Richie Hawtin in the mix(er)Der Model 1 definiert den Clubmixer neu

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Foto: Benedikt Bentler

Mit viel TamTam und eigens angeschlossenem Boiler Room hat Richie Hawtin seinen eigenen DJ-Mixer vorgestellt. Model 1 – entwickelt in Zusammenarbeit mit Allen & Heath – soll seine eigenen hohen technischen Ansprüche beim Auflegen endlich in einem Stück Hardware kompromisslos widerspiegeln, setzt aber auch andere überraschende Schwerpunkte. Wir haben unseren Redakteur Benedikt Bentler zur Vorstellung geschickt. Der kennt sich zwar nur rudimentär mit Mixern aus, weiß dafür aber umso besser, wie ein gutes DJ-Set zu klingen hat und schien somit der perfekte Kandidat für einen Hands-On-Bericht abseits nerdiger Details.

Wer schon mit Richie Hawtin zu tun hatte, weiß: Dieser Mann ist Perfektionist. Ein eigener Mixer, perfekt abgestimmt auf die eigenen Bedürfnisse, ist da nur konsequenter Fortschritt. Zwei Jahre lang hat Hawtin zusammen mit Allen-&-Heath-Entwickler Andy Rigby-Jones über den entscheidenden Fragen gebrütet:

Welche Funktionen fehlen dem üblichen Mixer, welche sind überflüssig und wie sollten sie für eine möglichst intuitive Bedienung angeordnet sein? Wie lassen sich die wichtigsten Sound- und Effektparameter für die vier gleichzeitig laufenden Traktor Decks analog aber in kompakten Ausmaßen verändern? Und wie kriegen wir endlich Phono und Line auf gleiche Lautstärke?

Trotzdem haben wir uns vorab gefragt, ob dieser Mixer nun wirklich anders oder einfach nur besser in puncto Soundqualität ist. Aber schon beim ersten Blick auf das Gerät wird klar: Bis auf die sechs Fader scheint hier kein Parameter an seinem gewohnten Platz zu sitzen. Und selbst die sind anders – haben die im Studio üblichen, flachen Kappen.
An mehreren Stationen konnte der Mixer in allen möglichen Kombinationen aus Traktor, CDJs, Live-Setup und Plattenspieler getestet werden. Was auch gleich zur ersten entscheidenden Frage führte, Stichwort: Phono Pre Amp.

Play Differently Mixer Hochkant

Vinyl & CDJ – Endlich eine Lautstärke

DJs, die gern eine Kombination aus digitalen Geräten und Plattenspielern nutzen, kennen das Problem, aufmerksame Partygäste ebenfalls: Es scheint nach wie vor eine ingenieurstechnische Herausforderung zu sein, beide Signale – Line & Phono – mittels Vorverstärker auf die gleiche Lautstärke zu bringen. Gerade die Mixer von Allen & Heath werden hinsichtlich dieser Problematik gern zuerst genannt. Umso interessanter, dass der Model 1 genau hier herausragende Leistung erzielen soll, wo er doch genau aus jenem Hause kommt: Allen & Heath. Doch in der Praxis überzeugt der Phono-Vorverstärker: weder im Selbsttest gab es was zu meckern, noch in den späteren Boiler-Room-Sets, wo die Digital-Analog-Kombination durch die DJ-Wechsel auf die Probe gestellt wurde. Randnotiz: Ellen Aliens Vinylset an diesem Abend ließ den Gästen die Kinnlade bis zum Boden fallen.

Wer braucht schon einen 3-Band-EQ?

Den sonst üblichen 3-Band-Equalizer für jeden einzelnen Kanal sucht man beim Model 1 vergeblich. Oben rechts gibt es einen Master-EQ mit der gewohnten Funktionalität sowie einen eigenen EQ für den Monitor, doch die drei Regler pro Kanal mitten im Mischuplt sind gewichen: Hier sitzen jetzt High- und Low-Pass-Filter sowie ein Equalizer, dessen Frequenz sich über einen weiteren Regler individuell zwischen 70 Hz und 7 kHz einstellen lässt. Das soll Flexibilität schaffen, bei gleichzeitiger Reduzierung der Bedienelemente.

Play Differently Model 1 Wide

Gib ihm Drive

Ebenfalls ungewohnt: ein Drive-Regler für jeden einzelnen Kanal. „Spielt man zum Beispiel Klassiker aus den 90ern, haben die oft nicht genug Power. Und da es nicht von jeder Platte eine Remaster-Version gibt, haben wir einen analogen Overdrive eingebaut“, wird mir erklärt. Klingt sinnvoll, wirklich testen konnte ich diesen Spezialfall allerdings nicht.
Am oberen Ende der Bedienelemente hat jeder Kanal zwei Aux-Regler, mit denen sich angeschlossene Effekte regeln lassen. Ein bisschen Hall hier, ein leichtes Delay dort – kein Problem.

Nie wieder Kopfhörer tauschen!

Eine weitere Funktion, die bei den Anwesenden einhellig mit dem Wort „eeeeeeendlich“ aufgenommen wurde: Es gibt nicht nur zwei Kopfhöreranschlüsse, sondern zwei Cue-Sektionen, die komplett unabhängig voneinander funktionieren. Für DJ-Teams, B2B-Sets und kurze Festivalslots dürfte diese Funktion ein Segen sein.

Die Philosophie – Mixer als Instrument

Richie Hawtin stand an jenem Abend auch selbst Rede und Antwort – mit freundlicher Engelsgeduld bei stets den gleichen Fragen. „Dieses Gerät ist nicht nur Mixer, es ist ein Instrument. Es gibt viel mehr Möglichkeiten, den Sound anhand einzelner Parameter zu manipulieren bei völlig intuitiver Bedienung. Dadurch werden Sets interessanter und die unterschiedlichen Stile von DJs nach außen gekehrt,“ erklärt der Ideengeber. Bis die Bedienung in Fleisch und Blut übergeht, ist zumindest Praxis erforderlich. Aber das Konzept kommt an: Allerhand Artists und DJs waren unter den Testpersonen und tatsächlich konnte ich keinen finden, der kritische statt begeisterte Worte fand.

Anders auf einen Blick:

  • Phono-Vorverstärker funktioniert wie er soll
  • komplett analog
  • 1-Band-EQ mit Frequenzregler pro Channel
  • Drive-Regler pro Channel
  • Booth- und Master-EQ
  • Contouring pro Channel (HPF, LPF)
  • Aux-Regler für zwei Effekte je Channel
  • Zwei Cue-Sektionen

Ob sich der Model 1 durchsetzt, ist nun vor allem davon abhängig, wie er in den Clubs aufgenommen wird. „Ich war die letzten Wochen auf Vorstellungstour durch die Clubs. Das Feedback war zunächst einmal sehr positiv,“ berichtete einer der Mitarbeiter. Und auch wenn die Auslieferung erst Ende Juni beginnt, hat manch ein Club bereits einen. Der ein oder andere DJ aus Hawtins Dunstkreis durfte ebenfalls schon ausgiebig zu Hause testen, sicher zumindest das Lineup des Abends: Chambray, Chris Liebing, Dubfire, Ellen Alien, Fabio Florido, Joseph Capriati, Hito, La Fleur und Whyt Noyz. Es war zu erwarten, dass Hawtin sich bei „seinem“ Boiler Room auch in Sachen Lineup nicht lumpen lässt, aber die Anzahl der hochkarätigen DJs überraschte dann doch. Trotz der dadurch nötigen 30-Minuten-Sets passten alle Sets perfekt aufeinander, ein B2B-Set von Hawtin und Dubfire nach Streamingende brachte den krönenden Abschluss in exklusiver Runde. Besser hätte der Promo-Abend für Gastgeber Richie Hawtin nicht laufen können. Seinem Perfektionismus sei Dank.

Unabhängig davon ob der Model 1 nun in den Techlisten der Clubs landen wird, gute Gedanken und eine neue Herangehensweise an die Anforderungen eines Clubmixers hat Richie Hawtin mit seinem Gerät allemal angestoßen. Und ein Nachfolger wird sicherlich kommen, die „1“ steckt ja schon im Namen.

Play Differently Model 1 Draufsicht

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