Der tägliche StruggleA Number Of Names – Exklusive Fotos aus Detroit von Mathias Schmitt

Leonard-Tre-Strickland

Vater Leonard „Big Strick“ und sein Sohn Tre „Generation Next“

Drei Wochen Detroit, 100 Filme, am Ende eine „Foto Love Story“ aus 39 Bildern - über eine Stadt, die ihn musikalisch tief geprägt hat: Mathias Schmitt aus Köln, geboren 1978 in Dortmund, hat seit 18 Jahren „ein Faible für Deep House, Techno und Detroit“. 2013 reiste er für seine Diplomarbeit im Fachbereich Fotografie an der FH Dortmund in die „Motor City“, um die Menschen, deren Musik ihn beeinflusst hat, zu fotografieren. Er traf und fotografierte House-Größen wie Anthony Shakir, Rick Wade, Mike Grant oder Big Strick. Ganz ohne Setup und Assistenten, nur mit analoger Mittelformatkamera. „Ich habe die Leute nicht inszeniert, sondern sie in ihrer Umgebung einfach fotografiert. Die Corporate Identity, die ich vorab entwickelt hatte, habe ich vor Ort verworfen.“

Das Filter zeigt eine Auswahl der Bilder aus A Number Of Names und hat sie von Mathias Schmitt kommentieren lassen. Die Originale werden jetzt in Köln ausgestellt.

Leonard & Tre Strickland

Das Foto (Bild ganz oben, d. Red.) von Vater Leonard „Big Strick“ und seinem Sohn Tre „Generation Next“ entstand im „Belle Isle State Park“. Danach fragte mich Leonard, ob ich nicht auch ein Foto für ihre gemeinsame Platte „Like Father Like Son“ machen kann, letztlich ist daraus ein ganzes Album-Artwork geworden. Wir sind zur alten „Packard Plant“ gefahren, wo früher Luxusautos hergestellt wurden. Ein riesiges, völlig verlassenes Areal. Touristen, die sich hierhin verirren, werden abgezogen, in den Nachrichten berichtet man von Leichenfunden. „Da willst du hin?“, fragte ich ihn. „Hast du Angst?“, fragte er zurück. Ich: „Hast du eine Knarre?“ Er: „Klar hab ich ne Knarre.“ Eine 45er. Die lag dann in der Mittelkonsole seines Land Rover Discovery, mit dem er uns hingefahren hat. Musik an, Spliff zwischen den Zähnen, das komplette Klischee (lacht). Weil ich davor noch eine Langzeitbelichtung mit einer Holga gemacht und vergessen hatte, das Stativ wegzuräumen, sieht man es jetzt in diesem Bild hier.

Renaissance Center

Das Renaissance Center: Das höchste Gebäude Detroits und Konzernzentrale von General Motors

Renaissance Center

Die Zentrale von GM. Ich wollte das Bild eigentlich nicht reinnehmen, ich hatte noch ein anderes von dem Gebäude mit 18 Flaggen davor, aufgenommen aus der Vogelperspektive. Aber ich fand dann, dass man das Motiv mit den Flaggen schon sehr oft gesehen hat. Auf diesem Bild sieht man die Dimensionen des „Renaissance Center“ besser. Ich war auch drin, ist echt ein Raumschiff. Wie die ganze Stadt. Sie ist riesig und hat etwas, das es sonst nirgendwo mehr gibt: Platz ohne Ende.

Zwischenfrage: Ist Detroit mit dem großen, ausgedehnten und von Industrie- und Autoproduktion ähnlich geprägten Ruhrgebiet vergleichbar, in dem du aufgewachsen bist?

Vielleicht, was die große Fläche betrifft. Die Mentalität ist aber eine ganz andere. Bei uns bekommen die Leute Übernahmeverträge oder gehen aufs Arbeitsamt, dort stehen sie vor dem Nichts. Rick Wade war Leiter eines Software-Entwicklungsteams für Autos bei GM. Auch er und seine Leute wurden von einem auf den anderen Tag arbeitslos.

People Records

Du kannst in Detroit Platten kaufen wie blöd. Ich habe mir ein Doppelalbum gekauft, die Greatest Hits von Steely Dan. Die sollte einen Dollar kosten. Ich habe dem Verkäufer zwei gegeben (lacht).

„Vocal House transportiert Nachrichten und Botschaften, Hoffnung und Glauben. Deep-House verarbeitet die Melancholie, Techno den täglichen Struggle.“

Rick Wade

Rick Wade, Chef von Harmonie Park

Rick Wade

Ich ging voller Demut zu unserem Treffen. Rick Wade ist mein Held und ich kam mir vor wie der 125. Typ, der da hinfährt, weil er was über Detroit macht. Auf eine Fotosession hatte er anfangs weniger Bock. Vermutlich weil viele einfach nur ein Foto mit ihm haben wollen, um dann später zeigen zu können: Ich habe ein Bild von Rick Wade. Aber als er meine Kamera sah, eine Pentax Mittelformat mit Holzgriff, fragte er „hey, what´s that?“ und es war schnell klar, dass es mir um Fotografie ging. Er hatte mich abgeholt, wir saßen in seiner Küche, seine Frau hat gekocht. Wir haben Musik gehört, Kaffee getrunken und uns unterhalten. Total gegroundet. Bei uns denkt jeder Resident-DJ, er sei sonstwas, und das sind ganz normale Typen. Keine Attitüde, bilden sich nichts drauf ein, dass sie Geschichte geschrieben haben. Sie werden in der Stadt auch nicht erkannt.

D:Hive

Die Menschen sind stolz auf die Stadt, sehr positiv und offen für Neues. Sie wissen schon, dass Detroit sich in einer schwierigen wirtschaftlichen und sozialen Situation befindet, aber sie gehen ganz normal damit um. Überhaupt nicht wehmütig, wie man es vielleicht erwarten würde. Es ist Wind in den Straßen, sie glauben an ihre Stadt. Dieser „Believe“ ist in der schwarzen Kultur fest verwurzelt, nicht nur im christlichen Sinne: Vocal House transportiert Nachrichten und Botschaften, Hoffnung und Glauben. Deep-House verarbeitet die Melancholie, Techno den täglichen Struggle.

Joel Dunn

Joel „OktoRed“ Dunn

Joel Dunn

Der Typ ist ein Brecher, drei Köpfe größer als ich, trägt einen langen Bart und lief in der „TV Bar“, wo ich ihn zuerst traf, im Nachthemd rum. Er sah total geil aus. Dass Halloween war, hatte ich vollkommen vergessen. Ich habe ihn gefragt, ob ich ihn portraitierten kann. Er drückte mir eine Platte in die Hand und sagte: Melde dich. An dem Abend waren Theo Parrish, Carl Craig, Omar S., Mike Grant, Keith Worthy und Marcellus Pittman in dem Laden, aber das hat eigentlich niemanden interessiert. Es ist nicht so, dass es dort diesen DJ-Personenkult gibt, den wir uns vorstellen. Später hatte Dunn noch Ärger mit Theo Parrish, weil er in ein Label namens „How To Kill“ involviert ist und auf der Plattenhülle oben „How To Kill“ und unten „Detroit“ steht. How to kill Detroit. Aber vor allem hat den Jungs wohl nicht gefallen, dass er im Nachthemd rumgelaufen ist, was ihm denn wohl einfallen würde. Etwas homophob anscheinend.

Telway Hamburgers

Vier Burger für 2,50 Dollar. Schmecken echt scheiße. Die Menschen haben großen Bedarf: Detroit gilt als „Food Desert“, es gibt viel zu wenig und keiner hat Geld. Es gibt kaum Läden, in denen man gute Lebensmittel kaufen kann. Viele leben von der Hand in den Mund, viele schlafen in Autos. Es gibt jetzt Bewegungen, die es selbst in die Hand nehmen, Häuser wegplanieren und Ackerflächen daraus machen. Es gibt keine Instanz, die sagt: Das dürft ihr nicht. Die Leute erobern sich den Stadtraum zurück. Es ist auch die einzige Möglichkeit, die Detroit hat – den Leuten den Freiraum zu geben, etwas aus der Stadt zu machen. Und es gibt eine große kreative Szene: Du kannst dort rumlaufen wie der letzte Penner, kaputte Turnschuhe, Plastiktüte. Wenn du interessant bist und was zu sagen hast, hören dir die Leute zu.

Telway Hamburgers

Telway Hamburgers

Anthony Shakir

Eine etwas traurige Geschichte. Anthony „Shake“ Shakir leidet an Multipler Sklerose und verbringt die meiste Zeit in diesem riesigen Haus im Vorort Southfield. Seine Schwester, die dort auch wohnt, scheint sich nicht allzu viel um ihn zu kümmern. Weil er sich schlecht zu Fuß bewegen kann, sind wir viel zusammen durch die Gegend gefahren, waren zusammen bei Underground Resistance und haben Freunde besucht. Es war cool. Aber er vergisst ständig Sachen, zum Beispiel das Ziel unserer Fahrt. Deswegen sind wir einmal fünf Stunden lang bei Regen kreuz und quer durch Detroit gefahren.

Anthony Shakir

Anthony Shakir, Gründer von Frictional Recordings

Farmer Street

Ich habe versucht, ein positives Bild der „Motor City“ zu vermitteln. Die Stadt ist menschenleer und an vielen Stellen abgefuckt, ja. Aber nicht trostlos. Es sind eben wenige Menschen in einer riesigen Stadt. Es waren mal 1,8 Millionen Menschen, heute sind es 700.000. Da wird Häuser anzünden an Halloween zum Volkssport.

Farmer Street

Farmer Street

Fotos: Mathias Schmitt, www.mathiasschmitt.com
Vom 1. bis 6. September ist „A Number Of Names“ im Gold + Beton in Köln zu sehen. Vernissage am 1. September, Finissage am 6. September mit Handless DJ und Mathias Schmitt als Dynamodyse.

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