Wochenend-WalkmanDiesmal mit Julia Holter, Disclosure und Synkro

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Drei Alben, drei Tipps, drei Meinungen. In unserer samstäglichen Filter-Kolumne wirft die Redaktion Musik in die Runde, die erwähnenswert ist. Weil sie neu ist, plötzlich wieder relevant, gerade entdeckt oder nie vergessen.

Julia Holter Have You in My Wilderness Cover WW26092015

##Julia Holter - Have You In My Wilderness
Ji-Hun: Wenn Künstler eine Trilogie beendet haben, hängt das Thema den Kreativen lange nach. Zu groß ist das Referenzwerk, zu hoch die Erwartungen, die an einen Nachfolger gestellt werden. Das war bei Christopher Nolan (The Dark Knight) so, bei Peter Jackson (Herr der Ringe), George Lucas sowieso (Star Wars), aber auch bei der kalifornischen Musikerin Julia Holter, die mit ihrer Album-Trilogie „Tragedy“ (2011), „Ekstasis“ (2012) und „Loud City Song“ (2013) Kritiker und Community zu gemeinsamen Jubelgesängen in der Indie-Nordkurve hinreißen konnte. Gerade zwei Jahre nach „Loud City Songs“ erscheint nun „Have You In My Wilderness“. War die Musik von Julia Holter bislang verhalten, enigmatisch, teils auch schüchtern, knallt das neue Album mit Cembalo und Bombast-Kammerpop souverän los. Es scheint anschlussfähiger, pop-permeabler, zugänglicher und wird ebenso vermarktet. Das alleine ist Grund zur alltagsüblichen Sellout-Skepsis, allerdings ohne Grund. Von Song zu Song zieht das Album einen tiefer rein. Edler, kluger Hochglanz-Pop, so wie man ihn sich für die ersten feuchtkühlen Wochenenden mit Pantoffeln wünscht.

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Disclosure Caracal

##Disclosure - Caracal
Benedikt: Ich mag Disclosure nicht. Viele Songs kann ich nicht einmal bis zur ersten Hook ertragen – Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel. Ich höre mir dieses Album auch gar nicht als Disclosure-Album an. Ich höre es mir an, weil zum Beispiel Weeknd Teil von „Caracal“ ist. Der kanadische R’n’B’ler, der sich in der US-amerikanischen HipHop-Szene zu einem der begehrtesten Sänger gemausert hat. Ich höre es mir an, weil sich Miguel darauf die Ehre gibt: ebenfalls R’n’B-Sänger mit großartigen Features in den letzten Monaten und Jahren („Everyday“ von A$AP Rocky mit Rod Stewart; „Power Trip“ von J. Cole). Ich höre mir Disclosure an, weil sie sich mit Kwabs und Gregory Porter zwei der talentiertesten Jazz- und Soul-Sänger der Gegenwart auf die Platte geholt haben. Ich höre mir das Album der beiden Popstep-Brüder an, weil ich auf die Stimme der neuseeländischen Lorde im Gewand des Disclosure-Sounds gespannt bin [Anmerk. der Redaktion: Lorde gehört neben Jessie Ware, Nicki Minaj und FKA Twigs zu den Celebrity-Crushes des Autors, Objektivität ist an dieser Stelle nicht gegeben]. Kurzum: Es gibt viele Argumente, diesem Album zumindest eine Chance zu geben – selbst wenn Disclosure selbst keines davon ist.

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Synkro - Changes

##Synkro - Changes
Thaddeus: Ist das wirklich das erste Album von Joe McBride? Große Verwunderung, aber auch große Freude, dass sich der Produzent aus Manchester nach 39 (!) EPs endlich dazu durchringen konnten, vier Tracks mehr in einen Release zu kippen und so ein Häkchen hinter die Kategorie „Album“ zu setzen. Gut gemacht. Synkros Musik ist schon lange nicht mehr die Mischung aus Drum and Bass und Garage, mit der er einst auf der Bildfläche auftauchte, auf Labels, die sich für einen kurzen Moment in der Geschichte auf die britische Underground-Tradition besannen und Maxi um Maxi rausfeuerten, schlechtes Artwork immer inklusive. „Changes“ ist eine dunkle Angelegenheit, mit vielem ganz offensichtlichen Burial-Einflüssen, immer neu gesichtet und geschichtet durch die Bladerunner-Brille. McBride hat keine Angst vor Pathos, den ganz großen Gesten, heftig ausufernden Moll-Orgien, viel Hall und allem, was sonst noch dazugehört. Vielen wird das nicht so richtig passen, auch, weil es ob der auf Albumlänge gesehen wenigen Beats wie eine dicke Schicht Erdnussbutter an den Ohren klebt. Aber es gibt eben Stimmungen, die man mit der Zeit so lieb gewinnt, so verinnerlicht, dass man sich auch die x-te Iteration immer noch gerne anhört. Ungefähr so funktioniert Synkro. Hier sucht jemand den melancholischen Fokus. Und produziert gleichzeitig die Instrumentals für Drakes nächstes Mixtape.

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