Review: Apple TVTelevision, the app of the nation

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Die Trendforschungs-Druiden in Cupertino haben tief in ihre Kristallkugel geschaut und die Zukunft des Fernsehens identifiziert: Apps! Apples Mitbewerber wissen das schon lange. Denn das Oldschool-Fernsehen ist längst tot. Nicht zuletzt, weil Apple mit der ersten eigenen Streaming-Box 2007 einen der ersten ernstzunehmenden Nägel in den TV-Sarg trieb. Seitdem haben Roku, Amazon, Microsoft, Google, Nvidia und Co. ihre eigenen Lösungen am Start. Mit Apps. Kommt Apple zu spät zum Leichenschmaus vor dem Flatscreen?

Television, the drug of the nation / Breeding ignorance and feeding radiation

(The Disposable Heroes Of Hiphoprisy, 1991)

Als sich Michael Franti und Rono Tse Anfang der 1990er-Jahre auf einen kurzen, dafür aber umso intensiveren HipHop-Ausflug begaben, war „Television, The Drug Of The Nation“ einer ihrer besten Songs. Dabei erzählten sie uns doch eigentlich nichts Neues. Fernsehen macht blöd, faul und süchtig, ist eine Indoktrinierungs-Maschine der kapitalistischen Ausbeuter. Was die beiden Musiker nicht verraten:

Es ist halt auch ganz geil.

Dabei ist die Mattscheibe in den vergangenen Jahren in immer mehr Einzelteile zersplittert. Unser Medienverhalten hat sich grundlegend verändert. Schuld daran ist – wie immer – das Internet. Das lineare Fernsehen, das Einschalten zu spezifischen Zeiten, um bestimmte Sendungen zu schauen, ist für immer mehr Menschen eine museale Handlung. Wann man was schaut und auf welchem Screen, entscheiden längst die Konsumenten und nicht mehr die Sendeanstalten. Mediatheken und Apps sind unsere 20-Uhr-Tagesschau.

Apple hat das Fernseh-Business selbst jahrelang als Hobby bezeichnet. Der erste Apple TV war kaum mehr als eine Schnittstelle zwischen dem iTunes Store und dem heimischen Fernseher. Eine Art Festplatte mit HDMI-Anschluss, über den man Filme und Serien abspielen konnte, die man gekauft hatte – Streaming war noch Zukunftsmusik in Cupertino. Daran änderte sich lange Zeit nichts. Die Implementierung anderer Services ging schleppend voran, erst 2010 stellte man auf Streaming um, YouTube, Vimeo, Netflix und Hulu fanden ihre Plätze im Interface. Dann folgten drei Jahre Testbild. Apple kümmerte sich nur noch mit sporadischen Software-Updates um den Apple TV. Das gab vor allem Amazon Zeit, mit dem Fire TV erfolgreich durchzustarten. Mit voller Integration aller eigenen und vieler externen Dienste, mit Spielen, mit Mehrwert, den man bei Apple einfach nicht fand. Das ändert sich nun mit der vierten Generation des Apple TV.

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Wer sich so lange nicht um sein Hobby gekümmert hat, hat einiges aufzuholen. Zunächst technisch, also im Inneren der doch sehr schicken Box, die deutlich größer ist als die Vorgänger-Generation. Erst wenn dies geschehen ist, kann man sich um das kümmern, womit Userinnen und User interagieren: die Software im Allgemeinen und das Interface im Besonderen. Beides hat Apple getan. Der aktuelle Apple TV ist faktisch ein iPhone 6, sprich: verfügt über den Prozessor, der erst seit runden zwei Monaten nicht mehr Apples Vorzeige-Chip ist. Auf dieser Basis zeigt sich auch die Software in neuem Gewand. Mit dem Apple TV führt Apple ein viertes Betriebssystem ein, das tvOS. Ist man ziemlich stolz drauf, in Cupertino, ist aber auch – zum Glück – ein bisschen Augenwischerei. Denn ein Großteil der Code-Basis ist schlicht iOS. Zum Glück, weil Entwickler so ihre iPhone-Apps ohne größere Mühen auf dem Fernseher präsentieren können.

Ja, Apple TV hat einen App Store. Dort ist im Moment zwar noch nicht wirklich viel los, aber was ist nicht, kann ja noch werden. Oder doch nicht?

Denn in den vergangenen Monaten hat Apple erste Geräte der neuen Box für einen Dollar an Entwickler „verschenkt“, um deren Apps fit zu machen für den Flatscreen. Wie viele Geräte dabei wirklich rausgingen, weiß natürlich niemand, für den vermeintlich geringen Aufwand ist der Store dann aber aktuell noch sehr ... übersichtlich. Vielleicht hat das damit zu tun, dass Entwickler ob der App-Store-Regularien wenig Möglichkeiten haben, die Extra-Arbeit zu monetarisieren. So plumpsten meine iPhone-Spiele, die bereits für den Fernseher portiert wurden, anstands- und kostenlos aus dem Netz auf die Box. Muss man wohl danke sagen. Vielleicht hat es aber auch damit zu tun, dass man Apple TV generell keinen großen Erfolg prognostiziert, weil der Markt für Streaming-Boxen (moderne Fernseher sind ja auch ohne Add-on schon App-fähig) 2015 schon mehr oder weniger gesättigt ist. Diese Denkweise wäre ein Fehler. Denn Apple TV macht vieles richtig und besser, was die grundlegenden Funktionen angeht. Und nur wenig schlechter.

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„TV is the reason why less than ten percent of our nation reads books daily / Why most people think Central America means Kansas /
Socialism means unamerican and Apartheid is a new headache remedy“

(The Disposable Heroes Of Hiphoprisy, 1991)

##Angeschlossen
Wer seinen Fernseher bislang noch nicht mit extra Geräten gepimpt hat, dem sei folgendes mit auf den Weg gegeben: Apple TV kostet 179 bzw. 229 Euro (mit 32 bzw. 64 GB internem Speicher). Das HDMI-Kabel, um die Box mit dem TV zu verbinden, muss man sich noch extra kaufen. Die Einrichtung ist indes kinderleicht, vorausgesetzt, man besitzt bereits ein iOS-Gerät mit aktuellem Betriebssystem. Bluetooth an, iPhone neben den Apple TV gelegt und die Streaming-Box zieht sich alle relevanten Passwörter automatisch: WiFi, Apple-ID und – falls vorhanden – den separaten Account für iTunes. Das funktioniert perfekt und erspart einem die langwierige manuelle Eingabe auf der neuen Fernbedienung, der Siri Remote. Die steht im Zentrum der Bedienung des Apple TV. Mit wenigen Knöpfen, einem großzügigen Touchpad und eben Siri als Sprachassistenten.

Natürlich will die ganze Welt wissen, wie am nächsten Tag das Wetter wird, während gerade „The Walking Dead“ auf Netflix durchrauscht.

Wer Siri auf dem Telefon regelmäßig nutzt, sei jedoch gewarnt: Siri hat eine Zwillingsschwester, mit TV-Spezialwissen, das so viel Platz einnimmt, dass viele andere Features wegfallen auf dem Apple TV. Siri wurde für den Medienkonsum optimiert. Ja, sie kann den Wetterbericht abrufen, kennt sich sonst aber eher mit Filmen und Schauspielerinnen und Schauspielern aus. Siri hat ja ein kategorisches Multi-Kulti-Problem. Zwei Sprachen gleichzeitig? Schwierig. Das wurde zwar in letzter Zeit deutlich besser, ist aber faktisch immer noch unter aller Sau. Für den Apple TV wurde Siri also für acht Länder überarbeitet, damit der deutsche Satz „Ich will Komödien mit Julia Roberts sehen“ (will ich natürlich gar nicht, ein popkultureller Platzhalter) auch tatsächlich ankommt in der AI und zu keinen Konfusionen führt. Die Probleme, die Siri auf dem iPhone mit zwei Sprachen in einem Satz hat (Drake geht, alles andere eigentlich so gut wie nicht), funktioniert auf dem Apple TV tatsächlich gut und verlässlich. Und kann in Kontext-spezifischen Nachfragen eingegrenzt werden: „Zeig mir nur die Komödien von 2012“ funktioniert.

Aber die Fernbedienung, über die man mit Siri kommuniziert, ist und kann mehr. Genau wie das iPhone ist die Remote mit zahlreichen Sensoren ausgestattet, die sie auch zu einem Game-Controller machen. Nintendo Wii U, ick hör dir trapsen, aber es gibt wirklich Schlimmeres.

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Zum Beispiel das hier: Ja, die Fernbedienung hat eine Handschlaufe. Das mag für den ausrastenden Casual-Gamer von Vorteil sein, wirkt aber generell etwas akward. Sei's drum, kostet eh extra: 15 Euro.

Überzeugen kann der neue Apple TV bei der Software, sprich der Navigation durch das Interface. Wer ein iOS-Gerät hat oder auch einen älteren Apple TV, fühlt sich sofort zu Hause. Die Organisation der Streaming-Angebote und Apps ist einfach und unkompliziert, und Apple versucht nicht, die Userinnen und User dazu zu bewegen, Inhalte aus iTunes zu kaufen, wenn sie gleichzeitig vielleicht umsonst verfügbar sind. Hier kommt die universelle Suche ins Spiel: Sucht man nach bestimmten Inhalten, werden einem die systemweiten Ergebnisse angezeigt: Ja, ich will „24“ anschauen. Aber vielleicht nur eine bestimmte Staffel, in der Jack Bauer den besten Stunt der Welt aufführt. Habe ich ein Netflix-Abo, werden mir die verfügbaren Folgen ebenso angezeigt wie das verfügbare Material auf iTunes. Was heißt, dass ich im Zweifelsfalls nicht extra bezahlen muss. Löblich. Was mit Netflix funktioniert, geht mit Amazon Instant Prime Video übrigens nicht: Das Video-Angebot des Online-Händlers ist schlichtweg nicht verfügbar. Ob sich das ändern wird, darf bezweifelt werden:

Amazon hat alle Streaming-Boxen anderer Hersteller aus dem Programm genommen. Da ist es eher unwahrscheinlich, dass man eine App für den Apple TV auf den Weg bringt: Der Krieg der Content-Anbieter ist in vollem Gange.

Wie ist das also nun mit dem Interface und der Navigation? Hier spielt Apple seine gesamte Kompetenz und Erfahrung aus. Klar und reduziert zeigt sich die Benutzeroberfläche des Apple TV, die Bedienung mit der Siri Remote geht locker von der Hand, das Touchpad hilft dabei enorm. Zwar widersprechen die animierten und „wiggelnden“ Animationen der App-Icons im UI des Apple TV ein wenig der seit IOS 7 geltenden „Flat-Design-Regel“, die sich Apple selbst auferlegt hat. Aber geschenkt. Es braucht kein Handbuch, keine Tipps, keine Haareraufen, wie das bei Amazons Fire TV immer wieder der Fall ist. Das Touchpad hilft dabei, aber auch eine grundlegend andere Herangehensweise an das Design von Interfaces. Apple kann das.

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„One Nation under God has turned into One Nation under the influence of one drug“

(The Disposable Heroes Of Hiphoprisy, 1991)

##Lokalisierung
Das löst natürlich nicht die grundlegenden Probleme des „Internet-Fernsehens“ in Deutschland anno 2015. Und das ist auch der Grund, warum Apple nach wie vor nur – wie alle anderen Mitbewerber auch – „nur“ Streaming-Boxen auf den Markt bringt und keine eigenen „echten“ Fernseher. TV ist ein lokales Geschäft, da kann man noch so viele fun games als App bereitstellen. Der Konsument fragt sich: Warum gibt es die Mediathek des ZDF auf dem Apple TV, die der ARD aber (aktuell) noch nicht? Apple – genau wie jeder andere Hersteller solcher Boxen – lehnt sich zurück und hofft auf die Entwickler. Aber genau so läuft der Hase eben nicht. Es ist die Aufgabe eines globalen Konzerns, sich um Lokalisierungen zu kümmern. Damit die Basics abgedeckt sind, damit die Entkopplung des Fernsehens vom Echtzeit-Flow auch wirklich bei allen ankommt. Nur so kann das Fernsehen wirklich in der Zukunft ankommen. Mit Spielen, anderen, „echten“ Apps, Second-Screen-Inhalten usw. ist es nicht getan. Wäre das die Lösung, dann schriebe man nicht „TV“ auf die Box, sondern „Games and more Konsole“. Allein das ist schon super und toll, aber eben kein Fernsehen. An diesem Problem scheitert nicht nur Apple, das tun alle Firmen, die solche Boxen im Angebot haben. Das disruptive Moment unseres Medienkonsums braucht Ordnung. Hier hat Apple genauso wenig anzubieten wie Amazon oder Google. Lässt man sich auf diesen Gemischtwarenladen aber ein, gibt es aktuell, Ende 2015, kaum eine bessere Streaming-Kiste als den Apple TV. Der kann zwar immer noch kein 4K, die Speedports dieser Welt können das aber auch nicht. Also: alles gut.

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