Kaufsüchtig und bocklosJohnny Depp spielt zum fünften Mal den Piraten Jack Sparrow

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Alle Fotos: © The Walt Disney Company

Rund 75 Millionen US-Dollar soll Johnny Depp für sein Mitwirken an „Pirates of the Caribbean: Salazars Rache“ erhalten haben. Alexander Buchholz kann dies nur schwer nachvollziehen und fragt sich außerdem, ob es überhaupt noch Sinn macht, weiterhin ins Kino zu gehen.

Den Piratenfilm neu erfinden wollte Jerry Bruckheimer damals im Jahr 2004, weiß James B. Stewart in Disney Wars zu berichten. Und so engagierte er mit Gore Verbinski einen „ehemaligen Rock’n’Roll-Gitarristen“ für die Regie sowie Arthouse-Darling Johnny Depp für die Hauptrolle. Depp hatte erst Bedenken, für Disney zu arbeiten, für einen Konzern, der für alles stand, was er selbst nicht sei:

„What can we do that will really freak the studio out?“ Depp wondered. „Pirates are gross and disgusting“, Verbinski pointed out, encouraging Depp to use his imagination. „Yeah! That’s great,“ Depp said. Then he had an inspiration: Jack Sparrow would already have had his nose cut off, leaving nothing but a bloody wound. „I could play the whole part without a nose!“ Depp enthused.“

Und das, liebe Kinder, ist der Grund, warum wir zukünftig Schauspieler weder für Wahlprognosen noch für Drehbuchideen zu Rate ziehen werden, ja? Jedenfalls nicht unbeaufsichtigt. Na gut, ganz fair ist das nicht: So wie Depp schließlich die Rolle in erster Inkarnation anlegte, das hatte schon was: Da delirierte er irgendwo zwischen Keith Richards und seinem Raoul Duke aus Fear and Loathing in Las Vegas und implementierte dies in eine gigantische Studioproduktion – und wir hielten das damals für subversiv, wenigstens ein bisschen. Depps „weibisches Gehabe“ und seine „schlechten Zähne“ haben den damaligen Disney-CEO Michael Eisner immerhin mächtig wütend gemacht, aber nur, bis dann die Einspielergebnisse reingerollt kamen.

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Heute ist alles sofort Franchise

Vierzehn Jahre nach dieser Neuerfindung in Bruckheimers Sinne ist alles nun ein wenig anders. Der Johnny Depp von Dead Men und Cry Baby ist dem Johnny Depp aus The Tourist und Alice im Wunderland gewichen. Gore Verbinski überlässt dem Regieduo Joachim Rønning und Espen Sandberg die Kontrolle über die Piratensaga, um selbst in Brandenburg und Umgebung Filmförderungsgelder zu verplempern und Arbeitsplätze zu sichern. Und die Kinokultur ist heute eine andere und, wenn man Pessimisten wie Bret Easton Ellis glaubt, im Begriff, völlig in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden. Damals gab es nur Sequels und vielleicht mal das ein oder andere Prequel. Heute ist alles sofort Franchise – ein weiterer Aufguss von dem Mist, über den ihr gerade lest, ist wohl bereits in der Mache. Das merkwürdige Ende von Teil 5, das plötzlich Orlando Bloom und Keira Knightley, die beide eigentlich gar nicht mitspielen, und das gelangweilte Publikum noch einmal vereint, kann man deswegen auch nicht wirklich „spoilern“, weil das ja bereits in Teil 1 passiert ist.

Pirates, also alle Teile, ist ein einziges wildwucherndes Mythologie-Gestrüpp, das keine Filmkritik mehr benötigt, eher schon ein eigenes Wiki, um der schieren Informationsflut beizukommen – eine willkürlich wirkende Abfolge von Ereignissen, von denen das Publikum gefälligst Kenntnis zu haben hat. Und wer keine Lust hat, vor dem Kinobesuch seine Hausaufgaben zu machen, soll sehen, wo er bleibt.

Im Zusammenhang mit der endlosen Flut an Comicverfilmungen bekundete Owen Gleiberman sein völliges Desinteresse an diesen „networks of storylines“, die diese ausmachen. Doch Marvels und DCs Modus Operandi hat mittlerweile auch Rest-Hollywood infiziert. Da wird enzyklopädisches Wissen generiert und immer wieder nur „worldbuilding“ betrieben, über das Nerd sich dann ereifern kann. Kann Nerd sich bitte mal verpissen!

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Twin Peaks ist wieder losgegangen

Pirates hat nicht nur längst aufgehört eine Geschichte zu erzählen – was der Originaltitel von Teil 5, Dead Men Tell No Tales, ja sogar unumwunden zugibt. Was auch immer Pirates eigentlich ist, es ist kein „Film“, den man „anschauen“ kann. Man kann vielleicht die Augen aufhaben, wenn man im Kinosaal sitzt, aber man wird dann durch die 3D-Brille keinen „Film“ sehen. Wir sehen einem Algorithmus dabei zu, wie er mit Babyschritten Bewusstsein entwickelt und uns mit einem großen CGI-Schlüsselbund vor der Nase herumklimpert, bevor er anfängt, die Menschheit satt zu haben und sich dazu entschließt, uns alle auszulöschen. War das nicht der Plot von Transcendence?

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Was auch immer „das“ ist, es ist um Depps augenscheinliche Bocklosigkeit heruminszeniert. 60 Millionen Britische Pfund oder 90 Millionen Australische Dollar soll Depp für sein, nun ja: „Mitwirken“ bekommen haben.

Wer ein Kinoticket kauft, macht sich nur daran mitschuldig, Johnny Depps Kaufsucht zu unterstützen.

Kaufzwang, auch Oniomanie, wird zu den Zwangsstörungen oder auch zu den Impulskontrollstörungen gerechnet und ist durchaus therapierbar. Ein erster Schritt wäre, ehrlich zu sein und sich einzugestehen, dass diese üppige Gage nicht dafür genutzt wird, um als Künstler autonomer zu werden und in der Lage zu sein, in anspruchsvollere Rollen schlüpfen zu können, sondern vor allem dazu, einen Haufen unnötigen Stuss zu kaufen, wie z.B. eine Insel. Dafür (!!!) findet Pirates einmal dann doch die richtigen Bilder, ganz am Anfang, wenn Jack Sparrows Männer eine ganze Bank klauen, aber in Folge der Verfolgungsjagd den Inhalt des Tresors über die ganze Stadt verteilen, sodass ihnen am Ende bis auf eine einzige Goldmünze nichts mehr bleibt.

Ich weiß hier nicht weiter. Was machen wir denn jetzt? Einfach nicht mehr ins Kino gehen? Auf was anderes draufschauen? Auf einen Stream? Twin Peaks ist ja wieder losgegangen. Weiß jemand, wo man das hier legal … äh … streamen kann? Na, ich wüsste was: Wer nicht auf Piraten verzichten will, soll zu Adult Swim rübberpaddeln und sich einmal am Stück die erste und einzige Staffel von The Drinky Crow Show zumuten. Hey, der Titelsong ist von They Might Be Giants!

Pirates of the Caribbean: Salazars Rache
USA 2017
Regie: Joachim Rønning, Espen Sandberg
Drehbuch: Jeff Nathanson
Darsteller: Johnny Depp, Javier Bardem, Geoffrey Rush, Brenton Thwaites, Kaya Scodelario, David Wenham
Kamera: Paul Cameron
Schnitt: Roger Barton, Leigh Folsom Boyd
Musik: Geoff Zanelli
Laufzeit: 129 min
ab dem 25.5.2017 im Kino

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