Leseliste: 17. Juli 2016 – andere Medien, andere ThemenMülheim, Pokémon Go, Vinyl und Propaganda mit toten Kindern

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Man kann nicht alle interessanten Texte finden, die die ganze Woche über publiziert werden, geschweige denn lesen. Immer sonntags stellt die Redaktion an dieser Stelle vier bemerkenswerte Artikel vor, die über unsere Displays geflimmert sind und dabei zum Glück abgespeichert wurden.

Mülheim, Osten des Westens

Irgendwie passt es, dass die bekanntesten Musikexporte dieser Stadt der Mensch gewordene Nonsens-Ironiker Helge Schneider und die Stillstands-Klangikonen und Ex-Metaller Bohren & der Club of Gore sind. In Mülheim kann man sich anschauen, wie es aussieht, wenn Stadtentwicklung in eine Sackgasse tuckert: das Großprojekt „Ruhrbania“ klingt schon nach Hybris und ist später, teurer und mit weniger Resonanz fertig geworden als erhofft, das Straßennetz ist kafkaesk und für eine doppelt so große Stadt ausgelegt, der ÖPNV wurde zurückgebaut, eine wichtige Linie nach den Sturmschäden letztlich gar ganz plattgemacht. Firmenbeteiligungen und verzockte Zinswetten (!) kosteten die Kommune einen Haufen Geld. Wie der große Nachbar Essen kämpft Mülheim mit dem Kollaps. Muss der Soli-Zuschlag bald tief in den Westen fließen?

Die Filzkultur, die über das Personal in der Verwaltung und den Unternehmen immer sozialdemokratisch war, ist längst unabhängig von dem Ausgang von Wahlen, es ist ein sich selbst aus sich selbst immer wieder erneuerndes System geworden, das nur durch einen Faktor begrenzt wird: das zur Verfügung stehende Geld.

Absturz eine stolzen Ruhrstadt

Urban Pokemon

Foto: Das Filter

Monster finden, weltweit

Hätte uns jemand vor ein paar Wochen gesagt, dass uns Mitte Juli ein Haufen rund 20 Jahre alter Mini-Monster zeigt: Augmented und nicht Virtual Reality ist der heiße Scheiß, was hätten wir dann gesagt? Jetzt ist Pokémon zurück und wie. Alle zocken. Und wie. Die Welt als Spielfeld. Ob es nur ein Strohfeuer ist oder ein Dauer-Hype? Abwarten. Ist aber auch egal. Digital-Medien-Guru Thomas Knüwer ist sich sicher: Wenn die Monster wieder verschwinden, eine legacy wird bleiben und das irgendwie ziemlich leichenblasse Thema AR wird doch noch sexy – jetzt, wo gezeigt wurde, was möglich ist. Und: Wir kriegen vielleicht bessere, größere, schnellere Datentarife. Davon hätten dann auch Nichtzocker was. Dieser Text zum Thema ist auch gut.

Obwohl Pokémon Go nicht in Deutschland erhältlich war, streiften schon reichlich Spieler durch die Straßen. Das zeigt wie unsinnig geographische Beschränkungen medialer Inhalte sind: Die Nutzer sind gewohnt, die zu umgehen – und sie wissen, wie das geht.

Pokémon Go und die historischen Tage des Juli 2016

HD Vinyl lead

Foto: Das Filter

Vinyl ja, digital nein

Die Schallplatte gilt nach wie vor als ikonisches Medium, das viele Musikstile und -genres definiert und prägt. Dabei haben die digitale Files bei DJs längst gewonnen. Keine Rückenschmerzen beim Schleppen von Plattentaschen, kein verschwundenes Gepäck, auf einen USB-Stick passt ja auch viel mehr drauf! Doch diese Bequemlichkeit hat Auswirkungen auf die Musik, die in Clubs gespielt wird. Sagt Philip Sherburne, der für Pitchfork die Szene der Labels unter die Lupe nimmt, die Musik ausschließlich auf Vinyl veröffentlichen und auf die digitale Distribution verzichten. Diese so entstandene neue Nische der Kreativität fehlt auf den Dancefloors, wenn sich die DJs nicht die Mühe machen, die 12”s zu digitalisieren. Das Stück ist aber auch aus ökonomischer Sicht interessant: Platten sind zwar teuer, was jedoch nicht heißen muss, dass sie niemand mehr kauft, im Gegenteil. Besondere Dinge erfordern eben besondere Aufmerksamkeit. Reich werden diese Labels und Produzenten nicht mit ihrer Arbeit. Sie schaffen aber einen wichtigen Gegenpol zum Tagesgeschäft der Musikindustrie. Und davon profitieren am Ende alle. Man mag denken, dass man zu diesem Thema bereits zahlreiche Texte gelesen hat, das stimmt jedoch nicht so ganz. Sherburnes Ansatz ist mindestens so speziell, wie die Musik, die auf Schallplatte gepresst wird. Lesenswert.

„You don’t learn nearly as much when you make an MP3.”

The Holdouts: An Exploration of Vinyl-Only Labels in the Digital Age

Zwei Mann, krank am Berg

Im Frühjahr 1936 bricht eine englische Schulklasse, begleitet von einem Lehrer, zu einer langen Wanderung durch den Schwarzwald auf. Schon das Setting dieser überaus spannenden Geschichte ist interessant: Die Beziehungen zwischen Deutschland und Großbritannien sind drei Jahre von dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs aus bekannten Gründen zerrüttet, die Gruppe ist dennoch nach Deutschland gereist. Einwohner warnen den Lehrer vor schlechtem Wetter, ein Schneesturm soll aufziehen, die Route zudem sowieso anstrengend und anspruchsvoll. Der Lehrer ignoriert die Hinweise, es kommt zur Katastrophe. Ohne wetterfeste Kleidung strandet die Gruppe in den Bergen in knietiefem Schnee. Zwei Jungs ziehen los, finden ein Dorf und bitten um Hilfe: „Zwei Mann, krank am Berg.“ Die Dorfbevölkerung von Hofsgrund schwärmt aus in einer Rettungsaktion, für einige Kinder kommt jedoch jede Hilfe zu spät. Was nun folgt, ist eine perfide wie bemerkenswerte Propaganda-Aktion der Nazis. Die NSDAP nutzt das schlechte Wetter und die zu beklagenden Opfer, um in England gut Wetter zu machen. Die Hitlerjugend trauert um die „jungen Kameraden“, der Zug, der die Schüler zurück nach England bringt, wird an der gesamten Strecke von Streckenposten gesäumt. Der Hergang der Rettungsaktion wird umgestrickt, die Nazis wollen gar ein Denkmal im Schwarzwald errichten. In England verliert derweil ein Vater eines der toten Kinder den Verstand, klagt den Lehrer an, reist selbst in den Schwarzwald, um die Hintergründe des tragischen Unfalls zu untersuchen. Es kommt zu diplomatischen Verwicklungen, das Schicksal der Kinder wird zum Vehikel politischen Kalküls. Kate Connolly hat für den Guardian die Geschichte des 17. Aprils 1936 und die Folgen rekonstruiert und aufgeschrieben. Ein unglaublicher Krimi, der im Schwarzwald am Engländerdenkmal seinen Anfang nimmt.

„The youth of Adolf Hitler honours the memory of these English sporting comrades with this memorial.“

The fatal hike that became a Nazi propaganda coup

Wochenend-WalkmanDiesmal mit Woodkid & Nils Frahm, Title Fight und Clams Casino

Share a Ride. Uber und die Zukunft der MobilitätUnderstanding Digital Capitalism II | Teil 5