Was ist das für 1 Hundeleben?Filmkritik: „Wiener-Dog“

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Alle Fotos: © 2016 PROKINO

Vier Geschichten, nur verknüpft durch einen Dackel namens Wiener-Dog. Der gleichnamige Film von Todd Solondz potraitiert das Hundeleben. Allerdings weniger das des Vierbeiners, als vielmehr das seiner unzufriedenen Besitzer. Und vielleicht ist es wiederum genau das, was das Leben eines Hundes eigentlich ausmacht. Tim Schenkl hat sich den Film für uns angesehen.

Auf die Frage, was ihn zu seinem neuen Film Wiener-Dog bewogen habe, gibt der US-amerikanische Indie-Regisseur Todd Solondz (Happiness, Storytelling) zu Protokoll, dass er einfach mal einen Hundefilm drehen wollte. Als wichtige Inspirationsquellen nennt er den ersten Teil der Benji-Serie Benji – Auf heißer Fährte (1974) sowie Robert Bressons Passionsgeschichte eines Esels Au Hasard Balthazar (1966). Doch qualifiziert sich Wiener-Dog überhaupt für das Genre des Hundefilms? Trotz der starken Bildpräsenz seines vierbeinigen Protagonisten, einem Dackel, der im Laufe des Films unterschiedliche, wenig schmeichelhafte Namen trägt – als wäre sein umgangssprachlicher Rassenname (der Filmtitel) im Englischen nicht schon genug Anlass für zweideutige Wortspiele – erweist sich diese Kategorisierung bei näherer Betrachtung als nur schwer haltbar.

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Wiener-Dog besteht aus insgesamt vier Episoden: In der ersten wird der zu diesem Zeitpunkt noch namenlose Dackel zunächst in ein Tierheim gebracht. Doch der Vater (Tracy Letts) des gerade von einer Krebserkrankung geheilten Remi (Keaton Nigel Cooke) will seinem Sohn eine Freude machen und holt den Vierbeiner raus. Remi nennt seinen neuen Spielkameraden schlicht Wiener-Dog – deutsch: Dackel. Doch die Freundschaft der Beiden endet noch bevor sie richtig angefangen hat. Denn nachdem der Hund zum zweiten Mal das Haus vollgeschissen hat, ziehen Remis Eltern die Reißleine und wollen das Tier schnellstmöglich einschläfern lassen.
Die Tierarzthelferin Dawn Wiener (Greta Gerwig) hat jedoch Mitleid mit dem Hund und nimmt sich seiner an. Aufgrund seiner Verdauungsprobleme gibt sie ihm den Namen Doody, was ins Deutsche übersetzt wohl soviel wie „Kacka“ heißt.

Dawn Wiener kennen Fans von Todd Solondz noch aus seinem Debütfilm Welcome to the Dollhouse (1995). Das kleine Mädchen mit der unförmigen Brille wurde damals auf dem Schulhof von ihren Mitschülern als Wiener-Dog beschimpft und scheint die Rolle der nerdigen Außenseiterin bis heute nicht wirklich abgelegt zu haben.

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Als sie zufällig einen der Schulhof-Bullies trifft, den heute drogenabhängigen Brandon (Kieran Culkin), mit dem sie eine heimliche und flüchtige Liebesbeziehung verband, begibt sie sich spontan mit ihm plus Dackel auf einen Roadtrip nach Ohio. Unterwegs statten sie Brandons Bruder Tommy (Connor Long) und dessen Lebensgefährtin April (Bridget Brown), die beide an Trisomie 21 leiden, einen Besuch ab.
In Episode 3 ist dann plötzlich Professor Dave Schmerz (Danny DeVito) im Besitz des Wiener-Dogs. Der Name ist Programm, Schmerz ist Drehbuch-Dozent an einer New Yorker Filmhochschule und scheint mit dem auf ständiger Evaluierung und immensem Leistungsdruck basierenden Akademie-Alltag schon lange nicht mehr kompatibel zu sein. Daher wünscht er sich nichts sehnlicher, als noch einmal ein Drehbuch nach Hollywood zu verkaufen.
In der letzten Episode des Film wechselt der tierische Protagonist dann noch einmal den Besitzer. Sein neues Frauchen ist eine zynische alte Dame (Ellen Burstyn), die überraschend Besuch von ihrer Enkelin (Zosia Mamet) und ihrem schwarzen Boyfriend (Michael Shaw) bekommt, einem überheblichen Avantgarde-Künstler. In einer kurzen Traumsequenz wird die Dame an verpasste Gelegenheiten aus der Vergangenheit erinnert.

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##Mr. Misery
Den größten Vorwurf, den man Wiener-Dog machen muss, ist, dass der Film seine titelgebende Hauptfigur viel zu schnell aus den Augen verliert und diese ab Episode 2 fast nur noch eine strukturelle und kaum noch eine erzählerische Funktion einnimmt. In Episode 3 wirkt die narrative Einbindung des Tieres als Bombentransporteur arg an den Haaren herbeigezogen und in Episode 4 muss der Hund dann eigentlich nur noch für einen kurzen Gag herhalten, wenn nämlich die Enkelin ihre Großmutter fragt, wie denn ihr neuer Hund heiße und diese antwortet: „Cancer“.
Über seine vermeintliche Aufgabe, einen Film über die Erlebnisse eines Hundes zu drehen, setzt sich Todd Solondz einfach hinweg und macht genau das, was er eigentlich immer macht: Filme über verschrobene Außenseiter, die am Leben leiden, und sadistische Arschlöcher, die ihre Mitmenschen terrorisieren. Doch irgendwie will der Funke diesmal nicht so richtig überspringen, was auch an der zusammenhangslosen Episodenstruktur liegt, die ein Eintauchen in die Filmhandlung äußerst schwer macht. Darüber hinaus wirkt der Film häufig arg uninspiriert und scheint in Miserabilität und Selbstmitleid zu versinken. Doch es gibt auch tolle, extrem – Achtung Wortwitz – bissige Momente: z.B. wenn Remis Mutter eine Geschichte von einem Vergewaltiger-Hund namens Mohammed erfindet, um ihren Sohn einzuschüchtern oder wenn Dawn Wiener auf ihre Frage an drei per Anhalter reisende Mariachi, ob es ihnen denn in den USA gefalle, die Antwort erhält: Eigentlich wäre man viel lieber wieder in Mexiko, weil in Amerika einfach alles nur traurig, deprimierend und einsam sei. Ein wahres Hundeleben halt!

Wiener-Dog
USA 2016
Regie & Drehbuch: Todd Solondz
Darsteller: Keaton Nigel Cooke, Tracy Letts, Julie Delpy, Greta Gerwig, Kieran Culkin, Danny DeVito, Ellen Burstyn, Zosia Mamet, Michael Shaw
Kamera: Ed Lachman
Musik: James Lavino
Laufzeit: 90 min
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