Leseliste 23. Oktober 2016 – andere Medien, andere Themen„Terror“ im TV, Arbeitssuche auf Koreanisch, Obamas Musikkarriere und Douglas Coupland über das Schreiben

Leseliste 23.10.2016

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Man kann nicht alle interessanten Texte finden, die die ganze Woche über publiziert werden, geschweige denn lesen. Immer sonntags stellt die Redaktion an dieser Stelle vier bemerkenswerte Artikel vor, die über unsere Displays geflimmert sind und dabei zum Glück abgespeichert wurden.

Schirach Terror Leseliste 23.10.2016

Screenshot aus „Terror – Ihr Urteil“ mit Florian David Fitz als angeklagtem Piloten. Zur Mediathek.

Schirachs „Terror“: ein Fall für Thomas Fischer

„Deutschland hat abgestimmt!“, hieß es vergangenen Dienstag auf allen Kanälen. Prinzipiell über nichts Wichtiges, Wahlen sind ja erst nächstes Jahr, aber über die Schuldfrage des Protagonisten in Schirachs Theaterstück „Terror“, dessen Verfilmung am Montagabend in der ARD lief. 6,88 Millionen Zuschauer sahen den Film. Die Handlung ist schnell erklärt: Pilot sitzt vor Gericht, weil er eine entführte Passagiermaschine abgeschossen hat, die auf ein Fußballstadion mit 70.000 Menschen zugesteuert ist. Das TV-Publikum durfte das Urteil fällen und plädierte zu fast 90% für unschuldig – ergo Freispruch. Zeit-Kolumnist und Bundesrichter Thomas Fischer hat sich des Spektakels in aller Ausführlichkeit angenommen und sein grandioser Verriss macht nach holprigem Einstieg richtig Spaß, zumal alle ihr Fett wegbekommen: Autor, Sender, Medien, Schauspieler. Ein Rundumschlag.

„Es ist komplett falsch, wenn Schirach durch Weglassen suggeriert, für die Entscheidungen zwischen Rechtmäßigkeit und ‚Gewissen‘ halte das Recht keinerlei Maßstäbe bereit. Die Zuschauer werden durch diesen Unsinn gezielt und von vornherein desinformiert und auf eine Fährte gelockt, die es dem Autor zuletzt gestattet, seine alberne ‚Abstimmungs‘-Dramaturgie durchzuführen. Das ist schäbig.“

"Terror" – Ferdinand von Schirach auf allen Kanälen!

LL 23102016 Südkorea

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Arbeitssuche auf Koreanisch

Fast nirgends auf der Welt verbringen junge Menschen so viel Zeit an der Schule und der Universität wie in Südkorea. Fast nirgends wird so hart gelernt und so viel vom Abschluss abhängig gemacht. Der Bildungs- und Erfolgsdruck sind enorm und der wirtschaftliche Aufstieg des Landes und der mächtigen Chaebols wie Samsung, LG und Hyundai scheinen dem Konzept recht gegeben zu haben. Seit einigen Jahren floriert die Ökonomie aber nicht mehr so wie erwartet. Die Jugendarbeitslosigkeit steigt und die heiß umkämpften Arbeitsplatze werden immer rarer. Alleine 2014 bewarben sich 200.000 Menschen auf 14.000 Stellen bei Samsung. Der Frust steigt und eine Lösung scheint nicht in Sicht.

The problem is compounded by the fact that the country is flooded with college graduates—according to OECD figures, 69% of 25- to 34-year-olds in South Korea have a college degree, the highest among OECD countries in 2015. A third of the nation’s jobless have an undergraduate degree.Young Koreans are so frustrated that many have taken to calling the country “Hell Joseon,” using an ancient name for a Korean kingdom.

After 20 years of studying and exams, South Korea’s smartest graduates struggle to find a job

Leseliste 23-10-2016 Obama

Screenshot: Obama bei Jimmy Fallon.

Obama: Playlist einer Amtszeit

Die Amtszeit von Barack Obama neigt sich dem Ende. Zeit zurückzublicken. Klar, auf politische Erfolge und Misserfolge, auf Obamcare und Guantanamo. Auch das Musikmagazin Pitchfork blickt auf die Meilensteine des scheidenden POTUS, aber mit einem Fokus, der gänzlich neu sein dürfte: die musikalischen Momente des Präsidenten Obama. Tatsächlich ist Obama wohl der erste Präsident der USA, der als bekennender HipHop-Fan gilt, der „Amazing Grace“ performt hat und Al Green’s „Let’s Stay Together“. Er hat „Sweet Home Chicago“ an Seite mit B.B. King gesungen und eigens kuratierte Playlists veröffentlicht. Politisch relevant ist nicht wirklich, aber es macht den Präsidenten menschlich. Sätze wie der folgende sind nämlich doch um die Welt gegangen haben fraglos zur Beliebtheit und Popularität von Barack Obama beigetragen:

„Some things are beyond my control. For example, this whole controversy about Jay Z going to Cuba — it’s unbelievable (…) I’ve got 99 problems and now Jay Z’s one.“

The Presidential Suite: A Look Back at Obama’s Musical Milestones

couplandberlin

Foto: Das Filter. Douglas Coupland in Berlin, Januar 2014

Schreibende Nomaden

Douglas Coupland hat mit „Bit Rot“ gerade ein neues Buch veröffentlicht. Nach den letzten ziemlich unbedarft hingeschluderten Romanen, ist das neue Werk eine Boliden-hafte Sammlung von Essays und Kurzgeschichten: Das Fragmentarische hat den Kanadier ja schon immer interessiert. Klare Leseempfehlung! Auch 2016 erklärt das Internet niemand besser als Coupland, nicht zuletzt, weil seine Hassliebe zum Netz ihn immer wieder in unterschiedlichste Abgründe driften lässt. Das Fragmentarische, dieses Unkonzentrierte, Flüchtige liegt in der Art begründet, wie, wann und wo Coupland schreibt. Keine Regeln, immer dann, wenn es gerade passt, wenn Zeit bleibt, am liebsten aber im Flugzeug. Der Künstler und Autor hat seine Regeln über Bord geworfen. Das scheint ihm gut zu tun. Lädt zur Nachahmung ein. Das Jonglieren mit den Deadlines muss nicht prokrastinierend am Schreibtisch erfolgen, bringt eh nichts.

„My spaces will never be normal; normal has never seemed to be my friend. Words always come first.“

My Writing Day

Wochenend-WalkmanDiesmal mit Joyce Muniz, The Radio Dept. und Skudge

Von House aus andersIm Portrait: Youandewan über sein Debütalbum „There Is No Right Time“