Leseliste 05. März – andere Medien, andere ThemenDealer-Models, Teenie-Trap, Freiberufliche Scheinselbstständigkeit und Deniz Yücel

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Foto: jaumescar Hong Kong via photopin (license)

Man kann nicht alle interessanten Texte finden, die die ganze Woche über publiziert werden, geschweige denn lesen. Immer sonntags stellt die Redaktion an dieser Stelle vier bemerkenswerte Artikel vor, die über unsere Displays geflimmert sind und dabei zum Glück abgespeichert wurden.

Marihuana LL 06032017

photo credit: Conor Lawless DSC_1626_edited via photopin (license)

Dealer-Models

Klischee: Drogendealer sind ungepflegte Männer und im Idealfall Ausländer. Schmierige, dubiose Typen, die auch eine Bank ausrauben würden, um an Geld zu kommen. Anders in New York: Dort vertickt die exkommunizierte Mormonin Honey Marihuana im großen Stil. Green Angels nennt sich der Ring. Honey hat vor einigen Jahren noch gutes Geld als Model verdient und so auch ein Großteil ihrer Mitarbeiterinnen. Die Dealer bei den Green Angels sind hauptsächlich Frauen: Junge Studentinnen, Künstlerinnen, Musikerinnen, Models. Innerhalb weniger Jahre haben sich die Green Angels den Ruf als das bestaussehende Grasticker-Netzwerk in New York aufgebaut. Das Business ist mittlerweile Millionen schwer. Zu den Kunden zählen Rihanna, Justin Bieber, Jimmy Fallon und andere zahlreiche HipHop- und Schauspielerstars. Für GQ hat der Journalist Suketu Mehta die grünen Engel eine Weile begleitet und portraitiert. Ein faszinierender Einblick in eine Welt, in der Drogenkriminalität mit ganz eigenen Waffen gekämpft wird.

„Honey returns to the subject of what to do if stopped by the police. A runner’s main weapon is her smile, her ability to talk to the cops: 'Say, ‘I love the NYPD! You guys are the best,’ Honey says, fluttering her eyelashes and making a heart sign with her hands. 'The number one thing cops look for is lack of eye contact.'“

Queens of the Stoned Age

Bryson Morris LL 05032017

Foto: Screenshot via YouTube

Bryson Morris

Der nächste Drake ist 14 Jahre alt und (t)rappt, als hätte er den Hustensaft schon mit der Muttermilch konsumiert. Plötzlich aufgetaucht, mit nur einem Song – „Louis Gucci“ – solide 500.000+ Klicks auf YouTube. Das Video ist bemerkenswert professionell, so wie der Jugendliche selbst. Sam Rosen stößt durch Zufall auf das Video und recherchiert die Geschichte. Denn nicht nur das Video ist professionell, auch die Vermarktungsmaschine hinter Bryson läuft bereits auf Hochtouren. Merch, ein Behind-the-scenes-Video und eines nur für die Tanzschritte. Brysons erster 360°-Deal endet, wenn er 30 Jahre alt wird. Hinter ihm steht ein Team aus Investoren, Social-Media-Experten, Veteranen der Musikindustrie und Brysons Mutter. Und so wird aus einem talentierten Jungen mit einem alles andere als bemerkenswerten Stück Musik ein Lehrstück darüber, wie die Vermarktung eines Produkts – nichts anderes ist Bryson – im digitalen Zeitalter funktioniert. Digitaler Kapitalismus mit Hustensaft-Beats.

„Während meines Besuches bei Bryson bezeichnet sein Team ihn als Startup, App und Technologie-Unternehmen. Auch dann, wenn er und seine Mutter im Raum sind.“

Building The Next Bieber

Der Arbeiter Algorithmus

Illustration: Susann Massute

Freiberuflich scheinselbstständig

Bei unserer letzten Veranstaltung zum Thema „Understanding Digital Capitalism“, sagte die Diskussionsteilnehmerin Eva Schielein sinngemäß: Sie denke, dass die alsbald Politik versuche, Selbstständige und Freiberufler dazu zu bringen, in die gesetzlichen Rentenkassen und Sozialversicherungen einzuzahlen. „Wird nicht passieren“, entgegnete Timo Daum. Tja. Nun tritt am ersten April das neue Werkvertragsgesetz in Kraft um der Scheinselbstständigkeit den Kampf anzusagen. Im Kern geht's dabei um: die Renten. Das Gesetz trägt eigentlich gute Absichten und geht doch den falschen Weg. Die angelegten Kriterien sind zu eng. Das wird im Artikel der brand eins deutlich, die nicht nur Tücken und Fallstricke des neuen Gesetzes offenlegt, sondern auch gleich mit Betroffenen spricht:

„Vom Selbstständigen zum Zeitarbeiter – das ist der Trend, seit die Rentenversicherung bestehende Arbeitsverhältnisse rigide auf Scheinselbstständigkeit prüft. Von den Vermittlungsagenturen kriegt man kaum noch andere Angebote, sie werden immer mächtiger, weil Unternehmen Verträge mit Selbstständigen zunehmend scheuen. Für viele IT-Entwickler oder -Administratoren ist das das Ende ihrer Selbstständigkeit, etwa weil sie zwingend vor Ort beim Kunden arbeiten müssen.“

Die Ungeliebten

dorisakrap

Drei Tweets, ein Problem

Es sieht nicht so aus, als würde der in der Türkei inhaftierte Journalist Deniz Yücel so schnell wieder auf freien Fuß kommen. Schlimm und traurig genug. Doch wie die Debatte um dieses Thema in Deutschland und im Speziellen auf Twitter geführt wird, ermutigt auch nicht gerade. Sascha Lobo analysiert drei Tweets zum Thema: Den des Berliner AfD-Abgeordneten Harald Laatsch, der sich über den Aufruhr wundert, den eines Deutschtürken, der in Yücel einen PKK-Sympathisanten sieht und den – zumindest einen kleinen Schimmer der Hoffnung verbreitenden – Tweet der taz-Journalistin Doris Akrap, Kanak Sprak und Hate Poetry als Stilmittel einer modern-deutschtürkischen Gesellschaft? Warum nicht.

„Letztlich ist dieser Tweet besorgniserregender als offene Hetze. Gerade weil er nicht wutschäumend scheint, sondern in elaborierter Sprache exakt die Erdogan-Propaganda wiedergibt: Kritische Journalisten sind keine Journalisten, sondern Terrorsympathisanten oder gleich Terroristen. Der Nährboden des Totalitarismus: Kritik ist Terror.“

Deutschlands Integrationsproblem in drei Tweets

Wochenend-WalkmanDiesmal mit Anna Makirere, Grandaddy und nthng

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