Snackable MassenvernichtungsfantasieFilmkritik: „Independence Day: Wiederkehr“

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Alle Fotos: © 2016 Twentieth Century Fox

Mit Independence Day (1996) katapultierte sich der deutsche Regisseur Roland Emmerich auf direktem Wege in die A-Liga Hollywoods. Lange wurde eine Fortsetzung geplant, die Umsetzung scheiterte jedoch immer wieder an Will Smiths Unwillen, noch einmal in die Rolle des Air-Force-Piloten und Alienbekämpfers Captain „Steve“ Hiller zu schlüpfen. Nun, 20 Jahre später, gibt es doch den zweiten Teil, und wohl bald auch den Dritten. Ohne Smith – dafür aber mit Bill Pullman, Jeff Goldblum und Charlotte Gainsbourg.

Ich erinnere mich vage daran, dass ich damals, als Roland Emmerichs The Day After Tomorrow (2004) anlief, etwas gedacht habe in der Richtung von: „Hauptsache, die Amerikaner werden einmal für die Gefahren der Erderwärmung sensibilisiert. Da ist es nicht so schlimm, dass der Film unvergleichlich doof ist.“ Dies als Haftungsausschluss nur einmal vorneweg, damit geklärt ist, was für ein fürchterlicher Mensch der Verfasser der folgenden Zeilen einmal war, oder – von mir aus – auch immer noch ist. Zu meiner Verteidigung: Das war eine andere Zeit damals. George Bush, der Jüngere, war der mächtigste Mann der freien Welt und im Begriff, noch einmal für vier Jahre vereidigt zu werden, während die Bundesrepublik die Schröder-Kanzlerschaft tagtäglich irgendwie verwinden musste. Aus reinem Selbstschutz konnte man als Bundesbürger gar nicht anders, als sich als etwas Besseres zu imaginieren und die Amerikaner mit Herablassung zu strafen. Nicht so wie heute, wo … äh … ach, fuck!

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Trash im ureigentlichen Sinne

Wir erinnern us: The Day After Tomorrow ist jener Film, in dem Jake Gyllenhaal von Frost verfolgt wird. Emmerich beschleunigte für seine „Ökothriller“ mal eben den Klimawandel, damit er eine Verfolgungsjagd einbauen konnte. In 10.000 BC (2008) fällt Höhlenmensch D’leh (Steven Strait) einen schneebedeckten Berg herunter, um direkt im subtropischen Urwald zu landen. Und im Vorgänger von Independence Day: Wiederkehr zerlegen die Helden die außerirdische Flotte mit Schadsoftware. Man könnte fast behaupten, dass Emmerich keine Idee zu bescheuert ist, dass sie nicht mit anderen bescheuerten Ideen zusammengezwungen werden könnte. Man könnte das aber auch positiv wenden und die Meinung vertreten, dass Emmerich wahrhaft heroisch über so Nebensächliches wie Realitätsnähe und Kohärenz drüber springt, um bitte, bitte bloß nicht zu langweilen. Mit Ausrufezeichen! Emmerich macht Trash im ganz ureigentlichen Sinne, kein Meta-Trash, wie ihn alle anderen Blockbuster-Manufakturen mittlerweile ausspucken. Platz für Ironie ist in seinen Filmen durchaus, die ist aber eher selten selbstreferentiell. Emmerich weiß, dass Independence Day: Wiederkehr Stuss ist und wird sich nicht dafür entschuldigen!

Kaum ein anderer Regisseur ist so in der Lage, Guilty Pleasures zu fabrizieren wie der Deutsche – ich kenn da den/die eine/n oder andere/n, der/die auf Stargate (1994) oder Universal Soldier (1992) oder eben auf den ersten Independence Day schwört. Ich selbst fand Joey (1985) ganz cool damals. Das ist der mit der gruseligen Bauchrednerpuppe.

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Independence Day: Wiederkehr spielt 20 Jahre nach den Geschehnissen des ersten Teils. Die Technologie der Außerirdischen wurde mit der der Menschheit amalgamiert, was das Antlitz des Planeten nachhaltig beeinflusst hat. Ein Verteidigungsgürtel aus Killersatelliten umkreist die Erde. Hinter diesem wähnen sich die Menschen in Sicherheit und bereiten sich auf das Jubiläum ihres globalen Unabhängigkeitstages vor. Doch die Zeichen mehren sich, dass es mit der Ruhe bald vorbei sein könnte: So erwachen die in der Area 51 gefangenen fremden Weltraumpiloten aus ihrem Koma, ein geheimnisvolles außerirdisches Objekt gibt der Menschheit Rätsel auf und die, die telepathisch mit den Besuchern verbunden waren, wie der Ex-US-Präsident (Bill Pullman) und der Mad Scientist Dr. Okun (Brent Spiner), werden von Alpträumen geplagt. Werden die Aliens wiederkehren, um zu Ende zu bringen, was sie begonnen haben? Ja, werden sie! Nach einer gefühlten halben Stunde kracht schon die eine Stadt auf die andere drauf.

Im großen und ganzen ist Independence Day: Wiederkehr genau das, was die Werbung verspricht:

Rechte, immerhin nicht rechtsradikale Science Fiction, die sich die gesamte Menschheit vereinigt wünscht und gegen einen gemeinsamen Feind antreten lässt.

Man kann sich ja schon einmal fragen, warum linke Sci-Fi-Erzählungen, vom Schlag von Der Tag, an dem die Erde stillstand (2008), zur Zeit offenbar weit weniger populär sind als ihre rechten Varianten. Aus jüngster Zeit fällt mir nur Midnight Special (2016) von Jeff Nichols als ein Sci-Fi-Film ein, der nicht die These vertritt, dass alles Nichtmenschliche gemordet werden müsse. Vermutlich braucht dieses verfluchte Usurpation Anxiety Syndrome, das laut George Saunders Trump-Wähler umtreibt, einfach ein Ventil.

Charlotte Gainsbourg

Das Kinn von Charlotte Gainsbourg

Und ja, wieder einmal sind alle bombastischen Szenen bereits im Trailer zu bewundern. Für jene, die meinen, ihre Zeit sei so unfassbar kostbar und besser genutzt für Kindererziehung oder Fussballstadion-Besuche, langt es wohl, den Link anzuklicken und ein Häkchen hinter das Thema zu machen. Alle anderen bekommen einen recht albernen, kurzweiligen und leichtfüßig inszenierten Action-Mumpitz ab – so leichtfüßig, wie eine derartige Massenvernichtungsfantasie eben sein kann. Abseits von den großen Actionsequenzen sind da so ein paar Elemente drin, die dafür gesorgt haben, dass mir Wiederkehr besser gefallen hat, als ich es vermutet hätte. Da erwacht Dr. Okun aus seinem 20-jährigen Schlaf, um von seinem Lebenspartner Milton in Empfang genommen zu werden. Wenn Milton Zugang zu Okuns Krankenbett hat, heißt das dann, dass sie verheiratet sind? Seit mindestens 20 Jahren? Also bevor das in unserem Paralleluniversum legal wurde? Das ist doch ein schöner Gedanke. Schön, dass das ganz selbstverständlich neben den vielen heterosexuellen Paarungen in Wiederkehr herumstehen kann.
Dann gibt es da noch einen Bonding Moment zwischen einem weißen, bebrillten Nerd und einem afrikanischen Warlord, der mich, obwohl ich es eigentlich besser wissen müsste, irgendwie gerührt hat. Einen kurzen Blick auf Robert Loggia kann man erhaschen, kurz vor seinem Tod im letzten Jahr. Charlotte Gainsbourgs einzigartiges Kinn. Und natürlich Jeff Goldblum! Jeder Moment, den man mit Jeff Goldblum teilen darf, ist ein guter Moment. Keine Sorge, da sind auch ein Haufen Modelltypen im Film, für die, die nicht so auf Charakterköpfe stehen. Kaum vermisst hab ich Will Smith, der sich ja eh von der tentakelbewehrten Gegenseite hat abwerben lassen, der Blödmann.

Independence Day: Wiederkehr
USA 2016
Regie: Roland Emmerich
Drehbuch: Nicolas Wright, James A. Woods, Dean Devlin, Roland Emmerich, James Vanderbilt
Darsteller: Liam Hemsworth, Jeff Goldblum, Jessie T. Usher, Bill Pullman, Maika Monroe, Brent Spiner, Sela Ward, Charlotte Gainsbourg
Kamera: Markus Förderer
Schnitt: Adam Wolfe
Musik: Harald Kloser, Thomas Wander
Laufzeit: 120 min

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