Labelportrait: Berceuse HeroiqueKanalratten-Techno für den Weltuntergang

berceuse heroique

Lang lebe EDM! Die haltlose Mainstreamisierung von House und Techno führt am anderen Ende des Spektrums zum Rückzug in immer sprödere Nischen und Verweigerungshaltungen. Endlich sind die Feindbilder wieder klar umrissen.

Ernsthaft: So einfach ist es natürlich nicht. Über Frontenbildung durch Massenphänomene kann man ausführlich streiten, aber eines wird dabei immer sehr klar: Es gibt ihn, den Underground, und er blüht im Schatten der medialen Aufmerksamkeit ganz besonders auf. Ein neues Label aus London setzt das Differenzspielchen fort: Berceuse Heroique (BH). Das bedeutet übersetzt so etwas wie „heldenhaftes Wiegenlied“ und ist auch der Titel eines Klavierstücks von Claude Debussy. Seit letztem Jahr sind dort knapp zehn Maxis erschienen oder stehen kurz davor. Sie kommen von noch so gut wie unbekannten Produzenten wie Ekman und Gesloten Cirkel oder von solchen, die sich bei nahestehenden und ähnlich operierenden Labels wie The Trilogy Tapes, L.I.E.S. und Opal Tapes schon Underground-Fame verdient haben: Maxmillion Dunbar, MGUN oder Vereker. Komplettiert wird BH von einem Sublabel namens ΚΕΜΑΛ, das für Wiederveröffentlichungen zuständig ist. Dort erschien im Januar eine ziemlich eigen- und einzigartige Compilation namens Music Of The Firewalkers, mit Aufnahmen von religiösen Ritualen in Griechenland Ende der 70er-Jahre.

Mit Katalognummer 005.5 ist gerade eine Platte von Tuff Sherm alias Dro Carey erschienen, mit drei großartig unantastbaren Tracks. Genau für solche Nummern hat man im Technojournalismus die Hilfswörter „Killer“ und „Slammer“ eingeführt, um irgendwas gegen die eigene Sprachlosigkeit zu unternehmen. Lass scheppern!

Tuff Sherm

Lässt scheppern: Tuff Sherm alias Dro Carey

Auch die B-Seite mit einem Remix von Delroy Edwards, L.I.E.S.-Stammspieler und Kumpel von Label-Chef Ron Morelli, bringt die Sache auf den Punkt: dichte, analoge Tiefe, die summt: House is a feeling.

Der Grundton von BH ist hart, der Sound - wie sollte es anders sein - stark beeinflusst von den großen Traditionslinien aus Detroit und Chicago, und auch sonst stimmt die Underground-Attitüde: Kleinstauflagen, No-Repress-Politik, prädigitales Agitprop-Artwork, und rotzige, aber nicht unsympathische Ansagen wie „We are here to release some bad ass beats. Nothing more, nothing less.“ Sagt der Mensch hinter Berceuse Heroique, der sich gern Gizmo nennt, und wahrscheinlich Kemal heißt. Ein bisschen Maskierung gehört schließlich auch zum guten Ton. Seine beiden Labels hat er gegründet, als er nach London zog und einen kreativeren Ausgleich zu seinem täglichen Brotjob suchte: „I funded the whole thing myself and started releasing stuff that most of the people told me ‚no one would buy‘.“

Words like ‚conceptual‘ or ‚curating‘ make us vomit.

Natürlich ist es genau anders herum, jedes Release ist längst ausverkauft. Besonders experimentell sind die BH-Platten auch nicht, sondern unmissverständliche Hits für den Kellerclub: „The core of BH is that it has to be raw and heavy on the dance floor without being DJ friendly. We release mostly dance music and we are proud of it. Words like ‚conceptual‘ or ‚curating‘ make us vomit.“ Attitüde ist gut, doch da sieht man schon, wie schwierig es mit der Abgrenzung ist. Ein vernünftiger DJ serviert diesen Londoner Kanalratten-Techno eben auch den Partymäuschen bei der Galerieeröffnung. Und das ist doch eigentlich auch gut so.

Außerdem: Kein Konzept ist auch ein Konzept. Der deutsche Bundesadler als Logo, die schwarz-weißen Inserts mit Fotos von französischen Faschisten und politischen Zitaten in Schreibmaschinen-Typo - die ganze Ästhetik verlängert die gefühlte Protesthaltung. Doch diese läuft ohne Agenda und ist ziemlich resignativ: „There is no message or solution in our shitty artwork. It is just either my mood at the time or a picture of everyday life on this god-awful planet.“ Vielleicht eine etwas ungesunde Einstellung, aber mal ehrlich: Schlechte Laune ist in diesen Zeiten von Kalter Krieg 2.0 und all dem anderen Mist auch nicht unangebracht. Die klassische Frage an einen Labelmacher, was denn nun als nächstes rauskommt, war in diesem Fall dann auch die falsche: „I hope the end of the world is coming up.“

Das kommt bestimmt, aber mit Sicherheit auch die nächste Platte. Bis also die Bassdrums der Apokalypse ertönen, sollte man unbedingt noch den folgenden kleinen Querschnitt der bisherigen Berceuse-Heroique-Veröffentlichungen gehört haben. Die Platten dazu gibt’s sowieso nicht mehr. Kauft ja keiner.

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