Wochenend-WalkmanDiesmal mit Mount Kimbie, Princess Nokia und Lali Puna

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Drei Alben, drei Tipps, drei Meinungen. In unserer samstäglichen Filter-Kolumne wirft die Redaktion Musik in die Runde, die erwähnenswert ist. Weil sie neu ist, plötzlich wieder relevant, gerade entdeckt oder nie vergessen.

Mount Kimbie Love What Survives Cover WW16082017

Mount Kimbie – Love What Survive

Ji-Hun: Mount Kimbie waren neben James Blake jene Dubstep-Wunderkinder Anfang der 10er Jahre, die rechtzeitig vor dem Platzen der Blase den Absprung geschafft haben und sich einem breiteren, man kann auch sagen mainstreamigeren, Horizont gewidmet haben. Ich habe Mount Kimbie nie wirklich verstanden. Der Hype um Kai Campos und Dominic Maker war mir nie geheuer. Es gibt Dinge, die finde ich einfach grundlegend überbewertet. Bei The xx (und ja, James Blake auch) geht es mir ganz ähnlich. Gute Musik, aber viel mehr nicht. Dann sah ich Mount Kimbie zu der Zeit auch noch live in Graz – und, mei lassen wir das … Haters gonna hate. Als ich „Love What Survive“ das erste Mal mit einer trotzigen „Ach-was-soll’s“-Haltung angemacht habe, war ich dann doch erstaunt. Leider ganz geil, hätte man vor paar Jahren vielleicht noch gesagt. Maker und Campos haben sich vor den Aufnahmen zwei alte Synthesizer von Korg besorgt (MS-20 und Delta) und das Album hat mit dem ursprünglichen club-affinen Kontext, aus dem sie anfangs stammten, so gut wie gar nichts mehr zu tun. Eigentlich ist es ein Krautrock-Album für Eribon lesende Teenager. Klaus Dinger und Neu! lassen grüßen. Aber hallo! Ist zwar nun auch keine besonders distinguierte Pop-Archäologenentdeckung, aber Mount Kimbie machen das geschickt. Der Sound der Factory schwingt hier natürlich auch mit und so kommt am Ende ein Album heraus, das konsistent ist, inspiriert produziert und eigentlich dann seine Stärken hat, wenn keine Vocalfeatures dabei sind. Chapeau!

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Princess Nokia Cover 192 Deluxe Walkman

Princess Nokia – 1992 Deluxe

Benedikt: Ein gesamtes Mixtape nachträglich zum Album aufpolieren – macht man ja eigentlich nicht. Interessiert Princess Nokia aber nicht, genau wie vieles anderes. Sie gibt sich als „Tomboy“, kämpft für queer und gegen weiß und hetero. Wer das Mixtape kennt, weiß: Das tut sie glaubhaft und mit mühelos grandiosen Flows. Wenn überhaupt, möchte sie zum unbequemen Teil amerikanischer Popkultur gehören. Brachial und böse klingen die Beats, bleiben aber stets gerade leise genug, um der New Yorker Stimme den Raum zu geben, den sie braucht, um ihre Eindringlichkeit zu entfalten. A propos Stimme: Man glaubt sie schnell verstanden zu haben – und dann kommt ein Track wie „Saggy Denim“ und erinnert einen noch mal kurz an das gesamte Tonlagenportfolio der jungen Rapperin. Von Princess Nokia darf man noch viel erwarten. Ein Release mit wirklich neuen Tracks wäre wohl der Anfang.

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Lali Puna Two Windows Artwork

Lali Puna – Two Windows

Thaddeus: Vor ein paar Jahren sprach ich mit einem Bekannten aus England über Filme und erzählte ihm, dass ich gerade eine dieser Miss-Marple-Schmonzetten mit Margaret Rutherford mal wieder gesehen und das irgendwie gut gefunden hätte. Er solle es doch auch nochmal probieren, schlug ich vor. Er schaute mich an, schüttelte den Kopf und sagte: „No way, too many rainy sunday memories.“ Das beschreibt meine Beziehung zu Lali Puna eigentlich ganz treffend. Um das Hören dieser Platte habe ich lange gedrückt. Es gibt Dinge, hinter die macht man besser eine Haken, ein für alle Mal. Aber natürlich will man auch wissen, was in den sieben Jahren seit der letzten Platte von Valerie Trebeljahr und Co. musikalisch so passiert ist, wie es sich heute anhören würde und könnte, wenn sie zwölf neue Songs aufnimmt. Kurz und knapp: genau wie früher. Das wird viele Fans der ersten Stunde(n) freuen, irritiert mich jedoch. In einem Maße, mit dem ich selbst nicht so wirklich gerechnet hätte, und im Umkehrschluss vielleicht offenlegt, dass mir die Band wirklich mal wichtig war. War sie auch. Denn die Übersetzung von zurückhaltender LoFi-Elektronika in Indie-Songs haben Lali Puna zwar nicht erfunden, aber doch mit geprägt. Indietronica hätte es ohne Lali nicht gegeben. Aber das ist lange her und so eine Platte 2017 zu veröffentlichen, ist schon weird. Leider ist die Musik dabei so gar nicht weird, nicht mal im Ansatz. Und dabei mag ich weirdness nur in kleinen Dosen. Es ist davon zu lesen, die Platte sei eher so Dancefloor. Höre ich nicht. Keith Tenniswood und Dntel sind dabei – die höre ich auch nicht. MimiCof und Mary Lattimore leider auch nicht. Das ist alles sehr gut gemacht und ausgedacht, aber manchmal lohnt es eben doch, von seiner Sound-Library von anno 2001 nicht brav Sicherheitskopien zu machen und die Festplatte irgendwann einfach im Zug liegen zu lassen und mit offenen Ohren durch die Welt zu ziehen. „Two Windows“ ist eine Ode an eine Vergangenheit, die es so nie gab.

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