Wochenend-WalkmanDiesmal mit Avalon Emerson, Svalbard und John Cale

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Drei Alben, drei Tipps, drei Meinungen. In unserer samstäglichen Filter-Kolumne wirft die Redaktion Musik in die Runde, die erwähnenswert ist. Weil sie neu ist, plötzlich wieder relevant, gerade entdeckt oder nie vergessen. Und im Zweifelsfall einfach ein kurzweiliger Zeitvertreib ist.

Avalon Emerson EP Walkman November 2016

Avalon Emerson – Narcissus in Retrograde

Benedikt: Avalon Emerson strahlt das lässige Selbstbewusstsein einer Künstlerin aus, die um ihre hohen Ansprüche weiß und sich ihrer Sache trotzdem sicher ist – zurecht. Sie denkt Techno breiter. So breit, dass sie auf den vier Tracks dieser EP schon vielseitiger abliefert, als manch anderer Künstler auf vier Alben. Trotzdem bricht das Ding musikalisch nicht auseinander, denn was dem Master-Ausgang der Wahlberlinerin aus San Francisco entspringt, klingt präzise, kühl, aber selbst in Momenten rauer Imperfektion ziemlich elegant. Konsequent durchgezogen reicht das als roter Faden. Da kommt „Natural Impasse“ zunächst als handzahme Technonummer mit Tiefenwirkung daher, die sich weder entscheiden mag, ob nun Percussion oder Synthie-Melodie im Vordergrund steht, noch ob sie leichtfüßig oder schwermütig mit 125 BPM durch die Gehörgänge marschiert. Genau das macht den Track aber aus. „Dystopian Daddy“ ist der souveräne Gang auf einem schmalen Grad zwischen roughen, treibendem House und Techno, mit leichter Neigung zu ersterem, ohne vollends zu kippen. Düsterer und technoider wirds auf der B-Seite. Auf „Why Does It Hurt“ überfährt der Synthie selbst die Bassline, „Groundwater“ holt dann noch Acid mit an Bord und liefert den Abschluss als Höhepunkt in Sachen Intensität. Diese EP ist ein Brett.

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Svalbard – One Day This Will End

Susann: Svalbard, das klingt nach düsterem Blackmetal aus Norwegen, beschreibt der Name ja gleichzeitig die zu Norwegen gehörende Inselgruppe Spitzbergen. Ein fürchterlich kalter Ort, wo sich die Sonne fast ein halbes Jahr nicht sehen lässt und die Temperaturen im Jahresmittel im Minusbereich bleiben. Tatsächlich ist Svalbard allerdings auch eine Post-Hardcore-Band aus Bristol. Die Band nimmt dieses Genre allerdings nicht allzu ernst und zelebriert ihren zahlreichen Einflüsse aus Blackmetal, Hardcorepunk und Crust. Genre ist auch gar nicht entscheidend, sondern vielmehr die Botschaft. Der Sängerin und Gitarristin Serena Cherry (die gleichzeitig auch noch einige der Artworks zeichnete) sind politische Texte wichtig, keine geringeren als Zygmunt Bauman oder Karl Marx dienen da als Inspiration. Und ja, da singt eine Frau – etwas, was in diesem Genre immer noch als etwas Besonderes wahrgenommen wird und die Protagonistinnen verständlicherweise nervt. „I long for the day, when it isn’t mentioned […] when it isn’t questioned“ wie sie in „Expect Equal Respect“ mit angemessener Wut vorträgt. Und dieser energiegeladene Ärger, die Wucht sowie das Melancholische sind das, was an dem Debütalbum „One Day This Will End“ aus dem letzten Jahr wirklich Spaß machen. Bei dem gut kuratierten Label This Charming Man-Records lässt sich nun eine Split-EP mit der ebenso vielversprechenden deutschen Band The Tidal Sleep vorbestellen und die Diskografie 2012–2014 ist nun auch gesammelt erschienen.

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John Cale Words For The Dying WWalkman26112016

John Cale – Words For The Dying

Thaddeus: Eine der Platten, die ich immer wieder aus dem Regal hole, regelmäßig in ihr versinke. 1989 legte Cale dieses Album vor, eine verspätete Reaktion auf den Falkland-Krieg, die er aber bereits während der Auseinandersetzung zwischen Großbritannien und Argentinien am Ende der Welt komponiert hatte. Es gibt Dinge, die brauchen manchmal ein bisschen länger, müssen reifen und nachdem das Werk 1987 uraufgeführt wurde, folgte dann schließlich die Platte, produziert von Brian Eno. Die Orchester-Passagen sind dabei genauso mitreißend wie deren Kopplung mit den Gedichtfragmenten von Dylan Thomas, intoniert von Cale selbst. Während das Hauptwerk also wie ein opulenter Zauberwald daherkommt, gefiel und gefällt mir das „Bonusmaterial“ noch viel besser. Zwei kurze Piano-Miniaturen, Cale-typisch, einem mechanischen Klavier nicht unähnlich, distanziert gespielt. Und dann ist da noch „The Soul Of Carmen Miranda“. Der beste Song der Welt. Und auch Enos größter Moment in seiner langen Laufbahn als Musiker und Produzent. Wie kann Menschen so etwas Geniales nur einfallen? Mein Wochenend-Loop dauert drei Minuten und 24 Sekunden.

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Dokumentation: The Last StepsDie letzten Menschen auf dem Mond

Leseliste 27. November 2016 – andere Medien, andere ThemenAkademo-Prekariat, Serena Williams, teures Wasser und Trump mit Barthes verstehen