Andere Medien, andere Themen: das Beste aus den Leselisten 2014Merkel und Mauerfall, Schirrmacher und Han, Eiskübel und EDM, Nipster und Peru

Leseliste 2014

In unseren Leselisten haben wir euch das ganze Jahr über mit feinster Sonntagslektüre versorgt. Zum Jahresabschluss haben wir noch einmal gefiltert und präsentieren euch nun unsere Lieblingsstücke der vergangenen Monate in der letzten Leseliste des Jahres 2014. Nicht immer heitere Lektüre, aber so ist das nun mal. Falls ihr noch Inspiration für einen nichtsdestoweniger feuchtfröhlichen Jahreswechsel braucht: die findet ihr im obigen Bild.

Leseliste Kanzleramt

The Quiet German

Die Begeisterung angloamerikanischer Medien für Deutschlande reißt nicht ab. Sei es das Hipster-Techno-Moloch Berlin. Neuerdings auch der Fußball, der internationale Maßstäbe setzt oder eben auch die Politik. Im amerikanischen Magazin The New Yorker ist Anfang Dezember ein umfangreiches Portrait von Angela Merkel erschienen. Ausführlich, detailliert und doch aus dieser nichtdeutschen Perspektive, die auch Lesern hierzulande spannende und interessante Einblicke hinter das Phänomen Angela Merkel („the most powerful woman of the world“) liefert.

„Among German leaders, Merkel is a triple anomaly: a woman (divorced, remarried, no children), a scientist (quantum chemistry), and an Ossi (a product of East Germany). These qualities, though making her an outsider in German politics, also helped to propel her extraordinary rise.“

The Quiet German

Schirrmacher

photo credit: ubiquit23 via photopin cc

Frank Schirrmacher

Mit Frank Schirrmacher ist dieses Jahr einer der großen (Vor-)Denker unserer Zunft verstorben. Der Mitherausgeber der FAZ, Autor und streitbare Geist erlag am 12. Juni einem Herzinfarkt, mit nur 54 Jahren. Michael Angele hat für den Freitag einen lesenswerten Nachruf verfasst. Lesenswert, weil der eine Autor den anderen Autor nicht zu fassen bekommt und damit den sich immer wieder wandelnden Journalisten gut beschreibt. Literatur, Gesellschaft, Internet. Pessimist, Realist, Optimist? Ja. Aber.

„Wir haben uns alle an ihm abgearbeitet.“

Ein Nachruf auf Frank Schirrmacher

Ice Bucket Richie Hawtin

Bild: YouTube

Selbstinszenierung mit Eiskübel

Nach dem peinlich berührten Lachen kommt die Analyse. Was steckt hinter der Ice Bucket Challenge, dem Social-Media-Phänomen des Jahres 2014 schlechthin. Was ist die Meta-Information? Und was passiert eigentlich, wenn man als lifestyliger digitaler Player gar nicht herausgefordert wird? Sozialer Druck in sozialen Netzwerken: 8.0. Julius Endert analysiert.

„Ausbrechen aus den eigenen Kreisen nach unten oder oben kommt nicht vor.“

#icebucketchallenge

Jutebeutel

Jute via Shutterstock

Nipster

Pegida, Hogesa - die heißen Anwärter auf die Unworte des Jahres klingen wie schnöde Wohnungsbaugesellschaften und sind doch viel brisanter: Sie halten dem Land den Spiegel ins Gesicht und attestieren ihm - ja, Du hast ein manifestes rechtes Problem. Die möglicherweise skurrilste Ausformung ist der „Nipster“: Der Nachfolger des „autonomen Nationalisten“, der sich wie ein Linker gern mit schwarzem Hoodie und Palituch zu tarnen pflegt, trägt Jutebeutel, Skaterschuhe und gerne auch mal einen Bart. Fluchtlinien auf der textilen Oberfläche? Die Jungle World seziert das Phänomen.

„Bei so viel hanebüchenem Unsinn könnte man meinen, dass es angebracht wäre, diese groteske Selbstentblößung mit dankbarem Gelächter aufzunehmen. Stattdessen titelte die Huffington Post „Warum Nipster eine Gefahr sind““.

Der Nipster

ZPS Menschenrechte

Bild: Zentrum für Politische Schönheit

Utopie Menschenrecht

An fast niemandem ist der „Erste Europäische Mauerfall“ im November dieses Jahres vorbeigegangen: Das Zentrum für Politische Schönheit (ZPS), ein Bündnis von Künstlern und Kreativen - allen voran Theatermacher Philip Ruch - demontierte Gedenkkreuze in Berlin und brachte sie anlässlich des 25. Jahrestages des Mauerfalls an die europäischen Außengrenzen. Denn dort sterben immer noch Menschen an der von EU-Staaten finanzierten High-Tech-Mauer. Im Medium-Artikel liefert das ZPS den theoretischen Unterbau der eigenen Aktionskunst - die Grundidee. Ein langes Stück Text, aber unglaublich interessant: die Einhaltung der Menschenrechte als das einzig und alleinige Ziel.

„Wie ist das möglich, dass eine der größten Ideen der Menschheit in Deutschland derart blutleer, leidenschaftslos, langweilig und uninteressant geworden ist?“

Aggressiver Humanismus - Von der Unfähigkeit der Demokratie, große Menschenrechtler hervorzubringen

Rettungsring

Bild: close-up of a lifebelt on a boat via Shutterstock

Das Sewol-Desaster

Jedes Fortbewegungsmittel bringt seine eigene Art des Unfalls hervor, schrieb Paul Virilio, und während diese Zeilen entstehen, wird in Südostasien ein Flugzeug als vermisst gemeldet. Im April sank vor der Küste Südkoreas die Fähre „Sewol“, im November erhielten der Kapitän und führende Besatzungsmitglieder hohe Haftstrafen von bis zu 36 Jahren. Nicht mit dem Hergang der Katastrophe, sondern vielmehr mit den gesellschaftlichen Implementationen beschäftigte sich der koreanische Philisoph und Kulturwissenschaftler Byung-Chul Han in der FAZ, Spätkapitalismus und Neoliberalismus sind schließlich die Themen, an denen er sich permanent abarbeitet, zuletzt bezog er die Folgen unserer Leistungsgesellschaft auf Pegida. Der Neoliberalismus ist Han zufolge nicht nur für das Verhalten des Kapitäns und seiner Crew verantwortlich, sondern auch dafür, dass die Rettungsaktion alles andere als reibungslos lief.

„Eine Metapher unserer heutigen Zeit.“

Das Schiff sind wir alle

potatoperu

Foto: Kartoffeln aus Peru via Shutterstock

Leckeres Lima

Gab es denn auch was Schönes dieses Jahr? Ja. Lima zum Beispiel. Nicht die Ergebnisse der Klimakonferenz meinen wir, aber das Essen aus Peru wird uns - darauf wetten wir - in den nächsten Jahren noch viel Freude bereiten. Das vielen Menschen nahezu unbekannte Land ist nämlich ein kulinarischer Knaller, mit seinen vielen Klimazonen bringt das Land eine Wahnsinnsvielfalt hervor. Asiatische Einflüsse, vor allem aus Japan, hatte peruanische Küche schon, als das Wort „Fusion Food“ noch längst nicht erfunden war. Kevin West ist in die Welt der Märkte und Restaurants Limas abgetaucht. Wer nach der Weihnachtsfülle noch an Essen denken mag - bitte hier entlang:

„One of the theories is that we suck at soccer, so the one thing we have to be proud of is food.”

Peru, the Future of Gastronomy

EDM

Bild: Music Concert via Shutterstock

EDM: Big Business

Ein großes Geschäft mit dem Spaß ist EDM geworden: Elektronische Musik ist besonders in Nordamerika auf dem Weg, eine Kulturindustrie sui generis zu werden. Calvin Harris, der 2014 mit Abstand am meisten verdienende DJ, gelangte vor allem durch seine Residency in einem Hotel in Las Vegas zu Megareichtum - wo früher Siegfried & Roy weiße Tiger durch Feuerräder hüpfen ließen, wird nun der DJ vom Anti-Star zum Star. Man kann sich darüber aufregen oder das boomende Business analysieren. Trent Wolbe hat sich für Letzteres entschieden und liefert einen formidablen Rapport von der Hausmesse „EDMBiz“ ab, die - natürlich - auch im Spielerparadies in der Wüste Nevadas stattfindet.

„EDM ist weltweit rund 20 Milliarden Dollar wert. Tendenz steigend.“

Shut up and spend

Auf dem Weg: Wolfgang und Elisabeth, Erfurt / Januar 2014Eine Kamera, ein Bild und seine Geschichte

Mix der Woche: Taylor DeupreeLeise rieselt der Glitch