Von House aus andersIm Portrait: Youandewan über sein Debütalbum „There Is No Right Time“

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Youandewan hat sich in den vergangenen Jahren vornehmlich einen Namen mit klassischem House gemacht. Sehr deep, sehr feinfühlig, aber auch sehr kompatibel. Für sein erstes Album hat er einen anderen Weg gewählt.

Ewan Smith trägt eine Jacke, die mindestens so patchwork ist wie sein Debütalbum. Eines, das hoffentlich weltweit Eindruck machen wird und all den Haderen da draußen, die mit Deephouse ihre Miete verdienen, zeigt, wie der LP-Hase läuft. Nämlich überhaupt nicht deephousig, wenigstens nicht ausschließlich.

Youandewan nicht auf dem Zettel zu haben, ist eigentlich unmöglich. Zu beeindruckend waren seine bisherigen Veröffentlichungen. Auf Simple (erinnert sich noch jemand?), auf Hype (kurzes Vergnügen), auf Secretsundaze, vor allem aber auf Aus Music, dem Label von Will Saul. Aus Music ist das einzige Label der Welt, das noch schneller als Techno ist. Woche um Woche purzeln 12“s aus dem Pressautomaten, da ist es praktisch vollkommen unmöglich, den Überblick zu behalten. Muss man auch gar nicht. Denn das Œuvre ist mittlerweile so divers, dass es zu nachhaltigen Verhakelungen kommen würde, wenn man all die unterschiedlichen Entwürfe in ein Set stopfen wollte. Und genau in diesem kunterbunten 4/4-Zoo veröffentlicht Smith nun sein Ganz-und-gar-nicht-4/4-Album.

Wie alle Engländer wohnt Smith mittlerweile in Berlin. Hier ist auch die Platte entstanden. Keine konzertierte Aktion, vielmehr ein langer Prozess, der in drei Jahre über ihn Atem gehalten habe. Eine Platte, die von ihm aus auch noch weniger nach Dancefloor hätte klingen können, die Mischung sei jedoch – sagt er – ein Kompromiss, mit dem er sehr gut klar komme.

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Gleichgeschaltete Dystopie

Es gibt keinen richtigen Moment, in dem man eine LP wie „There Is No Right Time“ veröffentlichen könnte. Dennoch sind die zehn Tracks in der Zusammenstellung heuer ein wichtiges Statement. Es ist eine der ältesten Diskussionen in der elektronischen Tanzmusik: Wie lässt sich dieser eine entscheidende Moment der Tanzfläche in ein Albumformat übersetzen? Ohne dabei wirklich im Pit zu stehen, ohne die Hilfe des DJs, der vielleicht mit einem anderen Track dem eigenen den epochalen Twist verleiht, der sich so nie wieder reproduzieren lässt? Auch wenn das ja kaum noch jemand macht hinter den CDJs. „Ich wollte auf gar keinen Fall in die Falle tappen, einfach nur Track an Track zu reihen, alle im gleichen Tempo, gut zu mixen. Ein Album muss mehr sein oder zumindest etwas anderes. Das ist ja auch eine Chance. Mir klingt im Moment sowieso alles zu gleich, zu glatt. Das hat für mich etwas Dystopisches. Warum ist das so? Ist das etwas schief gegangen mit uns und der Technik?

Man muss es sich eben nur trauen. Und dass Smith sich traut, hört man von Anfang an. „Have The Guts“ heißt sogar der erste Track, der sich an einem leiernden Gitarren-Riff entlang hangelt, das so eindrucksvoll und dekontextualisiert zuletzt von Boymerang 1997 auf „A.C.I.D.“ in ein Drum-and-Bass-Konstrukt gepackt wurde. „It’s all a bit off. Aber genau darum ging es mir. Es rauscht, einiges ist nicht punktgenau, dazu kommen viele akustische Instrumente. Ich wollte das eigentlich über das gesamte Album genau so machen, das ist mir nicht ganz gelungen: egal.“ Vollkommen egal. Denn der aktuelle Perfektionsdrang im Mainstream des House und Techno lässt sich auch anders konterkarieren. Mit wundervoll arrangiertem Electro zum Beispiel, lupenrein übersteuerten Detroit-Reminiszenzen (da klang früher ja auch vieles eher krude) oder eben einem gewissen Finetuning der Gegenwart. „Wärme, Tiefe, ohne diese beiden Konstanten kann ich nicht produzieren.“

Indie-Kid auf Justice

Smith hat früher in Bands gespielt. In Band-Bands. Irgendwo in Nordengland und als er dann nach London fuhr mit Freunden übers Wochenende und sich in Clubs für eine Nacht parkte, waren gerade Justice groß. Wie geht das, so ein Projekt für sich selbst als Initialzündung zu begreifen und dann nicht nur mit so einem Album, sondern auch schon früher mit dem genauen Gegenteil von Justice zu reüssieren? „Das war für mich damals ein nachvollziehbarer Einstieg in die Welt der elektronischen Musik. Auch irgendwie bandmäßig. Eher einladend als abstoßend in diesem Moment.“ Tatsächlich irgendwie nachvollziehbar. Wer immer Smith danach ein paar gute Platten vorgespielt hat: Danke!

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„There Is No Right Time“ ist ein fulminanter Gemischtwarenladen. Die eierlegende Wollmilchsau, die immer alleine am Gatter steht und nicht mitmachen darf, wenn die anderen pigs ihren fun haben. Da bleibt mehr Zeit für die wichtigen Dinge. Und so ist das Album von Youandewan Bollwerk und Rückzugsort zugleich, Fixpunkt und Orientierungshilfe, aber auch ein Vorschlag, wie man Dinge anders, vielleicht besser ordnen kann. House, der dabei über weite Strecken kein House ist. In diese Platte krabbelt man hinein, wenn man keine Lust mehr hat. Hier fühlt man sich sicher. So bedrohlich wie das Artwork anmutet, so friedlich geht es im Inneren zu.

À propos: „Das Bild habe ich gemacht, hier in Berlin, genauer in Steglitz. Ich weiß bis heute nicht, was hinter diesen bizarren Fassade vorgeht. Fotos machen ist eigentlich verboten. Aber es passt gut zur Idee des Album, diesem dystopischen Gefühl, das ich derzeit mit mir rumtrage in Bezug auf die elektronische Musik.“ Wenn Ewan Smith dank dieses Gefühls noch mehrere Platten wie „There Is No Right Time“ gelingen, wird aus der Dystopie ganz schnell wieder die Utopie, die alle schon so lange suchen.

Youandewan, There Is No Right Time, ist auf Aus Music erschienen.

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