Destruktion, Tumblr-Quietscherei und digitalpsychedelischer TechnoTim Hecker, Ash Koosha, We Will Fail: drei Alben, drei Meinungen

Rountable Hecker Koosha Fail lead

Zwischen Montreal, Los Angeles, Teheran, London und Warschau spielt die Musik, die in der neusten Ausgabe des Filter-Roundtables verhandelt wird. Das ist fast ein Mal um die Welt und genauso anders und einzigartig sind die Entwürfe. Tim Hecker forscht seit 1996 an der musikalischen Destruktion, ohne dabei Strukturen und Harmonien aus dem Blick zu verlieren. Nach Alben auf Kranky, Mille Plateaux, Alien8, Software und Subtractiv ist er nun Teil der traditionsreichen 4AD-Familie. Ash Koosha stammt aus Iran, wo er sich während seines Studiums der Musikwissenschaften auch mit Film, Virtual Reality und Programmierung beschäftigte. Seiner eigenen Musik wegen saß er in Teheran im Gefängnis, nun lebt er in London und veröffentlicht dieser Tage auf Ninja Tune sein neues Album. Die aktuelle Platte von Aleksandra Grünholz aka We Will Fail ist hingegen bereits erschienen. Verteilt auf zwei CDs, vermengt die Polin Field Recordings, Dancefloor-Reminiszenzen, Noise-Kultur und Elektronika zu ihrem ganz eigenen Stil. Christian Blumberg, Kristoffer Cornils und Thaddeus Herrmann haben sich die drei Alben angehört.

Tim Hecker Love Streams Artwork

Tim Hecker, Love Streams, erscheint auf 4AD.

Tim Hecker – Love Streams (4AD)

Christian Blumberg: Erstmal die gute Nachricht: Tim Hecker klingt hier doch anders als zuletzt, vor allem freut mich, dass er diese ausladenden, flirrenden Flächen ein bisschen zurückfährt, die ja mittlerweile so etwas wie sein Trademark-Sound geworden sind. Was mich nicht so anmacht, ist das Orchestrale, aber es ist doch angenehm gewendet. Kürzere Stücke als Mittel gegen zu viel Kontemplation. Überhaupt bewegt er sich ein bisschen weg von der sublimen Überwältigung, hin eher zur Minimal Music, vielleicht auch zu zeitgenössischer Musik. Schließlich drohte Hecker so ein Kirchenkonzert-Produzent zu werden. Ihr wisst schon: Ambient in einer Kirche aufführen und die Erhabenheit der Musik noch steigern, indem man sie in so eine Kulisse stellt. Das ist ein Match, aber made in der Emo-Hölle. Und sicher könnte man „Love Streams“ auch in einer Kirche aufführen, aber das ginge vielleicht nicht mehr ganz so offensichtlich zusammen. Obwohl, diese Choräle …

Thaddeus Herrmann: Waren Kirchen nicht schon mal ein Thema bei Hecker? War da nicht was beim letzten Album? Dieser Orgel-Platte?

Kristoffer Cornils: Ja, stimmt – die „Virgins“ hatte auch schon christliche Motive mit entsprechendem Sound-Material. Was mich langsam ein bisschen langweilt: Dass Hecker bei der gleichen Verfahrensweise bleibt, die alle bei „Ravedeath, 1972“ so abgefeiert haben. Erstmal alles kaputt machen, durch zwei Fender jagen und schwupps, Kunscht. Dass er dazu noch ein schwammiges Oberthema einführt – FACT hat den Albumtitel toll trocken mit „Love Streams, lol” abgekanzelt – unterwältigt mich daran noch mehr. Klingt irgendwie wie etwas, was Oneohtrix Point Never schon vor vier Jahren gemacht hat.

Thaddeus: Kaputt machen, das hat mich schon vorhin beschäftigt. Da saß ich hier und habe versucht, mich an meine erste musikalische Begegnung mit Hecker zu erinnern. Das muss ein frühes, vielleicht sein erstes Album gewesen sein, auf Substractiv, diesem kanadischen Label. Das funktionierte schon nach dem gleichen Prinzip, alles dekonstruieren. Nur war er damals noch grün hinter den Ohren. An seiner Arbeitsweise hat sich wohl nichts geändert. Kettensägen-Barock. Die Geschichte drumherum ist mir ja per se egal. Musik ist in der Regel nur dann zu ertragen, wenn man sämtliche Versuche, Idee und Konstrukt, diese Meta-Metastasen zu ignorieren.

Tim Hecker Portrait

Tim Hecker

Kristoffer: Ich sehe das nicht als Dekonstruktion, Hecker setzt ja auf Destruktion. Wenn ich mich recht entsinne, hießen drei Tracks auf der „Ravedeath, 1972“ „Hatred For Music”. Das ist das Prinzip, dem er treu geblieben ist, zumindest meiner Meinung nach – und jetzt fängt es an, mich zu langweilen. Weil dieses schwammige Oberthema – Liebe in Zeiten des streambaren Neoliberalismus – ästhetisch nicht umgesetzt wird. Das enttäuscht mich genauso wie die lapidare Platte von Fatima Al-Qadiri, die ein paar Vocal-Samples in den Mix schmeißt und musikalisch lediglich eine Art zweiten Teil von „Asiatisch“ abfährt. Was soll das?

Christian: Ich mag ja Konzept, aber hier ist das bestimmt auch Türöffner. Damit kommst du auch in Konzerthäuser und ins MOMA. Und ich hab das Gefühl, dass Hecker genau da wieder hinwill.

Thaddeus: Es sei ihm gegönnt. Was sagt uns denn diese Platte zum derzeitigen Stand bei 4AD? Ich denke ja immer noch in diesen Kategorien, dass Labels auch einen Sound haben, eine Vision, die verfeinert oder entwickelt werden kann. Ständig neue Signings auf dem Label.

Christian: 4AD signen seit Jahren alles weg, was irgendwie erfolgversprechend ist: Holly Herndon, Ariel Pink, Future Islands. Schon gute Sachen, aber eben nach dem Major-Prinzip. Und ein bisschen random ist das inhaltlich schon, mit Verlaub.

Thaddeus: Die hauen das ganze Geld, das sie mit Adele verdient haben, auf den Kopf. 4AD gehört ja zum gleichen Unternehmen wie XL. Wobei das im Fall von Hecker vielleicht eher eine Steuerabschreibung sein könnte. Gut ist es dennoch.

Kristoffer: Okay. Positiv gewendet: Ich sehe Labels anno 2016 nicht mehr als Kanal für fixierte Sound-Entwürfe. Schauen wir mal auf die erfolgreichen Labels der letzten Jahre, die sich hochgearbeitet haben: Tri Angle fingen mit Witch House an und sind ganz woanders gelandet, Houndstooth haben sich ähnlich breit entwickelt, und so weiter. Da geht es eher darum, dass bestimmte ästhetische Parameter weiterentwickelt werden, keine Sound-Konzepte. Bei Houndstooth trifft ja Pop in Dunkelbunt auf Acid-House in, naja, dunkelbunt. Bei 4AD scheint mir das allerdings in der Tat wahllos.

Ash Koosha Artwork

Ash Koosha, I Aka I, erscheint auf Ninja Tune.

Ash Koosha – I Aka I (Ninja Tune)

Christian: Dann können wir jetzt über den neuen Release auf Ninja Tune sprechen. Die haben ja zuletzt Signing-technisch auch Neuland betreten, da scheint mir aber mehr Plan dahinter: Man verjüngt sich über zeitgemäßere Klangentwürfe. Bislang hätte ich Koosha eher in einer Reihe mit Lotic, Arca und ähnlichen Künstlern gesehen, diese postdigitale Welt. Koosha macht daraus aber beinahe Popmusik.

Kristoffer: Ja, die Platte heißt ja auch „I Arca I“, oder? Scherz beiseite, beim ersten Hören dachte ich, irgendein Chiptune-Producer wäre aus der Versenkung gekrochen und hätte den PC-Music-Katalog durch den YouTube-Masher gezogen. Irgendwie albern, irgendwie konzeptschwer und doch nicht catchy.

Thaddeus: Die vermeintliche Schwere höre ich aber nur im Info. Also: Dort lese ich sie. Ich finde das Album schon ziemlich catchy. Auf jeden Fall ist es die am wenigstens schlecht gelaunte Platte dieser Runde.

Ash Koosha Portrait

Ash Koosha / Foto: Ozge Cone

Christian: Auf jeden Fall funktioniert sie – im Gegensatz zu Tim Hecker – in zwei Welten. Diese postdigitale Musik ist und war schon deshalb interessant, weil man sie kategorial so schwer zu fassen bekommt und viele Sounds einfach umkonnotiert werden: Eine Gitarre muss in einem Track von M.E.S.H. oder Arca eben nichts Analoges aufrufen, sie kann digital und glitschig sein. Und wenn Koosha hier mal einen gerade Beat laufen lässt, klingt der auch nie industriell, sondern ganz flüchtig und quirlig. Jetzt kann man natürlich sagen, dass es solche Strategien seit der Musique Concrète immer gegeben hat und das stimmt ja irgendwie auch. Koosha geht damit sogar ziemlich offensiv um, etwa wenn er in den Tracks deren Klangquellen oft sukzessive freilegt. Diese Enthüllungsmomente mag ich auch gar nicht so sehr. Das „Heavy Processing“ der Klangquellen wirkt für mich um so besser, je weniger erkennbar bleibt, womit man die Black Box gefüttert hat. Dann wird kein Bild mehr produziert von einem Gerät und wie man es bedient, einem Synthesizer vielleicht oder einem Drumcomputer. Stattdessen bleibt die Black Box verschlossen. So ergibt sich plötzlich etwas Geheimnisvolles, aber rein technisch, das hat nichts mit Atmosphären oder Klangfarben zu tun. Dieses Black-Box-Geheimnis bleibt auch hier noch erhalten, obwohl die Platte ja nun wirklich alles andere als mysteriös klingt, sondern im Gegenteil wahnsinnig quietschig und, genau, catchy ist.

Kristoffer: Ich würde sie in jedem Fall auch in diese – wenn wir schon davon sprechen können – Tradition einreihen. Nur scheint mir das hier irgendwie recht wahllos und total aufgebläht. Zum einen fehlt mir die distinktive Sexiness, die Arca oder auch Lotic ausmacht. Okay, jetzt gerade laufen hier im Hintergrund arabische Elemente rein – dann wird es wieder spannend, wenn gewissermaßen noch eine Historisierung oder Lokalisierung dieser Musik stattfindet. Und da würde ich dann schon eher die Anknüpfungspunkte zu den oben genannten sehen. Denn die existieren ja auch nicht allein in irgendeinem tumblr-Vakuum, sondern verweisen auf sehr diskrete Diskurse, einerseits körperliche beziehungsweise politische und andererseits musikalische. Aber mal ganz plump gefragt: Macht es Spaß, diese Platte zu hören?

Christian: Ja.

Thaddeus: Ja. Dabei kann ich gar nicht wirklich beschreiben, warum das so ist. In ihrer Sperrigkeit, ob ernstgemeint oder vorgetäuscht, ist sie erstaunlich zugänglich. Es gibt wenige Produzenten, denen dieser Spagat gelingt. Das Sound-Verständnis all derer jenseits des klassischen Dancefloors, wo ich elektronische Musik immer noch vornehmlich verorten würde, hat sich ja fundamental verändert und entwickelt. Und in der Regel mag ich das nicht besonders. Weil sich mir der Sinn jenseits des Experiments und des persönlichen Ausdrucks nicht erschließt. Aber das hier, das funktioniert irgendwie. Muss wohl an den Referenzen liegen, die er abruft. Chip-Tunes leuchtet mir zwar nicht so ein, aber die Richtung stimmt. Da schwingt viel popkulturelle Tradition mit, ein dicker Anker, der – erstmal ausgeworfen – so schnell nicht wieder gehoben werden kann. Das passt schon alles. Ein Album aus der Kategorie … ja, welcher Kategorie überhaupt?

Kristoffer: Gute Frage, auf die ich keine Antwort habe. Genauso wie zur neuen We Will Fail. Ist das nun Sähkö für Laptop-Nerds? Digitaler Analog-Techno für Menschen, die ihre Musik bei Soundcloud ernsthaft als experimental verhashtaggen? Oder einfach nur Niedrigschwellenindustrial?

We Will Fail Artwork

We Will Fail, Hand That Heals / Hand That Bites, ist bereits auf Monotype erschienen.

We Will Fail – Hand That Heals / Hand That Bites (Monotype)

Thaddeus: Erzähl uns doch was zu We Will Fail. Kannte ich überhaupt nicht. Auch das Label – Monotype – hatte ich nicht auf dem Zettel. Die schicken mir zwar jede Woche Spam-Mails, ich solle doch CDs bei ihnen pressen, aber die Musik? Fehlanzeige. Wer ist denn nun We Will Fail?

Kristoffer: Da erwischt du mich jetzt natürlich mit einer Wissenslücke. Was ich weiß: Ich mochte die vorangegangenen Platten sehr gerne und auch ihr Gig beim CTM im letzten Jahr hat mir gut gefallen. Als diese Platte beim Wire vorgestellt wurde, habe ich das anfangs nur hintergründig laufen lassen, irgendwann aber hat es mich gecatcht. Ach ja, sie kommt aus Polen. Bio Ende.

Christian: Danke. Also mich catcht es erstmal gar nicht, ich komme da gar nicht wirklich rein, das Album ist auch so wahnsinnig lang. Hey, eine Doppel-CD! Das ist natürlich auch ein Statement. Eigentlich mag ich solche Formate der Überforderung auch. Da steigt man mal aus, dann wieder ein. Über die enorme Spielzeit will sich dann aber eins nicht recht auflösen. Es gibt, vor allem in der zweiten Hälfte, immer wieder Stellen, die so einen düsteren Goth-Mystifizismus aufrufen. Das wird aber klanglich nie wirklich eingeholt, weil die Sounds alle so flat und crisp sind, die kommen ja eher aus der Clicks&Cuts-Welt. Da ist so eine Diskrepanz. Was ja erstmal kein Problem wäre. Dann eben doch ein Problem wird, weil ich das Gefühl nicht los werde, dass diese Diskrepanz überhaupt nicht beabsichtigt ist.

We Will Fail Portrait

We Will Fail / Fotos: Olga Ozieranska

Kristoffer: Gerade das macht mich an. Da ich ja heute extrem konzeptgeil bin: Dieses hier ist relativ simpel. Es gibt eine dualistische Struktur und irgendwie werden auch zwei Pole gegeneinander ausgespielt. Sehr bescheiden eigentlich, aber darüber kann es sich für mich musikalisch sinnig entwickeln. Da gibt’s dann schon mal einen straighten Part, der in einem Warm-Up-Set auf der nächsten Mord-Labelnight laufen könnte und dann wieder Momente mit Autechre-Echos. Recht unprätentiös, aber es funktioniert für mich.

Christian: Mit dualistisch meinst du diese zwei Parts der Platte? Die erste Hälfte schielt auf Autechre und in der zweiten ist dann Verdunklung? Aber auch da passiert ja immer beides gleichzeitig: diese eingeschwärzte Romantik, das ritualistische Gewummer, und dazu noch der IDM-Headfuck.

Kristoffer: Du meinst IDMbient.

Thaddeus: Es hat wenig Eigenes. Vielleicht ist das aber genau das Eigene. Mal klingt das für mich wie Raster-Noton-B-Seiten auf Rentner-Niveau, dann fühle ich mich sehr an die IDM-Zeit erinnert, in der jeder komische Tracks auf noch komischere 7”s packte. Anything goes, bzw.: went. Und wir wissen ja, wohin das führte. Kann selbstverständlich sehr charmant sein, aber ich kann beim besten Willen nicht heraushören, wohin das hier führen soll.

Christian: Da mir das ähnlich ging, habe ich mal das Info gelesen. Da wird We Will Fail dann mit dem Satz zitiert: „I wanted to show the strength that can seduce and mesmerize at the same time.“ Gähn. Da habe ich die Platte dann ein bisschen aufgegeben.

„Klar spielt diese Musik mit einer Leni-Riefenstahl-Kantigkeit, aber muss das zwangsläufig affirmativ sein?“ (Kristoffer)

Kristoffer: Ich sehe mich in der merkwürdigen Situation, diese Platte verteidigen zu müssen oder zumindest zu wollen und das eigentlich nicht zu können. Ich find sie geil. Punkt. Isso. Sela. Finde ich das Konzept dahinter irgendwie ansprechend? Nö. Es ist eben ziemlich basal und das Zitat fasst es wohl doch ganz gut zusammen: Relativ einfache Strukturen aus dem Techno-Kosmos – was ja auch Verführungsmucke ist, auf eine Art – kommen mit so flächigen, digitalpsychedelischen Elementen zusammen. Das ist auch schon alles. Und es langweilt mich nicht, obwohl dieses Album mal echt, echt Villalobos’sche Längen hat.

Christian: Aber laut Programm will die Musik ja an so was Ursprüngliches ran. Das ist ja politisch immer fragwürdig. Und meine Abneigung dagegen ist sicher auch nur tagesaktuell, weil wir ja alle den AfD-Ekel haben. Das Spiel mit so tendenziell rechten Ästhetiken: Ich verstehe ja den Reiz. Das ist die alte Industrial-Nummer: Exploitation auf allen Ebenen. Deshalb war Industrial auch immer durchlässig für so eine rechte Esoterik. Aber jetzt gerade frage ich mich, ob man das nicht auch mal neu denken, ob man diese Formel nicht mal aktualisieren könnte. Das ist jetzt natürlich eine allgemeine Überlegung, du hattest ja schon gesagt, dass We Will Fail allenfalls Niedrigschwellenindustrial ist.

Kristoffer: Ich könnte jetzt ganz plump antworten: Wenn wir von Ursprünglichkeit und Industrial reden, müssen wir darüber reden, was für eine unglaubliche politische Sprengkraft Throbbing Gristle hatten. Müssen wir aber nicht. Um deine Frage aufzunehmen: Vielleicht muss manchmal nicht die Musik an sich aktualisiert werden. Vielleicht reicht es bereits, wenn sich die Entstehungskontexte aktualisieren. Meine Residualibiografie von vorhin lieferte ja nur einen Eckpunkt: Polen. Wenn wir schon 24% AfD-Wählerschaft in Sachsen-Anhalt schlimm finden, ist das ja noch ein ganz anderer Härtegrad. Und dann haben wir hier eine von einer Polin produzierte Platte mit dem Titel „Hand That Heals / Hand That Bites“. Da ist – auch das hatte ich gesagt – ein Dualismus angelegt, der sich vielleicht auch politisch lesen ließe. Denn klar spielt diese Musik mit einer Leni-Riefenstahl-Kantigkeit, aber muss das zwangsläufig affirmativ sein? Und selbst, wenn es das wäre: Ist Überaffirmation nicht eine Form von Subversion? Vielleicht zu viel gefragt für eine Platte, von der nur 500 Exemplare höchstens gepresst werden, aber irgendwie will ich das nicht unbedingt so stehenlassen.

Christian: Aber gilt das heute so alles noch mit der Subversion? Habe da leise Zweifel. Bei WWF aber scheint mir, sie bedient sich hier bei einem klanglichen Genrevokabular, das die politischen Implikationen immer schon mitschleppt. Da greifen dann auch die gängigen Interpretationsmuster. Ich fände es lediglich interessanter, wenn man das mal anders machte. Das machen aus meiner Sicht momentan viele Grime-Produzenten, wenn sie ihre harschen, militanten Beats mit so wobbligen, synthetischen Käses-Sounds übergießen. Verglichen damit verlässt sich diese Platte schon sehr auf etablierte Formen.

We Will Fail Portrait 02

Thaddeus: Natürlich sind die Formen und Farben dieser Platte etabliert. Weil sie seit 20, 30 Jahren diskutiert werden in der Produktion von Musik und sich mit der Zeit einfach verändert haben. Gar nicht zwingend weiter entwickelt, aber eben verändert. Nicht verwässert, nicht adaptiert, eher geupdated wurden. Ich will ganz ehrlich sein: Ich höre auf diesem Album keinen Fitzel Industrial. Gar nicht, das passt nicht als Referenz. Selbst diese gut gestimmte Bassdrum mit White Noise obenrum, das ist kein doch Industrial. Muss es auch gar nicht sein. Ich höre da auch keinen unterschwelligen Protest gegen politische Realität. Das ist eher so Galerie-Techno für Stehkragen-Hemden. Wenn wir schon über Referenzen reden müssen, dann sehe ich die eher im Post-EBM aus Belgien. Unbedingt Belgien, kein anderes Land. Das ist schon ok, so wie es ist. Nur hören will es nicht. Genau die gleiche Platte hätte ich auch schon vor 20 Jahren langweilig gefunden. Ist leider so.

Kristoffer: Okay, also in Sachen Destruktionspotenzial hat Thaddi mal eben alle drei Platten völlig an die Wand gespielt. Und nun, verbrannte Erde?

Thaddeus: Ach wo, weitermachen! Hier ist die Frage, die mich schon seit längerem beschäftigt. Warum finden die „jungen Leute”, ich weiß ja gar nicht wie alt die Produzentin ist, warum also finden die jungen Leute diesen Sound von damals so toll? Kann mir niemand erklären. Ihr?

„Keine böse Musik, einfach nur erzkonservativ.“ (Thaddeus)

Kristoffer: Vielleicht ist das so eine Žižek-Geschichte: Es wirkt so politisch inkorrekt, weil es politisch so überladen ist und bedingt damit vielleicht ein Verlangen nach Abgrenzung von einer vermeintlichen Diskursvorherrschaft von political correctness. Das erklärt ja auch diese Berceuse-Heroique-Geschichte – der Typ ist ja auch kein Faschist, sondern einfach nur ein bisschen doof. Daran reizt vielleicht gerade dieses totalitäre Moment, das eine gewisse Einfachheit garantiert: böse Musik vs. gute Musik.

Thaddeus: Aber diese Musik ist doch nicht böse. Die ist historisch gesehen einfach nur erzkonservativ. Ich finde es übrigens nicht angemessen, bei jeglicher Musik, der man eine Verwandtschaft zum Industrial andichten könnte, gleich die politische Konnotation anzudichten. Die warten nämlich damals, genau wie der Berceuse-Heroique-Typ heute, auch nicht alle clever.

Christian: Dann will ich aber auch andere artist statements lesen. Und nicht solche, die den ganzen ideologischen Ballast befeuern, den wir jetzt besprechen. So ist mir das zu langweilig.

Kristoffer: Okay, point taken. Vielleicht drücken wir es anders aus: Diese Industrial-Elemente – und ich spreche da vor allem von ästhetischen Merkmalen, nicht implizit politischen – sind ja auch im Techno aktuell sehr beliebt. Dazu kommt dann sowas wie der Berghain-Dresscode: alles schwarz, umgedrehte Kreuze, etc. – im Grunde ist das Publikum kaum von dem eines gemeinen Black-Metal-Gigs zu unterscheiden. Ich denke, das fungiert als Distinktionsmerkmal und das Feindbild heißt EDM oder abstrakter mit Byung-Chul Han gesprochen das Glatte. Was sich in diesen konsensoppositionellen Ästhetikentwürfen – von denen wir heute gleich drei hatten – äußert, ist die Sehnsucht, damit zu brechen. Entweder auf destruktive Art wie bei Hecker, mit einem total fluiden Ansatz wie bei Ash Koosha oder eben mit streng definierten Linien wie bei We Will Fail. Ist sicher überholt, so eine subkulturelle Subversionsmacht ins Spiel zu bringen, aber ist es illegitim?

Christian: Ok, wenn wir die alten Fronten aufmachen, dann ist Ash Koosha der Gewinner des Abends, weil das glatt ist, aber vielleicht glatt gegen glatt. Oder eben affirmativ und widerständig zugleich.

Kristoffer: Kann ich einsehen, kann ich mitgehen, finde die Platte trotzdem scheiße. Sorry not sorry.

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