Leseliste 30. Oktober 2016 – andere Medien, andere ThemenLondoner Nachtökonomie, Falsches Lachen, Modell Brooklyn und die Netflix-Masche

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Man kann nicht alle interessanten Texte finden, die die ganze Woche über publiziert werden, geschweige denn lesen. Immer sonntags stellt die Redaktion an dieser Stelle vier bemerkenswerte Artikel vor, die über unsere Displays geflimmert sind und dabei zum Glück abgespeichert wurden.

LL-London Fabric

Foto: duncan Fabric via photopin (license)

Clubsterben in London

Ausgehen in Großbritannien ist selten eine entspannte Angelegenheit. Teuer und reglementiert ist das Nachtleben, vom Pub bis zum Dancefloor. Dagegen fühlt sich Berlin 2016 immer noch easy an wie es 1990 wirklich einmal war. Die Nachtökonomie in London sieht sich mit einem Problem konfrontiert, für das es keine offensichtliche Lösung gibt; nicht erst seit der Schließung der fabric. Der Schuldige in einem derartigen Konflikt ist in der Regel schnell ausgemacht, so auch in London: Willkür der Polizei und der Rattenschwanz der Gentrifizierung. Angus Finlayson hat für einen sehr informativen, wenn auch etwas tendenziösen Artikel für Resident Advisor das nächtliche Unbehagen der britischen Hauptstadt analysiert. Und mit denen gesprochen, die betroffen sind: die Club-Besitzer, die sich längst in einem Interessenverband organisiert haben. Ergebnis: Der zunehmende Druck auf Clubs, Pubs und andere Veranstaltungsorte basiert auf radikalen Sparmaßnahmen Londons. Im Rathaus hat man sich ein perfides System ausgedacht, um mehr und mehr Aufgaben, die normalerweise in die Zuständigkeit der Polizei fallen würden, auf die Betreiber von Venues abzuwälzen. Nur so ließ sich die Budget-Kürzung der Londoner Polizei (eine halbe Milliarde Pfund in den vergangenen fünf Jahren, eine weitere Milliard Pfund in den kommenden drei Jahren) überhaupt durchsetzen. Jetzt sind alle frustriert. Lösungsansätze sind rar.

„I hope that the case is going to be a tipping point, whether fabric comes through this or not.“

Death by a thousand cuts

LL 30102016 Clinton Lachen

Foto: Gage Skidmore Hillary Clinton via photopin (license)

Falsches Lachen

Der große Charlie Chaplin wird gerne zitiert: Ein Tag ohne Lachen ist ein verlorener Tag. Stimmt eigentlich auch. Wer sich freut, gemeinsam mit Freunden Spaß hat und Witze macht, hat mit Sicherheit ein fröhlicheres Leben. Aber, Lachen wird heute oft auch gefakt. Vielleicht mehr denn je. TV-Debatten zwischen Clinton und Trump, in denen Argumente des Gegners weggelacht werden. Abertausende Emojis und LOLs, die jeden Tag in die digitale Welt geschickt werden, ohne dass dabei etwas wirklich witzig gefunden wird, bis hin zu orchestrierten Lachsalven auf Band bei zahlreichen Sitcoms. Von Zynismus und Sarkasmus ganz zu schweigen. Was ist Lachen wirklich und wieso wird heute so viel falsch gelacht? Dieser Frage ging Kate Murphy für die New York Times nach und befragte dafür auch diverse Wissenschaftler und Forscher.

Genuine laughter, real eruptions of joy, are generated by different neural pathways and musculature than so-called volitional laughter. Contrast the sound of someone’s helpless belly laugh in response to something truly amusing to a more throaty “ah-ha-ha,” that might signify agreement or a nasal “eh-heh-heh” when someone might be feeling uneasy. “A fake laugh is produced more from areas used for speech so it has speech sounds in it,” Dr. Bryant said.

The Fake Laugh

Modell Brooklyn und Trumpland

Die Autoren Siri Hustvedt und Paul Auster sind das schöne, intelligente Vorzeigepaar der Literaturwelt, jeweils bekannt durch Bücher wie „Was ich liebte“ und „Die Stadt aus Glas“. In einem gemeinsamen Interview mit DAS MAGAZIN erzählen sie von ihrem Blick auf Amerika und die bevorstehenden Wahlen, ihrer Angst vor Donald Trump und dem Unterschied zwischen „Trumpland“ und „Modell Brooklyn“. Denn letzteres „repräsentiere die Ideale der USA, so wie die Gründerväter sie definierten: Brooklyn ist ein Ort, an dem alle gleich sind“. In dem Gespräch stecken einerseits viele kluge Beobachtungen, wie die Bedeutsamkeit einer möglichen weiblichen Präsidentin und der gleichzeitige, tief verwurzelte Frauenhass mit dem sich auch Clinton konfrontiert sieht. Andererseits wird gerade an Austers Schilderung zum „Modell Brooklyn“ deutlich, wie problematisch und arrogant sich die intellektuellen Eliten in den gentrifizierten Bezirken zu den meist unterprivilegierten, rechten Wählern des white trash verhalten.

Auster — Ich lebe nicht in einem Elfenbeinturm. Wir kennen durchaus Leute, die für Trump stimmen. Es sind auch Leute aus Brooklyn.
Hustvedt — Wer?
Auster — Unser ehemaliger Klempner zum Beispiel.
Hustvedt — Machst du Witze?
Auster — Ich bin mir sicher. Und die Friseuse am Ende der Strasse auch.

Siri Hustvedt und Paul Auster

netflix

photo credit: karat Netflix VHS via photopin (license)

Netflix greift nach den Sternen

Wie sich Konnotationen ändern können. Facebook. Google. Ganz früher irgendwie diffus positiv, heute irgendwie diffus negativ. Sei nicht böse? Ist kostenlos und wird es immer bleiben? My arse. Wenn du groß bist, bist du deinen Charme halt los. Auf diese Bahn schickt sich jetzt Netflix. Es will groß werden, richtig groß, und kauft gerade die halbe Medienwelt Kaliforniens leer – vor allem im Bereich Kommunikation und PR wird abgeworben, was das Zeug hält. Im medialen „Mittelbau“ zahlt das Unternehmen geheadhuntetem Personal auch mal das Doppelte, Strafgelder an Ex-Unternehmen für etwaige Arbeitsvertragsbrüche: easy. 100 Millionen Abonnenten will man nächstes Jahr knacken (aktuell: ca. 83 Millionen) und mit 6 Milliarden US-Dollar wird das Programmierungsbudget um nochmal 20 Prozent aufgestockt. Vor allem eigene Produktionen sind dabei im Fokus. Haben die so viel Geld? Nö. Aber an schwarze Zahlen muss das rote N noch nicht mal denken, solange es zu den ganz großen Wachstums-Werten an der Börse gehört.

“The more they own, the more they control, the more flexible they can be at deploying shows around the world”

Netflix is taking over Hollywood

Wochenend-WalkmanDiesmal mit Roman Flügel, Steve Hauschildt und DJ Shadow

Before The FloodSehenswerte Umwelt-Doku mit Leonardo DiCaprio