Roggenwhiskey aus dem SpreewaldGurkenkonkurrenz: Spreewood Distillers

roggenfeld

Ein Spirituosen-Startup ist eigentlich schnell gegründet. Man nehme etwas Kapital, ein Rezept, denke sich ein cooles Branding dazu aus und schwuppdiwupp füllt einem ein Produktionspartner die Idee als flüssige Realität ab. Bei den Spreewood Distillers sieht das Ganze etwas anders aus: Die Gründer haben erst die Destillerie gekauft und sich dann überlegt, wie es weitergehen könnte. Keine Überraschung also, dass es noch ein wenig dauern wird, bis der eigene Roggen-Whiskey fertig ist. Zu tun gibt es mittlerweile aber genug – unter anderem will der wertvolle Altbestand, den man mitsamt der Produktionsstätte erwarb, veredelt und veräußert werden. Das Filter zu Besuch in Schlepzig.

„Was wir da machen, ist wirtschaftlich gesehen Quatsch.“

Sagt Bastian Heuser, Mitgründer der Spreewood Distillers: „Normalerweise nimmst du dir einen Produzenten, der stellt die Spirituose nach deinem Rezept her und fertig. So machen es ja die meisten da draußen. Das ist vielleicht keine so schöne Story, aber es bedeutet viel weniger Risiko.“

Dann wäre die Story aber an dieser Stelle auch zu Ende, oder vielmehr: Es gäbe gar keine. Gibt's aber. Also zurück auf Start.

Für das Weihnachtsmailout ihrer Agentur „Small Big Brands“, die sich auf Getränkemarketing spezialisiert hat, suchen Heuser und seine Geschäftspartner Steffen Lohr und Sebastian Brack 2015 ein Whiskyfass: Sie wollen Kunden und Kollegen mit einem flüssigen Gruß bedenken. Doch wo kriegt man in Berlin und Umgebung eines her? Sie fahren nach Mark Landin in die Uckermark, zu Preussischer Whisky, Hersteller eines Single Malts. Frau Bohn, die Geschäftsführerin, muss sie enttäuschen: Jeder Tropfen wird selbst gebraucht. Sie empfiehlt die Spreewald Brennerei: Deren Inhaber, der Herr Dr. Römer, werde bestimmt ein Fass für sie haben. „Und quasi beim Rausgehen sagte sie uns dann noch: Der sucht übrigens Unternehmensnachfolger – falls ihr mal irgendwas hört“, erinnert sich Heuser

Er und Lohr sind dann also zur Spreewald Brennerei gefahren. Immer noch mit der Idee, nur ein Fass zu kaufen: „Dann standen Steffen und ich mit dem Auto auf dem Hof und dachten: Krass, wenn das echt zum Verkauf steht und finanzierbar ist, dann ist das eine einmalige Chance.“ Denn den Traum, irgendwann mal einen eigenen Produktionsbetrieb zu haben, selbst experimentieren und produzieren zu können, träumten die drei schon länger. Sie sind allesamt alte Branchenhasen: Lohr war früher Bartender und dann Markenbotschafter bei Bacardi, Heuser stand ebenfalls hinter dem Tresen und hat die Fachmesse „Bar Convent Berlin“ mit ins Leben gerufen, Brack gründete mit Thomas Henry, Belsazar Vermouth und, ganz neu, Kakuzo, bereits drei Getränkemarken – Belsazar hat er soeben an den Spirit-Marktführer Diageo verkauft.

spreewood

Der Neubau der Spreewald-Brennerei im Stile eines Vierseithofs

Das Krasse, von dem Heuser spricht, hatte Torsten Römer Anfang der Nullerjahre in Schlepzig, einem 600-Seelen-Kaff im nördlichen Spreewald, bauen lassen. Römer war zuvor als Radiologe in Berlin tätig gewesen und hatte sich in dem Ort eine Ferienwohnung gekauft, dann den abgängigen Gasthof auf Vordermann gebracht, dann ein Brauhaus mit Brauerei draus gemacht, dann ein weiteres Grundstück gekauft, den verrotteten Schweinestall weggemacht und ein idyllisches Anwesen im Stile eines traditionellen Vierseitenhofs errichtet. Dann fing er an, hier Whisky herzustellen. Und so einiges mehr: Rund 90 Produkte von Whisky über Rum bis hin zu einem Steinpilzgeist stellte der Tausendsassa in seinem gar nicht mal so kleinen Reich her und sorgte en passant dafür, dass Schlepzig, bislang abseits der frequentierten Spreewaldtourismuspfade und -fließe gelegen, auf die Karte kam. Zehntausende Tagesbesucher per annum steuerten den Ort und die Destillerie auf einmal, zu der auch ein kleines Café gehört, an. „Wir haben letztes Jahr 27.000 Kugeln Eis verkauft“, erklärt Bastian Heuser. Und 3.000 Flaschen Whisky ab Hof.

Viele Fässer, wenig Struktur

2017 war das erste volle Spreewood-Jahr. Ende 2016 hatte das Gründertrio die Destillerie von Römer übernommen und die Agentur an den Nagel gehängt. Römer sei nach dem Verkauf nur noch einmal kurz auf dem Hof zu sehen gewesen, seitdem hält er sich fern und werkelt im Nachbarort bereits an neuen Dingen. Man sagt, er sei jemand, der lieber Dinge aufbaue als betreibe. Von den zwölf Mitarbeitern, die man zurzeit beschäftigt, waren einige schon für den Ex-Besitzer tätig. Von dem man nicht nur die Immobilie, sondern auch auch 200 Fässer Whisky und Rum erwarb. Abgefüllt in Flaschen mit schickem neuem Branding und versehen mit hippen Namen, „Stork Club“ und „Butterbird Rum“, ging der Verkauf weiter.
Alles ganz einfach also? Denkste. Denn Römer kaufte seine Fässer ohne strukturiertes Prinzip aus der ganzen Welt, egal ob Rum, Sherry oder Weißwein. Und verkaufte seine Whiskys und Rums demzufolge, wie sie eben nach der Reifung aus den Fässern kamen. What you see is what you drink. Spreewood jedoch geht es darum, eine eigene, gleichbleibende Geschmacksidentität zu gewährleisten – so, wie es auch die große Industrie tut. Man wolle schließlich eine international anerkannte Whiskymarke werden, sagt Heuser.

Fassbestand

200 Fässer übernahm man vom Vorgänger ...

neue fässer

... und stockt den Bestand nun mit neuen Fässern auf.

Und das bedeutet für seinen Kollegen Steffen Lohr, der die Produktion leitet, jede Menge Arbeit: Er muss aus verschiedenen Fässern und Jahrgängen den Mix so arrangieren, dass diese Wiedererkennbarkeit gegeben ist. „Hätten wir gewusst, was auf uns zukommt … wir hätten wir es trotzdem gemacht“, sagt Lohr lachend, „aber ein Gin-Startup wäre einfacher gewesen.“
Viel einfacher. Gin ist fertig, sobald er aus der Destillation kommt. Der muss nicht gelagert werden – was neben dem Faktor Zeit auch den Faktor Raum bedeutet. Wer seinen Gin ans Laufen kriegt, schmeiße eine Gelddruckmaschine an, brachte es ein Branchenkenner mal beim gemeinsamen Besuch einer Wacholderdestille auf den Punkt. Drei Jahre müssen die Spreewood-Jungs nun mit dem Abverkauf der Römerschen Whisky- und Rum-Restbestände überbrücken, bis sie der Welt ihre eigentliches Mission vorzeigen können – den eigenen Whiskey. Denn mittelfristig will man weg vom Rum und weg vom Whisky aus Gerstenmalz.

Rye in der Flasche

Wo will man hin? Zum Roggen. Man ist schon dabei. Zwei hübsche neue Kupferanlagen, 1.000 und 650 Liter Kapazität, hat man sich geleistet (Investition: 100.000 Euro, die Gesamtinvestition inklusive Kauf liegt im mittleren siebenstelligen Bereich). Durch diese wird Roggen und nur noch Roggen geschickt. Spreewood ist die erste Roggen-Whiskey-Destillerie Deutschlands. Diese Art von Whiskey stammt aus den USA, heißt dort Rye Whiskey und hat eine lange Tradition in der Neuen Welt. Hierzulande reitet er seit vielleicht fünf, sieben Jahren auf einer Erfolgswelle – wer einen Bartender glücklich oder ein bisschen auf Kenner machen will, bestelle sich einen Sazerac, der wird mit diesem trockenen und weniger süßen Kollegen des Bourbon gemixt.
Roggen ist aber nicht nur Trendgetreide, sondern hat auch lokale Tradition im Spreewald. Der Rohstoff wächst hier en gros, ist er doch im Vergleich zu Weizen sehr robust und genügsam. Er kommt mit den nährstoffarmen, sandigen Böden, die auf durchschnittlich gerade mal 24 von 100 möglichen Punkten kommen, bestens aus. Roggen aus der Spreewald-Region wird mitunter gar nach Amerika verschifft. Unter anderem, um Rye Whiskey daraus herzustellen. Da schließt sich der Kreis.

The Storks

The Storks: Steffen Lohr und Bastian Heuser. Gründer drei, Sebastian Brack, bleibt im Hintergrund.

cafe

27.000 Kugeln Eis 2017: Café und Hofladen bringen Umsätze

Stork Club

Aus Single Malt wird 2020 Rye: Stork Club

gurkengeist

Auch aus lokalem Rohstoff: der neue Gurkengeist für den Hofladen

„Die Rezepturen sind jetzt eigentlich alle fertig“, erklärt Steffen Lohr. Jetzt bestehe die Herausforderung darin, ein rollierendes System zu finden, sodass man die Anlagen zu 80 Prozent auslasten könne. Wie nutzt man die Wassertanks, wie heizt man möglichst effizient? Aktuell sei man gerade bei der Hälfte der Kapazität angelangt, obschon die Produktion seit Beginn bereits vervierfacht wurde. Auch ein bisschen Startup-Mentalität gehört dabei dazu: Statt eines schweineteuren Dampferzeugers (Kostenpunkt: 50.000 Euro) sorgt jetzt eine 300-Euro-Heizungspumpe, wie sie in jedem modernen Haushalt steht, für den Transport des heißen Wassers von der Brennanlage unter den Maischekessel. Lohr: „Funktioniert nicht so schnell, aber funktioniert.“ Die Maische, die aus dem Roggen hergestellt wird, blubbert indes zu Sydney Youngblood, Talk Talk und Spandau Ballet, die „Fermentations-Playlist“, die in der Halle läuft, besteht ausschließlich aus Radiopop der Achtzigerjahre.

Ob sich das erschmecken lässt? 2020 wird man es wissen, dann wird es den ersten Schlepziger Roggenwhiskey geben. Die DNA, von der Markenmenschen immer sprechen, sie entwickelt sich gerade in den Fässern, die in einem Nachbarhaus lagern, das auch zum Anwesen gehört. Weitere Lagerstätten sind bereits geplant. 1.000 Fässer will man perspektivisch ständig zu liegen haben, aktuell sind es bereits rund 350. Der dafür nötige Fasskauf ist nicht mehr kontingent, sondern hat System: Neue Fässer aus deutscher Eiche und aus US-Eiche sowie Ex-Sherry- und Ex-Islay-Whiskyfässer bilden die Basis für die spätere Vermählung zum Stork-Club-Blend. Damit es wirtschaftlich wird, brauche man einen Ausstoß von 80 bis 100.000 Flaschen pro Jahr, schätzt Heuser. Im ersten Jahr machten sich immerhin schon 20.000 Flaschen, allesamt selbst aus dem Bestand nach Kauf abgefüllt und etikettiert, ausgesteuert über einen nationalen Vertriebspartner, auf den Weg in den Fachhandel. Dabei muss man schon mit etwas Ausschuss klar kommen: Manches, was in einem Fass aus dem Bestand der alten Spreewald-Destille lagerte, passt einfach nicht ins neue Geschmacksbild, sodass einzelne Fässer komplett weiterverkauft werden. Lohr: „Falls also jemand ein Fass für seine Weihnachtsfeier braucht ... “

Vielleicht ist das ja der Anfang einer neuen Geschichte.

fliess

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