Fragmente einer GroßstadtBordsteine in Neukölln

Fragmente einer Großstadt Bordsteine in Neukölln Full

Ob es wert ist, darüber einen Text zu veröffentlichen, bin ich ein wenig unsicher. Aber in Anbetracht der Tatsache, dass mich diese kleine, vermeintlich nichtige, alltägliche Begebenheit – eigentlich wäre hier der Begriff Unebenheit deutlich treffender – mindestens dreimal die Woche beschäftigt, beschließe ich nun: Raus damit. Vielleicht fühle ich mich künftig nicht mehr ganz so penetrant gelöchert von dieser Frage:

Wieso zum Teufel hat Neukölln so hohe Bordsteine?

Ich liebe meinen Kiez (und ich hasse es, diesen Berliner Satz zu sagen!), der sich entlang des Tempelhofer Feldes auf Neuköllner Seite zwischen Flughafen-, Hermann-, Oder- und Leinestraße erstreckt. Warum, kann wahrscheinlich jeder, der mal da war, verstehen. Und wenn nicht, ist das auch gar nicht weiter schlimm. Der Schillerkiez hat wirklich ziemlich viel zu bieten, ausgenommen Barrierefreiheit. Auf einer Skala von eins bis zehn mindestens null, oder weniger. Ich bin gern zu Fuß hier unterwegs. Das ist super entspannt, da man eher wenig Autos ausweichen muss und sich das Schlendern immer ein bisschen nach Urlaub anfühlt. (Nebenbei bemerkt: Anscheinend fühlt sich das Schlendern in einem relativ verkehrsberuhigten Bereich in Berlin tatsächlich schon allein aus diesem Grund nach Urlaub an … ziemlich günstig). Soweit so gut. Wenn ich nun aber mit meinem Hauptfortbewegungsmittel, dem Fahrrad, unterwegs bin, wird es schon etwas schwieriger. Nahezu alle Straßen, die zwischen Hermannstraße und Feld im rechten Winkel verlaufen, sind gepflastert. Und zwar mit ordentlichen Oschi-Steinen.

Schön für den Anblick aber schmerzhaft für einige Körperteile. Wenn ich also unbedingt da durch muss, weiche ich schonmal gern auf den Gehweg aus. Da sind die Pflaster-Steine ein bisschen weniger aufdringlich. Das Slalomfahren zwischen Hundehaufen und grimmigen Passanten läuft mittlerweile als erlernter Automatismus ab. Woran ich aber regelmäßig scheitere ist die Schlucht, die sich mir vor jeder einzelnen kleinen Querstraße auftut. Ausgebremst stehe ich vor einem 20 Zentimeter hohen steilen Gefälle, was sich Bordstein nennt. Da gibt es dann verschiedene Möglichkeiten: Absteigen und Rad über die Straße schieben; Aus dem Sitz heraus kommen und vorsichtig, halb stehend, halb fahrend, runter rollern; oder voller Hoffnung an Reifen und Körperhaltung einfach den Abgrund hinab stürzen. Spätestens beim erfolgreichen Absolvieren von Lösung Nummer drei steht man dann aber vier Meter weiter vor einer ebenso unüberwindbaren Steinwand, die sich Bordstein nennt und muss irgendwie wieder hoch. Das ganze Radfahren ist hier sogar so kompliziert, dass neue umweltfreundliche Lieferservice-Alternativen nicht in meine Straße fahren.

Nun bin ich zwar auf jeden Fall für eine Verbesserung der Radsituation in Berlin und hoffe auf die 20.000 zum Volksentscheid nötigen Unterschriften, bin mir aber durchaus bewusst, dass ich hier auf hohem Niveau meckere. Denn wo die Bordsteine für mich eigentlich nur kurze Unterbrechungen meiner Fahrt sind, sind sie für Rollstuhlfahrer ja wirklich unüberwindbare Hindernisse. Vielleicht sieht man im Kiez deshalb so selten welche.

Ein Bordstein, auch Kantstein oder Randstein genannt, ist im ursprünglichen Sinn dazu da, verschiedene Bereiche der Straße voneinander zu trennen und den Fußgänger vor dem Verkehr schützen soll. Schön und gut. Nun bleibt die Frage: Wieso sind die Teile hier so verdammt hoch? Und nein – ich übertreibe nicht: Mir kamen schon die lustigsten Ideen, nachzumessen. Die einfachste und am wenigsten amüsante Messvariante, das Lineal, hat den Verdacht bestätigt: Es sind an einigen Stellen tatsächlich mehr als ZWANZIG Zentimeter. Brauch(t)en Fußgänger hier mehr Schutz als in andernkiezorts? Waren die Kutscher hier damals solche Rowdys? Sind die Bäume hier schneller und unkontrollierter gewachsen und haben ihr Beton-Fundament mit aus dem Boden gehoben? Hatte der Flughafen damit etwas zu tun? Stand die Stadt- und Straßenplanung im Schillerkiez unter Drogeneinfluss? Wollte man um die vorletzte Jahrhundertwende im Wohnraum für das gut situierte Bürgertum bewusst Rollstuhlfahrer vermeiden?

Womöglich hat jemand eine Antwort parat, er möge sie bitte kundtun! Was es auch sein mag – ich habe meinen Gedanken, meinem Unmut und meinen gesellschaftlichen Sorgen bezüglich des Neuköllner Bordsteines endlich Luft gemacht. Vielleicht habe ich in Zukunft ein friedlicheres Verhältnis zu den stolzen steinharten Dingern.

Kristina Wedel ist freie Illustratorin und lebt in Berlin-Neukölln. Wo andere ihre Smartphones mit nie wieder angesehenen Fotos füllen, hält sie ihren Stift – vorzugsweise einen einfachen, schwarzen Muji-Pen – bereit und zeichnet jene Eigenarten des urbanen Alltags, die sich nicht so leicht ablichten lassen. Für Das Filter erzählt sie jeden zweiten Mittwoch die Geschichten hinter ihren Bildern.

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