Plattenkritik: The Album Leaf – Between WavesWeichgezeichnete Pop-Perfektion

The Album Leaf lead

Nach sechs Jahren Pause melden sich The Album Leaf, die Großmeister des etherischen Indiepop, mit einem neuen Album zurück.

The Album Leaf war immer ein merkwürdiges Projekt mit gar nicht merkwürdiger Musik. Jimmy LaValle hatte es sich irgendwann als Solo-Spielplatz neben seiner Band Tristeza ausgedacht, vielleicht nur, um andere Dinge auszuprobieren, vielleicht aber auch, um beim Komponieren und Produzieren die volle Kontrolle zu haben und nichts mit seinen Band-Kollegen absprechen zu müssen. Erst wenn alles mehr oder weniger fertig konzipiert war, kamen andere Musiker dazu, um den Songs den finalen Schliff zu verleihen. Ob die Musik anders geklungen hätte, wenn alles oldschoolig im Proberaum in voller Besetzung entstanden wäre? Es ist zu spät, dies herauszufinden. Es macht auch keinen Unterschied.

The Album Leaf machen Popmusik. Das ist zunächst natürlich eine sehr nondescripte Wolke, in die man schon immer alles reinkippen konnte, wenn man einem Künstler einen Gefallen tun oder ihn dissen wollte. Das ist die Wolke, in der heute Frank Ocean über „Nikes“ singt (was für eine gute Platte, übrigens. Noch besser, wenn man sie einfach nur hört und weder drüber nachdenkt noch Texte veröffentlicht) und in der Drake und Kanye gerade ihr gemeinsames Album aufnehmen. Obwohl vollkommen anders, flirren diese Namen hier nicht ohne Grund vorbei: „Between Waves“, die neue Platte von The Album Leaf, hätte genau die gleiche Aufmerksamkeit verdient. Wird sie natürlich nicht bekommen. Weil alle über Frank Ocean reden. Schade eigentlich.

The Album Leaf machen also Popmusik. Das kann ja vieles bedeuten, in der Regel jedoch vergisst man Pop ja genauso schnell, wie man den Track gefunden, auswendig gelernt und lieb gewonnen hat. Mir ging das bei The Album Leaf immer genau so. „Into The Blue“ zum Beispiel, ein grandioses Album, 2006 bei City Slang erschienen, war so randvoll mit tollen Songs, dass ich immer erst wieder mitwippen kann, wenn „Always For You“ dann wirklich läuft. Anstoßen könnte ich das nie. The Album Leaf sind vertraut, aber mit viel Distanz. Das neue Album ändert das.

The Album Leaf Portrait

Foto: David Black

Sanfte Eleganz mit Nachhall

Lange war es still um The Album Leaf. Sechs Jahre, um genau zu sein. Was einerseits damit zu tun hat, dass LaValle sehr busy mit anderen Projekten war. Ein Soundtrack hier, eine Platte mit Mark Kozelek da, die Jahre gingen ins Land ohne neue Musik von The Album Leaf. Für genau diese neue Musik hat sich LaValle zwar nicht mit neuen Musikern zusammengetan, sie aber von Beginn an in den Kompositions- und Produktionsprozess mit einbezogen. 30 Tracks hat man gemeinsam angehäuft, acht davon landeten schlussendlich auf „Between Waves“. Es ist eine sanfte Revolution der Eleganz, jeder Akkord, jede HiHat, jede Bassdrum, jedes leicht nordisch unterkühlte Trompeten-Motiv: Alles klingt wie 3D. Dabei verfolgt LaValle genau das gleiche Prinzip wie schon auf den früheren Platten. Die Basis ist Indie, die Produktion wäre ohne die Moderne nicht möglich. LaValle ist der Meister des musikalischen Weichzeichnens. Da kann die Melodie noch noch cheesy sein, eigentlich gar nicht passen bzw. überflüssig sein: Sollte LaValle dieses Wissen jemals in ein PlugIn stecken, kann Instagram einpacken. Dann macht niemand mehr Bilder, sondern alle Musik.

Es gibt einen Grund, warum ich The Album Leaf im Allgemeinen und diese Platte hier im Besonderen so mag. LaVelles Gesang – und auf der neuen Platte ein Großteil der Arrangements – erinnern mich an eine Platte, die mir in den 90er-Jahren sehr ans Herz gewachsen war. Eine kurze Episode in der Indie-Geschichte, das Projekt Spoonfed Hybrid. Ein Album und zwei Singles haben Chris Trout und Ian Masters damals hinbekommen. Aber Ian Masters spielte bei den Pale Saints, der vielleicht besten 4AD-Band überhaupt. LaVelle singt wie Masters, nur in ein wenig tieferer Stimmlage und beherzter. Früher ist mir das nie aufgefallen, hier aber, auf „Between Waves“, sind die wenigen Stücke mit Gesang eine offensichtliche Hommage nicht nur an Masters Gesangstechnik, sondern auch an die Art und Weise, wie sowohl die Pale Saints als auch später Spoonfed Hybrid ihre Stücke ausdefiniert und aufgenommen haben. Nicht wirklich neben der Spur, nicht absichtlich anders, aber doch einzigartig und mitunter bemerkenswert mutig. Diese Platte hier wagt genau das. Nur eben mit dem 2016er-Weichzeichner. Große Euphorie auf ganz kleiner Flamme. Denn Euphorie bedeutet immer auch, dass es persönlich wird. Und das posaunt man besser nicht lauthals hinaus. Dafür hat LaValle ja auch die Trompete in der Hinterhand.

Vollkommen egal, wie man es nun nennt. Pop, Indie, Elektronika: „Between Waves“ ist eines der bislang besten Alben des Jahres 2016. Mit diesem Statement kann man sich angreifbar machen. Denn natürlich ist die Platte sehr gefällig. So gefällig, dass sie bei vielen durch das Diskurs-Raster fallen wird. Keine Zeit für profane Pop-Entwürfe ohne Reibungspotenzial. Es ist vollkommen okay, das so zu sehen. „Between Waves“ ist dafür aber eine jener Platten, die auch dann noch nachhallen wird, wenn die letzte Notiz zur allerletzten These des finalen Diskurses bei Putzlicht aus dem Club gekehrt wird.

The Album Leaf, Between Waves, ist auf Relapse Records erschienen.

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