Das BusinessPapierwaren: Gute Zeiten für Kalenderkunst

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Alle Fotos: Daleen Bloemers

Geburtstage, Meetings, Deadlines – die einen motivieren sich mit digitalen Benachrichtigungen ihrer Kalender-App, die anderen planen ihre Termine klassisch auf Papier. Dort koordiniert auch Marjolein Delhaas: ein Grafikdesign-Projekt, das von Jahr zu Jahr ambitionierter wird.

In Rotterdam stürmt und regnet es, doch der Weg vom Hauptbahnhof zum Rechten Kai der Rotte ist kein weiter. Nur zwanzig Minuten zu Fuß vom Zentrum der Stadt und man steht vor dem Studio von Marjolein Delhaas. Bei Ankunft ist es leer, doch die Grafikdesignerin taucht beim ersten Blick in eine ruhige Querstraße auf; winkend und mit frischem Kuchen aus der nächsten Bäckerei in der Hand. „Als ich vor sieben Jahren in die Nachbarschaft gezogen bin, waren 50 oder 60 Prozent der Läden leer. Aber seit die Leute hier ihren Kaffee trinken und essen können, hat sich viel zum Guten verändert“, erzählt Delhaas und lädt in die warme Atmosphäre ihres charmanten Ecklokals mit großen Fensterfassaden, wo sich ein überschaubarer Raum auftut – mit einem mittig platzierten Schreibtisch, einer Menge Stauraum dahinter und massenhaft Kartons, die sich vom Eingang bis in die kleine Kaffeeküche auf jeder freien Fläche breit machen.

„Langsam wird’s hier ganz schön eng. Hoffentlich muss ich mir nicht bald ein neues Studio suchen“, lacht die gebürtige Holländerin halbernst. Was ihr vor Ort so viel Platz raubt, sind hauptsächlich 15,5 mal 11 Zentimeter große Terminplaner fürs Jahr 2016. „Der erste Höhepunkt an Bestellungen kommt Anfang Oktober mit dem Launch der Kollektion. Vor allem deshalb, weil meine Kalender in den letzten Jahren so schnell ausverkauft waren.“

Hinter zahlreichen Deckblättern aus schickem Lederimitat oder recycelter Pressspanplatte stecken 160 Seiten, davon 32 farbige Notizblätter, ein offen liegender Buchrücken, Jahresüberblicke von 2016 und 2017 sowie ein Stoffband, um den aktuellen Tag stets griffbereit zu haben. Wer seine Termine in diesem Layout planen will, bekommt von der Designerin höchst persönlich ein Päckchen mit dem Vermerk „Be Gentle, Paper Goods“ zugeschickt. Es ist ganz offensichtlich: Marjolein Delhaas liebt Papier. Alle weiteren Details über ihr Business mit diesem Werkstoff werden bei einer Tasse Tee und entspannter Hintergrundmusik besprochen.

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Vom Notizbuch zur Kalenderidee

„Während meiner Schulzeit hatte ich keinen blassen Schimmer, was ich machen sollte. Aber ich wusste ganz genau, was ich nicht machen wollte.“ Zur Ärztin oder Anwältin war sie nicht geboren, stattdessen lockte es Marjolein Delhaas ins Grafikdesign und von der technisch fokussierten Kunstschule in Rotterdam zur kreativ konzipierten Kunstschule in Breda. Als sie sich Ende 2006 nach einigen Jahren in einer Amsterdamer Agentur selbstständig machte, waren es Anfragen für Corporate Identities und Webseiten, die vorerst das Geld brachten. Seit sieben Jahren arbeitet Delhaas nebenbei an einer Herzensangelegenheit: ihrem eigenen Kalender. „Heute liegen Papierwaren ja voll im Trend. Als ich angefangen habe, war das nicht der Fall“, erinnert sie sich zurück.

Ihren fortwährenden Erfolg damit, hatte Delhaas nicht geplant. Vielmehr ist die Idee vom Business mit den Terminkalendern einer frühen Leidenschaft entsprungen: Denn schon in jungen Jahren gestaltete Delhaas ihr eigenes, der Comicfigur Snoopy gewidmetes Notizheft. Und später traf man die Holländerin kaum ohne Buch an, indem sie von Post- und Eintrittskarten bis zu Bildern mit sentimentalem Charakter alles Mögliche sammelte. „Ich sehe sowas als Tagebuch, das man aufklappt, um sich zu erinnern, was man in der Vergangenheit getrieben hat. Deshalb gehörten ein Notizbuch und ein Kalender für mich schon immer zusammen.“

Den Traum, diese beiden Produkte zu vereinen, erfüllte sich Delhaas Ende 2008. „Alles fing mit einem glatten Notizbuch an”, erzählt sie. So konnte Delhaas mit dem Einband oder mit der Art, wie das Cover auf dem Papierblock sitzen sollte, experimentieren, ohne dabei ihr zukünftiges Kalenderdesign für viel Geld in einer geringen Auflage drucken lassen zu müssen. Als Delhaas diese ersten Notizbücher im Rahmen eines Sample-Sales zum Verkauf angeboten hat, kam das Endprodukt ihrer Experimente gut an – und sofort die Frage auf, ob sie in derselben Aufmachung nicht auch Kalender machen könnte.

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Minimale Aufmachung, maximaler Effekt

„Das Design war in einer Woche fertig. Für gewöhnlich nehme ich mir mehr Zeit, aber ich hatte nur noch zwei Wochen bis Neujahr“, staunt Delhaas immer noch. Im Folgejahr blieb dann genügend Zeit, um sämtliche Details wie die exakte Position der Wochennummern oder eine geeignete Größe ihrer Typographie zu finalisieren. Doch wen die Kalender ansprechen sollten, stand von Anfang fest. „Ich mache das für Leute, die die Intention des Produkts verstehen und es dafür schätzen”, erklärt Delhaas und weist darauf hin, dass ihre Kalender für Jedermann da sind und sich aus gutem Grund nicht an klassische Zeit-Layouts halten. „Warum sollte ein Tag im Kalender auch nur von 9 bis 18 Uhr dauern? Ich habe mich für ein 24-Stunden-Design entschieden, wobei der Bereich von 7 bis 23 Uhr größer, der Rest eine Spur kleiner ausfällt.“

Die ersten 35 Kalender hat Marjolein Delhaas komplett von Hand gemacht – das Design mit dem eigenen Laserdrucker doppelseitig ausgedruckt, geschnitten, gefaltet, geklebt und gebunden. Später vergrößerte sie die Auflage konstant, holte sich Hilfe von einer Druckerei, aber finalisierte ihr Produkt weiterhin selbst. Doch als die Unternehmerin Mutter wurde und keine Zeit mehr dafür blieb, alle Kalender in Classic-Ausführung mit weichem Frontcover inklusive Einsteckfach und harter Rückseite zu fertigen, ging Delhaas einen smarten Kompromiss ein; mit einem Basic-Modell aus Karton, das ohne Fach auskommt, dafür günstiger verkauft wird und die Produktion in rentabler Auflage und ohne Materialverlust garantierte.

Neues Jahr, neue Herausforderung

Obwohl beide Varianten sowohl bei bestehenden also auch bei neuen Kunden gut ankamen, sucht Delhaas jedes Jahr aufs Neue nach dem besonderen Etwas, ohne ihr Produkt dabei großartig zu verändern. „Es wäre leicht gewesen, zu sagen: Die Kalender verkaufen sich so gut, machen wir einfach genau dasselbe wie letztes Jahr.“ Herausforderungen findet die Grafikdesignerin mal im Label auf dem Cover, mal in der Farbwahl oder der Druckart. „Den Begriff ‚einzigartig‘ verwende ich zwar nur ungern, aber ich war eine Zeit lang auch die Einzige, die das aktuelle Jahr nicht in Zahlen, sondern in ausgeschriebenen Worten auf meinem Cover stehen hatte.“

Erstmals hoch hinaus ging es für die Kalender im zweiten Jahr, als sie ins Sortiment von einer Galerie der Kunstschule in Rotterdam aufgenommen wurden. „Den Rest hat das Internet für mich erledigt: anfangs tauchten meine Produkte ohne bewusstes Zutun in der Google-Suche ganz oben auf, jetzt finden mich die Leute über Hashtags auf Instagram oder bestellen, nachdem Blogger über mich geschrieben haben,“ berichtet Marjolein Delhaas ehrlich dankbar. Heute muss sie sich überlegen, wie groß ihr Business noch werden soll: einerseits, um die Produktion im Überblick behalten zu können, andererseits damit das Produkt für sie und ihre Kunden spannend bleibt.

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Neben ihren Kalendern und Notizbüchern in DIN-A6-Größe finden sich aktuell auch ein schlichter Wandkalender oder ein neuer Block mit Wochenkalender und To-Do-Liste in einem Online-Store, den Marjolein Delhaas von Beginn an über die Infrastruktur von Big Cartel führte. Weitere Produkte sind derzeit nicht in Planung, denn jeder zusätzliche Kalender resultiert in einer weiteren Produktionslinie; was wiederum mit zeitlichem Aufwand und hohen Ausgaben verbunden ist. „Es ist besser, an einem Produkt zu arbeiten und dieses konstant zu perfektionieren“, empfiehlt die Designerin, die mittlerweile mit ihrem Namen für Qualität steht.

„Ganz zu Beginn war auf dem Produkt nur das Wort ‘Book’ zu lesen. Als ich bemerkt habe, wie viel Aufmerksamkeit meine Kalender bekommen, habe ich meinen eigenen Namen darauf platziert”, verrät Delhaas und erzählt, dass sie ihre Kalender aktuell nicht nur in Japan, Australien, Neuseeland oder Singapur verkauft, sondern damit auch neue Aufträge als Grafikdesignerin an Land zieht. „Hätte mir mal jemand gesagt, ich würde etwas auf der anderen Seite der Welt verkaufen, hätte ich die Person für verrückt erklärt“, lacht sie abschließend.

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Arbeiten für den Moment

Dennoch sollen ihre Planer Jahr für Jahr eine Spur besser werden und dafür verzichtet Marjolein Delhaas auf das Sparen am falschen Fleck. „Ich lasse mein Produkt lieber in den Niederlanden produzieren und kann damit direkt in bessere Qualität investieren statt die Qualität im Rahmen einer billigeren Produktion leiden zu lassen“, sagt die Grafikdesignerin aus Überzeugung. Trotz sentimentaler Natur ihres Produkts sitzt einem mit Marjolein Delhaas eine pragmatische Unternehmerin gegenüber. „Ansonsten will ich nicht zu weit im Voraus planen, sondern lieber Tag für Tag oder Monat für Monat – und währenddessen sehen, wie sich die Dinge entwickeln.“

An Ambitionen fehlt es der 39-Jährigen nicht, doch nach Interesse am „Next Big Thing“-Dasein sucht man bei Delhaas vergebens: „Irgendwann braucht man Mitarbeiter. Aber ich möchte nicht bloß in einem Stuhl sitzen, Befehle aussprechen und keine Zeit mehr fürs Designen haben.“ Ginge es nach ihr, würde sie sich voll und ganz ihrem Kalender-Projekt verschreiben. Doch während Marjolein Delhaas – wie zu dieser Zeit auch so viele andere – den Wert von Papier zu schätzen weiß, bleibt sie realistisch: „Ich weiß, dass die Zeit kommen kann, in der Papierwaren gegenüber digitalen Alternativen an Beliebtheit verlieren werden. Dann will ich einfach aufhören können und dankbar für die Jahre sein, in denen ich mit meiner Leidenschaft Geld verdienen durfte.“

Marjolein Delhaas

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