Plattenkritik: Zugezogen Maskulin - Alles brenntFeuer für die Höhlenrapper

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Zugezogen Maskulin sind mit ihrem Debüt „Alles brennt“ beim Hamburger Label Buback auf Position 20 in die deutschen Albumcharts eingestiegen. Damit haben grim und Testo den Underground in jedem Fall hinter sich gelassen. Zurecht. Sie bringen Deutschrap zurück auf ein ansehnliches lyrisches und inhaltliches Niveau: politisch, wütend, unbequem. Mit Beats, die knallen, manchmal sogar ein wenig zu sehr.

2014 war ja kein schlechtes Jahr für Deutschrap. Es gab Sonny Black (viel besser als „Carlo Cokxxx Nutten 3“) und die zweite LP von Shindy. Dann waren da Haftbefehl, Savas, Marteria, Afrob, Célo & Abdi und nicht zu vergessen die ganzen Mittelstands-Rapper, die mir nicht unbedingt zusagen. Was fehlte? Beißende Gesellschaftskritik, politische Inhalte, Zustandsbeschreibungen am Puls der Zeit, Analyse, die weh tut. Zwar hat Afrob sich dem Ganzen angenähert und auch Rapperin Sokee spielt eine Rolle, doch hatten beide Alben nicht die nötige Durchschlagskraft. Erst das Album der Antilopen Gang gegen Ende des Jahres war in der Lage, linkspolitischen Rap wieder in die Charts zu heben. Doch das Trio hat sich mit seiner Außenseiterrolle abgefunden. Es feiert einen Abgesang auf alles gegenwärtig Ankotzende, ist aber keinesfalls Teil dessen. Das wirkt im Nachhall ein wenig arrogant und selbstgefällig.

Zugezogen Maskulin

Zugezogen Maskulin, Photos von Philipp Gladsome

Zugezogen Maskulin sind in dieser Hinsicht komplett anders. Das legt schon der Titeltrack an erster Stelle des Albums nahe. Grims Stimme: Aggressiv, laut, im ersten Moment beißend unangenehm, in einer Tonlage auf Achterbahnfahrt. Testo erinnert sofort an Maxim von K.I.Z.. Inhaltlich wird gleich der Graben zur derzeitigen Rapszene bzw. den dazugehörigen Fans gezogen: „Zwäng' mich jeden Tag in 'ne Skinny-Jeans, die zu eng ist und nicht passt / Warum ich das mach'? Weil ich will dass ihr mich hasst! (…) ZM Gang - unsere Double Cups sind Schierlingsbecher / Denn wir bringen euch das Feuer ihr Höhlenrapper.“ Grim und Testo räumen auf mit der alten Schule, mit Homophie und „Steinzeit-Swag“. Auf treibenden Beats, deren Fülle den späteren Trap-Overkill gerade einmal andeutet. Im nächsten Track trippen die beiden auf Ayahuasca bzw. DMT ab und legen noch einmal gegen Rapdeutschland nach, intelligent relativiert durch den Rausch der Droge.

Grim und Testo lernten sich während eines Praktikums bei rap.de kennen. Doch anstatt in die Fußstapfen ihres damaligen Chefs Staiger zu treten, entschieden die beiden sich zur Gründung von Zugezogen Maskulin. Moritz Wilken aka grim war bis dahin schon solo als grim104 unterwegs und kommt ursprünglich aus einem Dorf in NRW. Mit seiner Heimat hat er schon im Track „Rotkohl“ abgerechnet, solo und auf dem Free-Album „Kauft nicht bei Zugezogenen“, das ZM aber selbst nicht als Debüt bezeichnen möchten. Schützenfest, Tauchen im See, Paderborner Pilsener und Aufstehen um sieben - ich spüre eine tiefe Verbundenheit. Auf der neuen LP liefert Testo seine Autobiographie im dritten Track „Plattenbau O.S.T.“ Geboren in Leipzig, verbrachte er seine Jugend vor allem in Stralsund. War auch nicht so geil dort, beim um-die-Wette-Saufen auf dem Spielplatz: „Verschwende deine Zeit“ heißt es in der Hook mit einem Anflug Popambitionen.

„Oranienplatz“ bringt einen über die Route der Flüchtlinge (Afrika, Mittelmeer, Griechenland) direkt nach Kreuzberg ins ehemalige Flüchtlingscamp. Das erste Highlight der Platte. Sowohl in Sachen Beats als auch textlich. Die Bildgewalt von grims erster Strophe erschischt einen eiskalt. Auch Testo überzeugt und gepaart mit gröhlender, unglaublich simpler Hook verschmelzen Intellekt und Punk-Attitüde.

„Rote Sonne, gelber Strand, blaues Meer rauscht / Geboren so wie Venus zwischen Wogen, Gischt und Schaum / Aber nicht mit weißer Haut, in einer Muschel auf den Wellen / Sondern zwischen Trümmerteilen und dem Klang von Hundebellen / Gespült ins Land der einstmals ewig blühenden Antike / Wo die Morgenröte golden ist - Willkommen in der Krise! / Ein vertrockneter Olivenzweig zeigt dir den Weg ins Drittland / Nach Kreuzberg Berlin - in die Heimat der Hipster“

„Oranienplatz“

Selten gelingt das im HipHop gut wie hier, denn gewöhnlich handeln Rapper diese Dinge eh in unterschiedlichen Tracks ab. Anschließend wird erstmal die Kiffer- und Drogen-Vergangenheit abgearbeitet: „Grauweißer Rauch“ in Zeiten, in denen Tumblr-Blogs mit gefilterten Fotos von bongrauchenden Mädels noch Zukunftsmusik waren. In denen man stattdessen dicht am Küchentisch der Eltern saß. Grim und Testo sind froh, das hinter sich gelassen zu haben. Fällt der Blick zurück, ist er stets von Melancholie und Düsternis geprägt. Die Gegenwart hingegen, die bedeutet Krieg.

Endlich wieder Krieg

In der Vorab-Single gibt’s wieder auf die Mütze. Der Fanfarensound in der Eröffnung verzieht sich wie Kaugummi, dazu kommen Gunshots (nicht Gangster, sondern Krieg), noch mehr schneidende Synthies.
„Durch den Schlamm auf allen Vieren, Ernst Jünger rezitieren / Bloodland statt Stadtstrand - Alle jubilieren / Was MDMA? Ich hab PTBS / Lars Mährholz wird als erstes von Raketen zerfetzt / Mein Vater schaut „Die Brücke“, in sein' Augen stehen Trän' / Mein Trommelfell spielt Marschlieder, Kann Ihn nich' verstehn’!“
Doch nicht nur der Initiator der Montagsdemos, auch der regelmäßig öffentlich stattfindende Fußballpatriotismus bekommt sein Fett weg – mit direkter Referenz zum K.I.Z.-Track „Biergarten Eden“.

Die folgenden Tracks „Guccibauch“ und „Oi“ bilden den schwächsten Teil des Albums. Runtergebrochen auf einen Satz gehts in „Guccibauch“ um den Widerspruch, den die gutbürgerliche Linke in sich vereint: Marx lesen, Cola trinken. „Oi!“ ist dann Punk. Aber zu viel. Die Fülle des Sounds, die permanente Hektik, strengt an. Inhaltlich überzeugen beide Tracks längst nicht so, wie es der nächste wieder tut: Mit „Agenturensohn“ kommt der direkte Berlinbezug zurück. Anfänglich übliche Neukölln-Kritik, „Du wohnst jetzt im Ghetto, jeder soll es seh´n / Die 44 wird zum Superman-Emblem“ bekommt durch Seitenhiebe an „Muschi Kreuzberg“, noch mehr Schärfe und mündet in maßloser Überspitzung. In der Hook wird durch den Kiez getanzt und grim schließt mit einem von „seinen schlauen Sätzen / Die Kritik an Hipstern, kann die Hipster der Kritik nicht ersetzen.“

Die nächsten beiden Lieder sind dann schon wieder schwierig. Auch in „Monte Cruz“ und „Vatermord“ lassen Aggressivität, Tempo und Fülle kaum nach. „Schiffbruch“ ist zum Glück noch mal ganz HipHop, gerichtet gegen die Stilisierung eines Viertels namens Kreuzberg, die in Marterias „Kreuzberg am Meer“ ihren halbironischen Höhepunkt fand: „Bitte sag mir was ein Kreuzberg am Meer bringt / Wenn man darin ertrinkt?“

Zugezogen Maskulin 2

Dass der Fokus des Albums so stark auf Berlin fällt, mag den ein oder anderen abschrecken. Doch je größer der Bogen gespannt wird, und desto weniger treffsicher sind die sprachlichen Bilder, siehe Antilopen Gang. Auch der permanente Diss gegen das Volk in den hippen Agenturen ist nicht neu. Aber mit einer solchen Konsequenz, Aktualität und sprachlichen Schärfe kommt er selten. Was den Sound angeht, funktioniert so ein Album sicherlich kein zweites Mal. Selbst „Alles brennt“ hat seine Längen der Anstrengung, seine Skip-Tracks. Doch Testo und grim fangen gerade erst an, sind aufgedreht und bereit die Rap-Szene zu polarisieren, mit Inhalten statt Gangster-Coolness, Autos und Geld. Und deswegen ist das verdammt in Ordnung.

Album bei iTunes

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