Wochenend-WalkmanDiesmal mit Tindersticks, Tortoise und Little Simz

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Drei Alben, drei Tipps, drei Meinungen. In unserer samstäglichen Filter-Kolumne wirft die Redaktion Musik in die Runde, die erwähnenswert ist. Weil sie neu ist, plötzlich wieder relevant, gerade entdeckt oder nie vergessen. Und im Zweifelsfall einfach ein kurzweiliger Zeitvertreib ist.

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Tindersticks – The Waiting Room

Thaddeus: Stuart Staples' Band ist einer meiner soft spots. Es war einfach zu prägend, als ich – ganz zufällig – ca. 1854 in einem verrauchten Londoner Pub (verraucht vor allem deshalb, weil Staples so unfassbar Kette rauchte) die Band live erlebte. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Tindersticks gerade ihr erstes Album veröffentlicht, wenn ich mich recht erinnere. Und ich machte mir Sorgen um Staples. Der erste sterbende Rockstar, den ich selbst erlebte, dessen Dahinsiechen ich begleiten würde, dachte ich bei mir: Es würde nicht lange dauern. So viel Whiskey hält niemand aus, so viel offensichtliche Traurigkeit keine Seele. Es kam anders. Zum Glück. Und mit den Jahren veränderte sich auch die Musik der Band. Wurde „fröhlicher“, fast schon „optimistisch“. Die Melancholie neu verpackt. „The Waiting Room“ ist ihr 22. Album. Zu dieser Diskographie zählen auch allerhand Live-Aufnahmen und Film-Soundtracks, die Zahl ist also etwas gemogelt. Macht aber nichts. Auch, dass längst nicht alles gut war und ist: egal. Wichtig: Die neue Platte hat viel Fokus. Klingt wie eine Rückbesinnung auf die frühe Zeit der Band, ohne das morbide Drumherum. Mal tief und tränenreich, mal verhalten uptempo. Die vielleicht besten Songs, die die Band seit langer Zeit abliefert.

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Tortoise – The Catastrophist WW 23012016

Tortoise – The Catastrophist

Ji-Hun: Ganze sieben Jahre. So lange haben sich Tortoise noch nie für ein neues Album Zeit gelassen. Nun ist „The Catastrophist“ mit dem wohl bewusst antiästhetischsten Cover der mittlerweile 25-jährigen Bandhistorie erschienen. Ein aberwitziges Abschreckungsbild für jeden Kieferorthopäden. Tortoise aus Chicago haben in den 90ern den Rock neu erfunden. Ihnen zuliebe wurde das Genre Post-Rock geschaffen und noch immer spielen sie zwischen den Stühlen. Elektronik, Jazz, Indie, Funk, Krautrock und eben Post-Rock – alles findet sich auch auf „The Catastrophist“, das erfreulich erfrischend und kompakt klingt. Die Synthies braten wieder wie zu frühen Tagen. Die alten Weggefährten Trans Am kommen einem immer wieder in den Sinn. Und es ist ein tolles Album geworden. Tortoise sind demnächst auf Tour. Dürfte ein Highlight werden.

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Little Simz A Curious Tale of Trials and Persons Walkman Januar 2016

Little Simz – A Curious Tale of Trials + Persons

Benedikt: Was haben Kanye West, J. Cole, Jay Z, Drake, der A$AP Mob, Kendrick Lamar und ich gemeinsam? Wir (Anm.: mit denen wollte ich schon immer mal ein „Wir“ bilden) feiern Little Simz. Schon ihre Mixtapes überzeugten und letztes Jahr kam dann das Debütalbum „A Curious Tale of Trials + Persons“ auf ihrem selbstgegründeten Label AGE: 101 Music. Darauf zeigt sie sich so vielseitig wie zuvor, vielleicht eine Spur eingängiger. In jedem Fall aber großartig. Jetzt ist sie auf Tour und ich habe mich am Mittwoch von den Live-Künsten der gerade mal 21 Jahre jungen Britin überzeugen können. Klänge das Wort nicht so scheiße, würde ich die Show als „mindblowing“ bezeichnen. Denkt euch das für euch persönlich stärkste, positive Adjektiv, das man einem Konzert zuschreiben kann. Eine kurze Aufwärmphase hat sie gebraucht, dann aber ihre Flows in voller Länge und meist ganz allein durchgezogen. Fuck the Backup. Dazu die Beats, denen man bei voller Dröhnung – Bass rauf, Treble rauf – nochmal so richtig anmerkt, dass sie rein gar nichts mit der vom US-Rap gewohnten Beatstruktur gemein haben, sondern sehr viel komplexer daherkommen, britisch eben. Da tut sich das deutsche Publikum höchst schwer mit den passenden Armbewegungen. War aber auch egal. Sie hat abgerissen.

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