Plattenkritik: Otto A. Totland - PinôUnd die Zeit steht still

Totland-Pino-Final

Aus Norwegen erreicht uns ein Album, das auf beeindruckende Weise zeigt, wie wichtig und wohltuend Entschleunigung sein kann.

Slow Food? Hier kommt Slow Music.

Vor ein paar Jahren stolperte ich über einen Musiker, der am Klavier Songs des US-amerikanischen Unabhängigkeitskriegs neu interpretierte. Drei Töne und ich fiel in Ohnmacht. Manchmal ist das so. Da reicht ein Akkord, eine kleine Melodie, irgendwie vertraut und doch weit weg, um einen die Seiten wechseln zu lassen. Die Verbindung war da. Sofort. Ich fühlte mich wohl in dieser assoziierten Welt, die mir doch so fremd war. Bilder - Klischees - tanzten voller Anmut durch meinen Kopf. Ich schulterte mein Gewehr und kämpfte mit, tat mein bestes, nur um am Abend nach der Schlacht den Korken mit den Zähnen aus der Flasche zu ziehen, meine geschundenen Füße zu versorgen und für eine kurze Weile die Musik zu hören, die durchs Lager hallte. Eine mir bis dahin unbekannte Klarheit und Direktheit in diesen Kompositionen ließ mich hoffnungserfüllt einschlafen.

Otto A. Totlands Musik berührt mich genau so.

Totland

Totland ist kein Unbekannter. Zusammen mit Erik Skodvin produzierte er zwischen 2005 und 2011 drei Alben unter dem Projektnamen Deaf Center und legte gerade mit der ersten Platte „Pale Ravine“ der sterbenden DIY-Elektronika einen verhuschten und doch in kräftigen, wenn auch dunklen Farben leuchtenden Blumenstrauß auf das Sterbebett. Das dunkle Norwegen, mit Death Metal im Kopf und Streicher-Samples auf der Tastatur. Und nun „Pinô“.

Ein Klavier wie ein Werkzeugkasten

Totland spielt Klavier. Seine Kompositionen sind kurz, auf den Punkt, intensiv und doch flüchtig wie der Horizont bei Sturm. Bei Totland geht es nicht um Perfektion, sondern um den Moment. Um das, was in eben jenem Moment sonst noch geschieht. „Pinô“ ist kein Album, bei dem nur das möglichst perfekte Ergebnis zählt, sondern der Prozess ebenso penibel dokumentiert wird. Ein Klavier, ein paar Mikrofone, der Raum. Zwischen Komposition und Improvisation sitzt man als Hörer, so scheint es, ganz nah bei ihm, schaut ihm, nein, hört ihm über die Schulter. Das Fenster steht offen, das echte Leben weht hinein, das Husten des Toningenieurs Nils Frahm, ein heftig krähender Rabe fliegt draußen vorbei, das Knarzen des Hockers, Totlands Atmen und nicht zuletzt die Anschlaggeräusche der Tasten: Diese Elemente vervollständigen die ohnehin schon fragilen Stücke zu einer Sammlung von Sollbruchstellen des Herzens.

Was Totland hier präsentiert ist nicht neu. In den letzten Jahren gab es zahlreiche Künstler, die sich auf ungewohnte Art mit dem Instrument Klavier auseinandersetzten, seine Fehler und mechanischen Gegebenheiten nicht mit moderner Tontechnik wegrationalisierten, sondern vielmehr herausputzten und zur hörbaren Dokumentation der analogen Mensch-Maschine deklarierten. Totlands Herangehensweise ist aber radikaler und somit noch ehrlicher. Und die Ergebnisse schweben manchmal direkt vor einem, an anderen Stellen wiederum wirken sie bewusst distanziert. Wenn aus dem ächzenden Studiozimmer ein waberndes Restgeräusch in der Hallmaschine aufgebaut wird und man für einen kurzen Moment glaubt, das auch Harold Budd noch vorbeigeschaut hat. Und wenn es so restrauscht, dann steht die Welt still. Endgültig.

Otto A. Totland, Pinô, ist auf Sonic Pieces erschienen.

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