Leseliste: 21. August 2016 – andere Medien, andere ThemenAirSpace, Bullshit-Bingo im Handel, IDM und das Böse

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Man kann nicht alle interessanten Texte finden, die die ganze Woche über publiziert werden, geschweige denn lesen. Immer sonntags stellt die Redaktion an dieser Stelle vier bemerkenswerte Artikel vor, die über unsere Displays geflimmert sind und dabei zum Glück abgespeichert wurden.

Globales Wohlfühlen

Man kennt das aus Einkaufszentren. Die sehen weltweit nicht nur gleich aus, der Anteil der Geschäfte, die man sowohl in L.A., Berlin, Moskau, Seoul, Paris und Johannesburg antrifft, ist groß und wächst stetig. So funktioniert die Globalisierung, gelernt haben wir das mit Coca-Cola und Mc Donald’s. Da ist es keine Überraschung, dass vermeintlich hippe Coffee Shops und Burger-Läden weltweit mittlerweile ebenso komplett austauschbar sind, was ihre Innenarchitektur angeht. Diese globale Langeweile ist einerseits genau das – langweilig – andererseits aber auch eine Art Sicherheitsnetz. Kennt man sich in einer fremden Stadt oder einem Land nicht aus, sind diese Läden vertraute Basen, von denen aus sich die Umgebung erkunden lässt. Oder aber man bleibt gleich den ganzen Tag dort. „AirSpace“ nennt Kyle Chayka diese gleichförmige Realität. Und beschreibt im gleichnamigen Essay für „The Verge“, wie sich das keinesfalls neue Phänomen dank gezielter Strategien von Unternehmen einerseits, aber auch durch unseren immer eingeschränkteren bzw. stärker formatierten Zugang zu Nachrichten und Informationen so beschleunigen konnte. Und wie Airbnb dabei immer noch einen Gang hochschaltet. Die kulturelle Vielfalt ist in Gefahr. Technologie ist mächtiger als die Geografie.

„Changing places can be as painless as reloading a website.“

Welcome To AirSpace

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Der REWE-Rave

Dieses Interview zwischen dem Trendguru und Handelsexperten David Bosshart und Alain Caparros, dem Vorstandsvorsitzender der REWE Group (ursprünglich in deren Handelsbericht erschienen) ist mindestens so amüsant wie die Videos mit ikeamöbelaufbauenden Druffis. In Kurzform geht es darum: In den Supermarkt geht man heute nicht mehr und morgen schon gar nicht, um einzukaufen, sondern um sich selbst zu finden. Sich seelisch zu regenerieren. Weil man für den Lebenserhalt das Haus nicht mehr verlassen muss, alles wird ja geliefert, braucht es im stationären Geschäft, jetzt spielen wir mit beim Bullshit-Bingo, added values. Für die säkularisierten Konsumenten, die in Food eine Ersatzreligion finden im Allgemeinen und die „smart mamas“ im Speziellen, die sich über Kontinente hinweg via App über Zutaten der Produkte austauschen. Ich kaufe, also bin ich. Regionalität, Authentizität, Kurator, Big Data, Handwerklichkeit – willkommen zur großen Hafenrundfahrt. Die Sache ist die: Sie haben ja recht mit all dem. Nur sprechen sie etwas irre darüber.

Ich bin überzeugt, dass wir unbedingt mit im Zug sein müssen, auch wenn wir noch nicht genau wissen, wohin die Reise geht und auch nur eine ungefähre Vorstellung davon haben, wie schnell der Zug unterwegs ist.

Wer physisch einkauft, sucht seelische Regeneration

Ein Klassiker: „On“ von Aphex Twin, Regie: Jarvis Cocker

Kommt jetzt das IDM-Revival?

Aphex Twin ist wieder aktiv, Autechre bringen ein Fünffachalbum raus, und zahlreiche Nachwuchskünstler ahmen es diesen beiden Ikonen der IDM nach. IDM, darüber sprachen wir Anfang der Woche in der Redaktion, was ist das, was war das, wie kann man überhaupt auf die blöde Idee kommen, Musik mit dem Begriff „intelligent“ von anderer abzugrenzen? Das Fact Magazine geht der Sache nach und zurück an den Anfang, an dem eine gleichnamige Mailingliste stand, spricht mit aktuellen Künstlern, die sich dem Genre irgendwie zugehörig fühlen und irgendwie nicht und vermutet: Auch dank prosperierender Festivals wie dem Atonal oder dem Unsound erlebt IDM seinen zweiten Frühling. Vielleicht steht das „I“ ja für „Installation“?

The past few months have seen the release of a string of unusual electronic records which 20 years ago might have been shared over internet messageboards.

The month in house and techno: Are we in the middle of an IDM revival?

Angst essen Suburbia auf

Wenn Paranoia zur Hegemonie wird: In den USA sterben jährlich 35.000 Menschen im Straßenverkehr, es kommt zu 1,5 Millionen Unfällen. Aber das ist egal im täglichen Leben, denn das Auto ist das Vehikel, mit dem man seine heimische Schutzburg auch unterwegs dabei hat. Angst ist das Thema: Aus ihrer europäischen Sicht schildert die Autorin, wie die Abschottung und Absicherung vor (take your pick) funktioniert: Kinder dürfen nur nach Eintragen in eine Liste von der Schule abgeholt oder beim Geburtstag aufs Trampolin gelassen werden, wer sie länger als fünf Minuten alleine im Auto warten lässt, kriegt es mit den Cops zu tun. Die nämlich werden dann von aufmerksamen Bürgern gerufen. Let‘s take a ride ‘round with the SUV tonight, in Suburbia.

Die Angst ist ein Lustgewinn, deshalb wird sie zelebriert und gepflegt, und sie ist der Kitt in der amerikanischen Gesellschaft.

Das Böse lauert überall

Wochenend-WalkmanDiesmal mit Japanese Breakfast, Cuthead und Varg

Wir nannten es Arbeit: Zehn Jahre digitale Bohème – eine BilanzUnderstanding Digital Capitalism II | Teil 7