Wir ham’ kein Ziel, aber wir fahr’n losFilmkritik: „Tschick“

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Alle Fotos: STUDIOCANAL

„Tschick“ ist der beste und wichtigste Coming-of-Age-Roman der deutschen Gegenwartsliteratur, sein Autor ist der viel zu früh verstorbene Wolfgang Herrndorf. Nach Adaptionen für das Theater nun der Kinofilm. Ausgerechnet Fatih Akin zeichnet für diesen verantwortlich. Geht das? Tim Schenkl war für Das Filter schon mal im Kino.

In den ermüdenden und sich immer stärker um sich selbst drehenden Debatten über den deutschen Film und seine internationale Reputation fällt der Name Fatih Akin selten bis gar nicht. Dabei ist der in Hamburg geborene Regisseur, dessen Eltern in den 1960er-Jahren aus der Türkei nach Deutschland kamen, mit seinen Filmen regelmäßig Gast bei den großen Festivals in Cannes, Berlin, Locarno und Venedig. Er wurde dort auch schon häufiger mit Preisen ausgezeichnet.
Fatih Akins Diskurs-Abwesenheit hat einerseits sicher damit zu tun, dass man sich in Deutschland weiterhin äußerst schwer damit tut, einen „Schwarzkopf“ mit dem türkischen Vornamen Fatih als „einen von uns“ zu akzeptieren, und ist anderseits wohl auch darin begründet, dass der Filmemacher sich ganz offensichtlich in seiner Außenseiter-Rolle recht wohl fühlt. Er entgeht jeglicher Kategorisierung zusätzlich immer wieder dadurch, dass er bei der Auswahl seiner Stoffe äußerst heterogen und unberechenbar agiert. Neben roughen Migrations-Geschichten wie Kurz und schmerzlos und Gegen die Wand zählen große internationale Dramen wie The Cut und Auf der anderen Seite, aber auch die Low-Brain-Hamburg-Komödie Soul Kitchen und das leichte Roadmovie Im Juli zu seiner Filmographie. Darüber hinaus ist Akin Dokumentarfilmer und war an den Arthouse-Publikums-Provokationen Blutzbrüdaz und Kebab Connection beteiligt.

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##Bleibt alles anders
Auch bei Fatih Akins neuem Filmprojekt Tschick soll offensichtlich wieder alles ein wenig anders sein. Der Abspann des Films, während welchem der Track „Thomas Anders“ vom neuen Album der Hamburger Hip-Hop-Veteranen Beginner zu hören ist, macht dies noch einmal besonders deutlich: „Und ich sag: Sorry Baby, dass ich anders bin“, nölt Eizi Eiz aka Jan Delay im Refrain des Songs und feiert genau die Art von unapolegetischer Andersartigkeit, die Fatih Akin immer auszeichnete – und die den Beginnern längst abhanden gekommen ist. Doch Vorsicht! Bei Fatih Akins neuem Werk Tschick handelt es sich nur bedingt um einen Fatih-Akin-Film. Der Hamburger stieß erst sieben Wochen vor Drehbeginn zur Filmcrew, fungierte nicht wie sonst als sein eigener Produzent und überarbeitete lediglich gemeinsam mit Hark Bohm das Drehbuch von Lars Hubrich, das auf dem über zwei Millionen Mal verkauften Roman von Wolfgang Herrndorf basiert.

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Die Bestseller-Verfilmung gehört zu den absoluten Lieblingsgenres des deutschen Kinopublikums. Fast jeder Regisseur von Rang und Namen durfte sich bereits mindestens einmal an der Verfilmung einer erfolgreichen Romanvorlage versuchen. Fatih Akins kurzfristige Zusage, für Tschick sein gewohntes Produktionsumfeld zu verlassen und als Regisseur einen Ausflug ins deutsche Mainstream-Kino zu wagen, überrascht dennoch. Nach dem bei Kritik und Publikum wenig erfolgreichen The Cut hätte man vermuten können, dass der Regisseur bei seinem nächsten Film eher auf Nummer Sicher gehen würde. Doch seine große Liebe zu Wolfgang Herrndorfs Roman soll den Hamburger Filmemacher letztlich dazu bewogen haben, das Risiko einzugehen und den Film in letzter Minute von David Wnendt (Kriegerin, Er ist wieder da) zu übernehmen.
Und tatsächlich ist Tschick ein Stoff, der wie für Fatih Akin gemacht zu sein scheint: Die Geschichte des jugendlichen Außenseiters Maik Klingenberg (Tristan Göbel), der sich in den Sommerferien gemeinsam mit seinem aus Russland stammenden Klassenkameraden Andrej „Tschick“ Tschichatschow (Anand Batbileg) in einem geklauten Lada auf eine Reise durch die ostdeutsche Provinz begibt, enthält gleich mehrere Motive – unter anderem das Reisen, das Male Bonding und die Sehnsucht nach dem anderen Geschlecht –, die man aus vielen anderen Filmen des Regisseurs kennt. Dazu kommen die tollen Handlungsorte in Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt: Fatih Akin und sein Kameramann Rainer Klausmann lassen sie tatsächlich wie blühende Landschaften wirken.

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##Deutsches Kommerz-Kino
Indem er viele Türen, die sich ihm öffnen, scheinbar ganz bewusst nicht durchschreitet, tappt Fatih Akin im Gegensatz zu so vielen namhaften deutschen Filmemachern vor ihm nicht in jene Fallen, die groß angelegte Literaturverfilmungen so bieten. Trotz aller visueller Verspieltheit wählt er immer lieber den Weg der Reduktion, des Weglassens und verleiht Tschick dadurch eine angenehme Bescheidenheit, die viele andere Großproduktionen so schmerzlich vermissen lassen. Da scheint es auch verzeihbar, dass auch dieser Film von Fatih Akin sich streckenweise wieder so anfühlt, als bekomme man auf der Leinwand die Umsetzung eines während der Pre-Production entstandenen Storyboards vorgesetzt. Ein wenig mehr Freiheit, ein bisschen mehr Erspüren mit der Kamera wäre manchmal dann doch ganz schön. Auch der starke 90er-Jahre-Look wirkt besonders zu Beginn des Films leicht irritierend und irgendwie unpassend für eine Story, die in der Gegenwart spielt. Doch im Großen und Ganzen gelingt es Fatih Akin und seinen jungem Darsteller-Team, der Bestseller-Verfilmung genügend erfrischende Andersartigkeit und Individualität einzuhauchen, ohne dabei den vielen Fans des Romans vor den Kopf zu stoßen. Ein Autorenfilm ist Tschick aber natürlich trotzdem nicht geworden. Tschick ist deutsches Kommerz-Kino, das niemandem so richtig weh tut (auch Ci­nephi­len nicht) und hebt sich deutlich positiv von Bestseller-Verfilmungen wie Das Parfüm und Die Päpstin ab. Akin gelingt es, authentische und berührende Performances aus seinen Schauspielern herauszuholen und dem Film einen durchaus mitreißenden Drive einzuhauchen.

Die nächsten Projekte des Regisseurs stehen übrigens auch schon fest: Noch in diesem Jahr beginnen in Hamburg die Dreharbeiten zu Aus dem Nichts mit Diane Kruger, danach steht eine weitere Bestseller-Verfilmung auf dem Plan. Diesmal soll Heinz Strunks Roman „Der goldene Handschuh“ für die große Leinwand aufbereitet werden.

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D 2016
Regie: Fatih Akin
Drehbuch: Lars Hubrich nach dem Roman von Wolfgang Herrndorf
Darsteller: Tristan Göbel, Anand Batbileg, Mercedes Müller, Anja Schneider, Uwe Bohm, Udo Samuel, Marc Hosemann, Alexander Scheer
Kamera: Rainer Klausmann
Schnitt: Andrew Bird
Musik: Vince Pope
Laufzeit: 93 min
ab dem 15.9.2016 im Kino

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