Leseliste 02. April 2017 – andere Medien, andere ThemenInside Islam, der Boom der Dystopie in den USA, Post-Games und Schlafkommerz

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Man kann nicht alle interessanten Texte finden, die die ganze Woche über publiziert werden, geschweige denn lesen. Immer sonntags stellt die Redaktion an dieser Stelle vier bemerkenswerte Artikel vor, die über unsere Displays geflimmert sind und dabei zum Glück abgespeichert wurden.

Moscheen Leseliste April 2017

photo credit: Kaptah Istanbul (Turkey) via photopin (license)

Inside 13 Moscheen in Deutschland

Journalist Constantin Schreiber hat das Buch „Inside Islam“ veröffentlicht, für das er 13 Moscheen in Deutschland besucht hat. Erklärtes Ziel: herausfinden, was dort gepredigt wird. Der Inhalt ist Zündstoff: die westliche Kultur werde als Krankheit dargestellt, die Abgrenzung zum gesellschaftlichen Leben in Deutschland ziehe sich „wie ein roter Faden“ durch die Ansprachen der Imame. Das ist jedenfalls, was der Autor derzeit in zahlreichen Interviews mit großen Medien verlauten lässt, während parallel dazu der mehrteilige Moscheereport in der ARD läuft, der ebenfalls im Zuge der Recherchen produziert wurde. Daniel Bax hat sich in der taz äußerst kritisch zum Buch geäußert. Auch wenn manche Dinge tatsächlich problematisch seien, fehle es an handwerklicher Sorgfalt, dafür nicht an Suggestion:

„Wenn etwa der Imam in Kreuzberg in seiner Predigt viel von Datteln und Kamelen spricht, meint die Frankfurter Ethnologin Susanne Schröter, dass diese märchenhafte Sprache wohl der Absicht diene, seine Gemeinde davon abzuhalten, mental in Deutschland anzukommen. Das kann man so sehen, besonders zwingend ist diese Schlussfolgerung nicht. “

Gesicht der Misstrauenskultur

Dystopie-LL-02042017

Foto: Matt From London Dystopian model village 7 via photopin (license)

Untergang an allen Fronten

Seit Trump im Weißen Haus residiert, schießen nicht nur Klassiker wie „1984“ an die Spitze der Bestseller-Listen, das gesamte Genre des dystopischen Romans wird völlig neu bewertet, nicht zuletzt von den Autorinnen und Autoren selbst. Die Stimmung in den USA ist schlecht, und wer ein postapokalyptisches Belletristik-Szenario entwirft, fühlt sich mehr mit der Gegenwart verbunden, als ursprünglich vorgesehen. Aktuelles Beispiel: „American War“ von Omar El Akkad. Der Debütroman des in Ägypten geborenen Autors, der u.a. als Kriegsberichterstatter in Afghanistan gearbeitet hat, spielt in den USA, wo im Jahr 2075 nach einem zweiten Bürgerkrieg das Land in Schutt und Asche liegt. Doch auch Bücher anderer Romanciers passen bestens in die unsichere Gegenwart. Alexandra Alter stellt in der New York Times einige vor, ordnet sie in aktuelle politische Debatte ein und fragt, warum ein ohnehin so erfolgreiches Literatur-Genre 2017 noch viel erfolgreicher zu werden scheint.

„Things may seem bad, but they might become much, much worse.“

Boom Times for the New Dystopians

Nach dem Game LL02042017 Horizon Zero Dawn

Foto: Swissendo Optography via photopin (license)

Nach dem Game

Zeitgenössische Open-World-Games wie GTA V, The Witcher, Horizon: Zero Dawn oder Skyrim sind hochkomplex und dauern in der Regel viele dutzend Stunden, bis alle Missionen und Storys durchgespielt sind. Aber was ist, wenn alle Quests geschafft sind? Die meisten fangen ein neues Spiel an, dabei ist das Spiel nach dem Spiel eigentlich das, was Spielen so großartig macht, findet der Philosoph und Autor Robert Minto in seinem Artikel „Free Roaming“ für das lesenswerte Online-Magazin Real Life. Wenn nämlich kein Zwang, kein Druck mehr herrsche, könne sich ein Spiel erst richtig entfalten, so Minto. Es fängt an richtig zu leben.

„I am alone with the mechanics of the game. Free at last, I wander around the game world where towns still bustle and their inhabitants shout canned phrases I’ve already heard a hundred times. The in-game day-night cycle continues; but now, with nothing better to do, I notice it differently. Locations where major scenes took place provoke real nostalgia. This part of the game — the illicit, post-story part — is better than anything that might have preceded it in the name of story. In a world empty of fate, gone slack without a narrative, my character, alone and aimless, has a life for the first time.“

Free Roaming | Real Life

Sleep is commercial

Nicht einschlafen können ist ein Merkmal unserer von Rhythmen und festen Zeiten beraubten „Müdigkeitsgesellschaft“, und nicht nur pharmazeutische, sondern auch audiovisuelle Schlafmittel erfreuen sich großer Beliebtheit. Der betont monoton vorgetragene, teils sterbenslangweilige Einschlafen-Podcast von Tobias Baier wiegt Hunderttausende von Abonnenten und Hörer mit Kant und Elfengeschichten in den Schlaf, und der Texaner Lindsay O´Connor lebt gut von der Monetarisierung seiner ebenfalls sterbenslangweiligen Videos von Regen oder Farbschlieren in Baby-Planschbecken. Dieser Text versucht die Bedürfnisse der „Zuschauer“ zu ergründen und stellt fest: Es geht nicht nur darum, endlich einzuratzen. Es geht auch darum, Schlaf als etwas Kollektives zu erleben. Als etwas, das wir alle teilen, das uns in einer globalisierten, fragmentierten, individualisierten Welt eint.

„Whenever I go on vacation, I’ll film the air conditioners inside the hotel rooms,” he told me, “and it’ll end up paying for the whole vacation.“

Sleep Country

Wochenend-WalkmanDiesmal mit Kelly Lee Owens, Kid Koala featuring Emilíana Torrini und Autodidact

Das Filter präsentiert: Christian Löffler on TourAlle Daten und ein neues Video