den Würfeln, der darüber entscheidet, ob nun die linke oder die rechte Tür geöffnet wird, ob das Monster wartet oder doch nur einfach herrlicher Sonnenschein. „LP1“ klingt manchmal wie eine richtig gute Platte von „Stars Of The Lid“, meistens aber einfach nach Mirko Vogel. Nach einem Künstler, der gerade dabei ist, seine eigene musikalische Sprache zu finden. Wenn sich die so brillant weiter entwickelt, dann hat die stets mäandernde Ambient-Szene ein neues Sprachrohr gefunden.

Mono Requiem for Hell Walkman

MONO – Requiem For Hell

Benedikt: Von Rockmusik habe ich mich ja (leider) weitestgehend entfremdet, aber wenn mir etwas im Zuge des Begriffs Post-Rock begegnet steigert sich die Chance, dass ich doch mal reinhöre sogleich um ein Vielfaches. So passiert, gestern mit MONO. Wenig Überraschendes bieten die vier Japaner auf ihrem neunten Album, das konzeptionell an Dantes „Die göttliche Komödie“ angelehnt ist. Macht aber nichts, denn das Genre wird hier wunderbar kompromisslos in fünf Stücken durchexerziert. „Death in Rebirth“ kommt als achtminütiges Vorspiel mit permanenter Steigerung daher. Mit Glockenspiel und Streichern nimmt „Stellar“ das Tempo komplett raus, damit sich „Requiem For Hell“ im Zentrum über knapp 18 Minuten zu einem wahren Monstrum des Noise-Chaos türmen kann. „Ely’s Heartbeat“ geht danach trotz wunderbarem Shoegaze fast unter, erst „The Last Scene“ kann die Aufmerksamkeit wieder auf sich ziehen. Sanftmütig und leise geht die LP zu Ende. Abgang MONO. Vielleicht liefert die Band auf dieser Platte nicht nur wenig Überraschendes, sondern vielmehr gar nichts Überraschendes – das aber perfekt. Und zu dieser Perfektion, zum Zauber des verzerrten Post-Rock-Noise, gehört gewisse Eigensinnigkeit und Naivität am Instrument, die Takaakira "Taka" Goto, Hideki "Yoda" Suematsu, Tamaki Kunishi und Yasunori Takada bis heute auszeichnet. Dies zu bewahren, über neun Alben und mehr als 15 Jahre, ist für sich schon eine Kunst an der bereits viele Post-Rock-Bands gescheitert sind. Nächste Woche Sonntag spielen sie übrigens im Bi Nuu in Berlin.

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