Buchrezension: Christian Kracht – Die TotenEine Phänomenologie des Klartraums

Christian Kracht Die Toten Cover

Der Superstar der deutschsprachigen Literaturszene Christian Kracht hat ein neues Buch veröffentlicht. „Die Toten“ nennt sich das Werk, ist 224 Seiten dick, möchte das Genre der „Gothic Novel“ wieder aufleben lassen und führt uns ins Japan, Amerika und Deutschland der 1930er Jahre. Kristin Steenbock hat das Buch für uns gelesen.

Noch vor dem offiziellen Erscheinungstermin des neuen Romans von Christian Kracht gab es einen kleinen Teaser aus dem Flechtwerk von Kritik, Verlegertum, Autorschaft und Unterhaltungsindustrie. Denis Scheck und der Autor selbst spielten in diesem postmodernen und schön anzusehenden Filmchen die Rolle zweier kauziger älterer Männer, die über das Erscheinen eines neuen Romans mit dem Aufbau eines Nō-Theaterstücks sprachen, in dessen Handlung es offenbar um einen Film mit dem Titel „Die Toten“ ging.

Vor ein paar Tagen nun echauffierte sich FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube lautstark über die Verfallserscheinungen der hiesigen Literaturkritik, die sich ihm angesichts jener Ausgabe von „Druckfrisch“ offenbarten. Eine Komödie nannte er die Sendung des ARD und wieder einmal drohte der Untergang des geliebten Abendlandes.

Dass aber die öffentliche Inszenierung bei Christian Kracht immer schon ein paratextueller Bestandteil seines Werks war, das lernt man in literaturwissenschaftlichen Einführungsseminaren. Man lernt dort nämlich, dass nicht nur der Erzähler nicht der Autor, sondern auch der Autor nicht der Autor ist. So ließe sich die kleine Komödie „Druckfrisch“ mit Denis Scheck und Christian Kracht ohne Weiteres auch als Verlängerung des Nō-Stücks „Die Toten“, nämlich als die das Stück begleitende Form Kyōgen lesen, in der nach alter japanischer Tradition zwei bis drei Männer slapstickartig und dialogisch die Nō-Handlung paraphrasieren.

Die kleinen Gesten, wie das leitmotivische Zurechtziehen der Manschetten, die sowohl das literarische Personal in „Die Toten“ als auch die Autorfigur Christian Kracht bei „Druckfrisch“ aufführen, sind es, die ein unsichtbares Band knüpfen zwischen Fakten, Fiktionen und Involvement. Heraus gekommen ist ein mit phänomenologischer Präzision inszeniertes Gesamtkunstwerk.

Und phänomenologisch geht es auch zwischen den Buchdeckeln zu: Ganz im Gegensatz zu den Filmen des nägelkauenden Regisseurs Emil Nägeli, von dessen Werk man sagt, es sei der Versuch einer Definition des Transzendentalen, geht es bei Kracht nicht zuletzt um die Zurschaustellung der puren Körperlichkeit. Es geht um Ohrenschmalz, um verfaulte Mundhöhlen, um das zuckrige Bouquet von Exkrementen, es geht um Verwesung und Pestilenz.

Neues Paradigma

Schon die Anfangsszene ist derart obszön gezeichnet, dass ein weiterer Protagonist, Masahiko Amakasu, den dort gefilmten rituellen Selbstmord nicht angucken kann und zu dem Urteil gelangt, dass man bestimmte Dinge einfach nicht abbilden dürfe. Dass der Schauplatz dieser Szene später der Hintergrund eines Höhe- und Wendepunkts sowohl des Romans als auch des innerliterarischen Films „Die Toten“ darstellt, ist bezeichnend. Ein Literat offenbart dem Regisseur Nägeli gegen Ende, dass es tatsächlich nur zwei große, eng miteinander verwandte Leitgedanken auf der Welt gäbe, nämlich den Sexus und den Freitod.

Ein Gedanke, der sich bereits in einer frühen Szene aus der Kindheit Amakasus manifestiert. Vorgeblich zum Spielen hinter einen Baum verschwunden, malt der Junge sich lustvoll das Panoptikum seiner eigenen Beerdigung aus. Bei der Vorstellung, seine Eltern würden mittels Essstäbchen seine Knochenreste aus seiner Asche sammeln, ejakuliert er „fluidumlos und leise keuchend gegen den Lindenbaum“.

Immerhin, knapp die Hälfte der Tode, die hier gestorben werden, sind vordergründig Selbstmorde. Aber wie frei gewählt ist ein Tod, der nur die Ermordung als Alternative hat, die Buße einer Verfehlung oder die Erfüllung eines Fluchs darstellt? Und wie „real“ ist eine Welt, in der solche Flüche Wirklichkeit werden, in der Bleistifte und Bäume auftauchen wie eine Cheshire Cat oder ein mechanischer Vogel den eigenen Kosenamen zum Zeichen des Lobes vom Baum zwitschert?

Es ist schon seltsam, wie viel in diesem Roman geschlafen wird und man wird angesichts dessen schnell gewahr, dass es hier nicht um diese oder jene Realität geht, sondern viel eher um eine luzide Form von Wahrheit, die sich auch in einem energischen Piks in die Augen zum richtigen Zeitpunkt offenbaren kann.

Vielleicht meinte Denis Scheck dies, als er sagte, der neue Roman von Christian Kracht bedeute für die Literatur das, was der Tonfilm für den Film bedeutete: Dass hier ein neues Paradigma erschaffen wurde, das den Leser in eine andere Art der Wahrnehmung versetzt. Ein Paradigma jenseits des gängigen Rituals, die Literatur zwischen zwei Buchdeckel zu bannen. Und dass es immer Kulturen gibt, die sich neuen Welten gegenüber verschließen.

Christian Kracht, „Die Toten“, ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.

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